Naturfotografie bedeutet für viele Fotografen, seltene Arten und spektakuläre Momente einzufangen. Doch die Kamera kann auch helfen, den Blick für die Schönheit alltäglicher Augenblicke zu schärfen, findet unser Autor.
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Text: Gunther Willinger
Es gibt nicht viel, was mich vor Sonnenaufgang aus dem Bett locken könnte. Aber die Aussicht auf eine Tierbeobachtung tut es. An diesem Märzmorgen sitze ich um kurz nach halb sechs in meinem Fotoversteck in einer Hecke irgendwo zwischen Streuobstwiesen, Weiden und Ackerland. Die Nacht steckt noch in den Senken. Die Schlehen leuchten weiß aus dem Halbdunkel, vor mir liegt ein alter Fuchsbau. Doch statt der Füchse sehe ich zuerst einen Feldhasen, der angehoppelt kommt. Dann noch einen. Wenig später landet ein Bussard auf der Wiese und läuft zu Fuß durch das taunasse Gras, offenbar auf der Suche nach Regenwürmern. Grünspechte lassen ihren charakteristischen, an ein gellendes Lachen erinnernden Ruf erklingen und auch einen Steinmarder entdecke ich, der von Hecke zu Hecke huscht. Die Sonne schiebt sich langsam über den Horizont und wärmt endlich meine klammen Finger. Die geplanten Füchse werde ich an diesem Morgen nicht sehen, und trotzdem bin ich am Ende zufrieden nach Hause gefahren.
Naturfotografie schärft den Blick
Wenn Menschen über Naturfotografie sprechen, reden sie oft über Kameras, Objektive oder spektakuläre Motive wie Eisvögel, Löwen oder Polarlichter. Es geht um Wettbewerbe und die perfekten Bilder auf Instagram.
Natürlich freue auch ich mich über seltene Beobachtungen und gelungene Bilder. Die eigentliche Faszination der Naturfotografie liegt für mich jedoch woanders: Die Kamera liefert den Anlass, überhaupt hinauszugehen. Sie schärft den Blick und hilft, Entdeckungen zu machen, die ich sonst übersehen hätte. Und sie konserviert diese Augenblicke. Naturfotografie beginnt direkt vor der Haustür. Wer die Natur mit der Kamera entdecken möchte, kann einfach losziehen und sich treiben lassen – oder gezielt nach bestimmten Motiven suchen. Dann ist es hilfreich, möglichst viel über die Lebensweise und das Verhalten der anvisierten Arten in Erfahrung zu bringen: Zu welchen Tages- und Jahreszeiten sind sie aktiv? Wo gehen sie auf Nahrungssuche, wo ziehen sie ihre Jungen auf und welche Spuren hinterlassen sie? Je mehr man darüber weiß, desto besser die Chancen auf gute Fotos.
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So entdeckte ich vor einigen Jahren unweit unseres Hauses am Waldrand bei einem winterlichen Spaziergang den Eingang zu einem Bau. Die typische Furche in der ausgegrabenen Erde deutete auf einen Dachs hin. Ich las, dass die Tiere auch im Winter alle paar Tage aktiv werden und ihren Bau verlassen. Eine Wildtierkamera erbrachte dann Gewissheit: Auf mehreren Bildern und Filmsequenzen war ein Dachs zu sehen. Im Frühjahr, als die Tage länger und die Temperaturen angenehmer wurden, legte ich mich abends auf die Lauer. Weil Dachse ziemlich schlecht sehen, aber dafür eine umso feinere Nase haben, versteckte ich mich auf der windabgewandten Seite hinter einem Tarnnetz.
Beim ersten Ansitz war ich alles andere als optimistisch. Die Wildtierkamera hatte im Vorfeld ausschließlich nachts ausgelöst, und nun, in der Abenddämmerung, schwand das Licht unter dem dichten Blätterdach zusehends. Es würde bald stockdunkel sein.
Doch keine Viertelstunde nachdem ich mich eingerichtet hatte, schob sich eine vorsichtig schnuppernde Dachsnase ins Kamerabild. Mit klopfendem Herzen drückte ich ab – in der stillen Hoffnung, dass das für mein Empfinden ohrenbetäubende Klacken der Spiegelreflexkamera das Tier nicht verscheuchen würde. Doch der Dachs ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Kurz darauf folgten erst ein, dann zwei und schließlich drei Welpen ihrer Mutter aus dem Bau. Ich konnte mein Glück kaum fassen! Nach ein paar Minuten machte sich das Alttier auf zur Nahrungssuche, während das Trio in Baunähe zurückblieb und neugierig die Nasen unter Wurzeln und in Erdlöcher steckte. Dass die meisten Aufnahmen im fahlen Restlicht unscharf wurden, störte mich kaum – es blieb ein unvergessliches Erlebnis.
Ich kehrte noch einige Male zurück zum Dachsbau im Wald. Und auch wenn sich die Dachse mal nicht blicken ließen, behielt ich diese Ausflüge in guter Erinnerung (abgesehen von den Mücken, die fast immer zahlreich zugegen waren).
Die Tierfotografie erfordert viel Geduld, aber wenn man sich darauf einlässt, wird der Prozess des Fotografierens zu einer Übung in Achtsamkeit, die fast schon meditative Züge annehmen kann. Denn allein das Warten mit wachen Sinnen ist ein Erlebnis: der Duft des Waldes. Der Gesang der Vögel. Das Bellen eines Rehbocks. Ob am Ende ein Foto entsteht, ist dann fast nebensächlich.
