Viele Menschen kennen Honigbienen (Apis mellifera) als Nutztiere aus der Imkerei, die Blüten bestäuben und Honig produzieren. Neben den Völkern in Bienenkästen gibt es jedoch auch zahlreiche wildlebende Honigbienen. Sie nisten etwa in Baumhöhlen, Felsspalten oder hohlen Gemäuern. Eine klare biologische Grenze zwischen wilden und gehaltenen Honigbienen gibt es allerdings nicht.
„Wilde Bienenvölker dienen seit Jahrtausenden als Quelle für die Imkerei. Beide Gruppen vermischen sich auch heute noch, zum Beispiel wenn sich junge Bienenköniginnen aus der Imkerei auf ihren Hochzeitsflügen mit den Drohnen wilder Bienenvölker paaren. Oder wenn ein ganzer Bienenschwarm aus der Bienenkiste zieht, sich in einer alten Spechthöhle im Wald ansiedelt und somit wieder Teil der wilden Subpopulation wird“, erklärt Kohl. Bisher wurden mehr als 1.600 Nistplätze solcher wildlebenden Honigbienen in 15 Ländern dokumentiert. Trotzdem fehlen bislang umfassende Daten zu ihrer Verbreitung, Bestandsgröße und Entwicklung.
Europa hat die geringste Dichte wildlebender Honigbienenvölker
Patrick Kohl von der Universität Hohenheim hat nun gemeinsam mit Benjamin Rutschmann vom Schweizer Forschungsinstitut Agroscope untersucht, wie sich die Populationen wildlebender Honigbienen entwickeln und ob sie in Zukunft ohne Zuwanderung von Bienen aus Imkereien überleben können. Die Forschenden werteten dafür Überlebensdaten wildlebender Honigbienenvölker aus sieben europäischen Ländern aus und berechneten, wie sich die Bestände über zehn Jahre ohne neue Schwärme aus Imkereien entwickeln.
Das Ergebnis: Die wilde Honigbiene ist in der EU zunehmend bedroht. Im Durchschnitt schrumpfen die wilden Bestände innerhalb eines Jahrzehnts um rund 56 Prozent. „Weltweit weist Europa die geringste Dichte wildlebender Honigbienenkolonien auf“, sagt Rutschmann. Dabei gibt es allerdings große regionale Unterschiede: Während Populationen in Mitteleuropa teils stark gefährdet sind, existieren zum Beispiel in Teilen Englands stabile Bestände. „Insgesamt zeigt sich jedoch, dass viele wildlebende Populationen zurzeit nicht aus eigener Kraft bestehen können und auf Zuwanderung aus der Imkerei angewiesen sind“, sagt Rutschmann.
Warum wildlebende Honigbienen wichtig sind
Doch wenn es sich ohnehin um dieselbe Art handelt, warum sind die wilden Honigbienen dann so wertvoll? „Die wilden Honigbienen verfügen über eine große genetische Vielfalt“, erklärt Kohl. In Amerika gibt es beispielsweise wildlebende Populationen, die besonders gut mit der Varroa-Milbe zurechtkommen. Diese blutsaugenden Parasiten befallen Larven und Brut der Honigbienen und übertragen krankmachende Viren. Dadurch können sie ganze Bienenvölker auslöschen. „Die fehlende chemische Behandlung gegen die Milbe in der Wildpopulation hat zur Selektion von Kolonien geführt, die gegen diese Parasiten weitgehend resistent sind“, sagt Kohl.
Außerdem können in den wilden Beständen seltene Unterarten wie die Dunkle Europäische Honigbiene überleben, die ebenfalls wertvolle Eigenschaften besitzen könnten, aber von der Imkerei bislang kaum beachtet wurden. Kohl ist überzeugt, dass die Imkerei von der genetischen Anpassungsfähigkeit der wilden Honigbienenpopulation an Krankheiten oder Umweltbedingungen profitieren könnte.
Wildlebende Honigbiene auf Roter Liste
Die International Union for Conservation of Nature (IUCN) stuft wildlebende Honigbienen trotz der Imkereivölker als eigenständige Wildpopulation ein. Als wild gilt eine Population, wenn sie mindestens zehn Jahre ohne menschliches Zutun bestehen kann. Aufgrund der Untersuchungen des Forschungsteams hat die IUCN nun die wilde Honigbiene in die internationale Rote Liste der bedrohten Arten aufgenommen und sie als „stark gefährdet“ eingestuft. Innerhalb der EU gilt ihr Bestand als kritisch, für ganz Europa fehlen jedoch ausreichende Daten. Fachleute gehen aber davon aus, dass wilde Honigbienen in vielen Regionen selten oder bereits lokal ausgestorben sind.
Die Gründe dafür sind unter anderem der fortschreitende Verlust geeigneter Lebensräume durch intensive Landnutzung und Bebauung, das Verschwinden von Nistmöglichkeiten in alten Bäumen und der Mangel an Nahrungsressourcen wie Pollen und Nektar. Außerdem belasten Pestizide, Krankheitserreger und invasive Arten die Gesundheit der Bienenvölker. Zudem können moderne Imkereipraktiken, etwa durch globalen Handel und Zucht, die genetische Anpassungsfähigkeit wildlebender Populationen schwächen. Imkereivölker bleiben von diesen Problemen zumindest teilweise verschont. Sie leben in nahezu idealen künstlichen Höhlen und werden bei akuter Nahrungsknappheit zugefüttert.
Mehr Schutzmaßnahmen nötig
„Wilde Honigbienen ergänzen gemanagte Bienenvölker räumlich. In ihrem angestammten Lebensraum, den lichten Wäldern und Waldrändern, beobachten wir zahlreiche Wechselbeziehungen mit anderen Arten“, sagt Kohl. Mit den wilden Honigbienen droht daher mehr verloren zu gehen, als die genetische Vielfalt. „Diese Völker brauchen alte Bäume mit geeigneten Höhlen, ein vielfältiges Nahrungsangebot und naturnahe Strukturen. Ihr Schutz hilft deshalb nicht nur der Honigbiene selbst, sondern auch vielen anderen Arten“, sagt Rutschmann. Die Forschenden fordern deshalb, wilde Honigbienen systematisch zu überwachen und ihre Lebensräume zu bewahren.
Quelle: Universität Hohenheim. Fachartikel: Conservation Science and Practice, doi: 10.1111/csp2.70345





