Wildlebende Bestäuberinsekten spielen eine entscheidende Rolle für unzählige Pflanzen und auch unsere Landwirtschaft. Denn sie sichern den Ertrag vieler Kulturpflanzen, aber auch die Fortpflanzung zahlreicher Wildpflanzen. Dadurch beeinflussen diese Insekten ganze Nahrungsketten und fördern die Stabilität von Ökosystemen. Doch den Insekten geht es schlecht: In Deutschland hat die Biomasse fliegender Insekten in knapp 30 Jahren um drei Viertel abgenommen und auch weltweit brechen die Bestände vieler Insekten drastisch ein. Schon jetzt kommt es dadurch in vielen Ländern zu einem messbaren Rückgang der Erträge, wie Studien belegen.
Ertragseinbrüche um bis zu 20 Prozent
Doch was wären die Folgen, wenn noch mehr Insekten verschwinden? Dieser Frage sind Forschende um Arndt Feuerbacher von der Universität Hohenheim nachgegangen. In ihrem Szenario simulierten sie die Effekte eines Wildbestäuber-Rückgangs im Jahr 2030 von 90 Prozent gegenüber 2017. „Unser Szenario beschreibt mit einem 90-prozentigen Rückgang der Wildbestäuber einen Extremfall, der zwar unwahrscheinlich, aber leider nicht ausgeschlossen ist“, sagt Co-Autor Johannes Steidle von der Universität Hohenheim. Die Auswirkungen ermittelte das Team mit dem agrarökonomischen Simulationsmodell CAPRI. Dieses rekonstruiert Angebot, Nachfrage und Handel von rund 50 landwirtschaftlichen Produkten weltweit und bildet auch die komplexen Wechselwirkungen zwischen regionaler Landwirtschaft und globalen Märkten realitätsnah ab.
Das Ergebnis: Brechen die Bestände der wildlebenden Bestäuberinsekten ein, würden Produktion und Erträge vieler Nutzpflanzen in Europa deutlich zurückgehen – im Schnitt um vier Prozent. Nicht von Insekten bestäubte Pflanzen wie Getreide wären kaum betroffen, Obst und Gemüse dafür umso mehr. „Regionen wie Spanien oder Teile Osteuropas, die stark von wildlebenden Bestäubern abhängen, müssten sogar mit Ertragseinbußen von über 20 Prozent rechnen“, sagt Steidle. Diese Ertragseinbrüche lassen die Preise für viele Nahrungsmittel steigen, andere Produkte könnten knapp werden. Dies würde auch die europäische Wirtschaft treffen: „Der daraus resultierende gesamtwirtschaftliche Schaden beliefe sich im Jahr 2030 allein in Europa auf etwa 24 Milliarden Euro“, sagt Feuerbacher.
Zudem würde sich die Versorgungslage für Obst, Gemüse und Ölsaaten in Europa deutlich verschlechtern. Diese Nutzpflanzen-Produkte sind nicht nur ökonomisch, sondern auch ernährungsphysiologisch von zentraler Bedeutung. „In Europa leben laut der Welternährungsorganisation bereits 58 Millionen Menschen, die von moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen sind, vor allem in Süd- und Osteuropa. Die Herausforderung, diese Zahl zu reduzieren, würde mit einem Verschwinden der wilden Bestäuber deutlich schwieriger werden“, sagt Seniorautorin Christine Wieck von der Universität Hohenheim.
Auswirkungen weltweit
Wenn in Europa die Wildbestäuber wegfallen, wären die Auswirkungen jedoch nicht nur auf unseren Kontinent beschränkt. Durch die sinkenden europäischen Erträge und steigenden Preise käme es zu spürbaren Verschiebungen im internationalen Handel: Statt Obst und Gemüse zu exportieren, müsste die EU dann viele Obst- und Gemüsearten importieren. „Asien sowie Mittel- und Südamerika könnten zwar rund 80 Prozent der zusätzlichen europäischen Nachfrage decken, doch weltweit würden Verbraucher durch höhere Preise belastet“, erläutert Feuerbacher. Die Leidtragenden wären dann besonders ärmere Länder und Haushalte, weil sie ohnehin schon einen größeren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen. Der gesamtwirtschaftliche Verlust weltweit würde sich nach Schätzungen der Forschenden im Jahr 2030 auf über 34 Milliarden Euro belaufen.
Hinzu kommt: Die Wildbestäuber sind nicht ersetzbar – auch Honigbienen oder technische Verfahren können die Bestäubungsleistung dieser Insekten nicht vollständig übernehmen. Entsprechend wichtig ist es, die verbliebenen wildlebenden Bestäuberinsekten besser zu schützen. „Wenn Europa auch nur einen Teil der 24 Milliarden jährlich in eine biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft, die Förderung von Blühstreifen, Hecken und extensiv genutzten Flächen investieren würde, könnten wir die Folgen des Insektenrückgangs deutlich abmildern oder sogar umkehren und langfristig sowohl Erträge als auch Ernährung sichern“, betont Feuerbacher.
Verblüffende Diskrepanz bei den EU-Staaten
Interessanterweise gibt es in der EU eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen ökologischer Betroffenheit und politischer Haltung: Ausgerechnet die Länder, die besonders stark unter einem Verschwinden der Wildbestäuber leiden würden, sind am wenigsten bereit, EU-Schutzmaßnahmen wie beispielsweise Verordnungen zur Reduktion von Pestiziden oder zur Renaturierung zu unterstützen. Dazu gehören unter anderem Staaten wie Ungarn, Polen, Tschechien, Italien sowie Rumänien und Bulgarien. „Die ökonomischen Kosten des Verschwindens wilder Bestäuber sind besonders hoch in Ländern deren EU-Abgeordnete im Parlament mehrheitlich gegen die genannten EU-Verordnungen gestimmt haben“, berichtet Feuerbacher.
Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse, wie stark die europäische Landwirtschaft von Wildbestäubern abhängt. Der Schutz dieser Insekten ist daher nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch von zentraler Bedeutung – insbesondere in den Regionen, die am stärksten gefährdet sind und politisch solche Maßnahmen bislang am wenigsten unterstützen.
Quelle: Universität Hohenheim; Fachartikel: Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-025-65414-7