Im Mikrokosmos Wiese
Wie die Dachse im Frühjahr, hat auch der Sommer seine besonderen Augenblicke: An vielen Ecken und Feldern blüht und summt es. Über ausreichend Motive muss man sich beim fotografischen Abtauchen in eine Wiese keine Gedanken machen. Wer mit einem Makroobjektiv unterwegs ist, betritt eine andere Welt. Dafür liege ich bäuchlings im Gras, vor mir ein einzelner Grashalm mit glitzernden Tautropfen. Dahinter verschwimmt die Wiese in einem Meer aus Farben und Formen. Ich entdecke winzige Details, wie die filigranen Staubbeutel und Narben einer Grasblüte. Eine Wildbiene schläft in einer Glockenblume. Ein Bläuling flattert vorbei, eine Springspinne dreht neugierig ihren Kopf. Es gibt so viel zu sehen und entdecken, dass irgendwann mein Zeitgefühl verschwindet. Alles andere tritt in den Hintergrund. Termine, To-do-Listen, Nachrichten. Es zählen nur noch Licht, Farben und Formen der Natur. Die Kamera wird dabei zu einer Art erweitertem Auge.
Die technischen Möglichkeiten, um die Momente festzuhalten, sind heute größer denn je. Aber die Technik ist dabei eher zweitrangig. Für die Ausrüstung muss jeder und jede selbst einen Kompromiss aus Gewicht, Preis, Bildqualität und Lichtstärke finden. Heute kann man selbst mit einer Handykamera wunderbare Bilder aufnehmen. Tendenziell sollte man aber für Objektive mehr Geld ausgeben als für die Kamera, denn die Optik ist meist entscheidender dafür, wie klar und scharf ein Bild wird und ob auch bei wenig Licht oder starkem Tele noch ein gutes Bild gelingen kann. Eine Erfahrung, die sich für mich über die Jahre immer wieder bestätigt hat: Die beste Technik ersetzt nicht die Zeit, die man draußen verbringt.
Naturnähe transportieren
Obwohl ich ab und zu immer noch dokumentarische Fotos mache, etwa um eine Art zu bestimmen, liegt der wesentliche Reiz der Naturfotografie für mich an anderer Stelle: In den kreativen Möglichkeiten und dem längerfristigen Verfolgen von Projekten. Der Naturfotograf und Naturschützer Helmut Weller beobachtet diese Entwicklung auch an seiner eigenen Arbeit. Ihm geht es darum, die Schönheit der Natur anderen Menschen kreativ nahezubringen. Seit vielen Jahrzehnten verbindet er Naturschutz und Naturfotografie. „Ich hatte schon immer das Bedürfnis, das Gesehene über den Moment hinaus festzuhalten und mit anderen zu teilen“, erzählt er.
Früher seien dabei eher zufällige Einzelaufnahmen entstanden. Heute beschäftige er sich oft über Monate oder Jahre mit einer Art oder einem Lebensraum. Für Aufnahmen von Braunkehlchen stellt er bereits im Herbst ein Tarnzelt auf, damit die Vögel sich im Frühjahr daran gewöhnt haben. Für ein langfristiges Wildkatzenprojekt arbeitet er mit professionellen Kamerafallen. Sein nächstes Projekt ist der Blauschillernde Feuerfalter – ein seltener und wunderschöner kleiner Schmetterling, der in Feuchtwiesen lebt. „Heute macht es mich zufriedener, eine Art wirklich kennenzulernen, als nur ein einzelnes Bild mit nach Hause zu bringen“, sagt Weller. Je besser man eine Art kennt, desto interessanter werden die Bilder: Man fotografiert nicht mehr nur ein Tier. Stattdessen erzählen die Bilder am Ende etwas über sein Verhalten, seinen Lebensraum und seine Gefährdung. Für die Umsetzung solcher Projekte arbeitet Weller eng mit Naturschutzorganisationen, Forschenden, Jägern und Landbesitzern zusammen. Auch auf seiner eigenen Obstwiese tut er viel für die Artenvielfalt und dokumentiert Tiere und Pflanzen mit der Kamera.
Schattenseiten der Naturfotografie
Langfristige Projekte und das wirkliche Kennenlernen einer Art helfen auch dabei, die Eingriffe von Fotografen in die Natur zu verringern. Erschwingliche Kameratechnik und Social Media treiben immer mehr Menschen auf Motivjagd in die Natur: Um das perfekte Bild zu erhaschen, ködern manche Fotografen Wildtiere mit Futter und verändern so deren Verhalten. Andere zertrampeln rücksichtslos Pflanzen oder rücken Tieren so dicht auf den Pelz, dass die Störung tödlich endet. Wie im Juni im nordrhein-westfälischen Viersen: Ein Facebook-Post lockte Heerscharen von Fotografen in den Brachter Wald, wo ein Uhu brütete. Gestresst von den Massen griffen die Alttiere Menschen und Hunde an – und töteten schließlich ihren eigenen Nachwuchs.
Die zunehmenden Auswirkungen spürt auch Thomas Schreiner. Der Jäger und Naturschützer betreut seit Jahrzehnten ein Revier nahe Tübingen. „Ein einzelner Naturfotograf ist kein Problem“, sagt er. „Aber die Summe der Störungen macht uns Sorgen.“
Gerade in der Nähe von Städten wird es eng, man kann sich kaum aus dem Weg gehen – das kann manchmal sogar gefährlich für den Fotografen sein. Schreiner erinnert sich an einen frühen Morgen auf dem Hochsitz: Im Visier seiner Wärmebildkamera tauchte plötzlich ein Tarnzelt auf. Der Fotograf saß genau in Schussrichtung. „Das hätte schiefgehen können“, warnt Schreiner.
Die Episode zeigt: Wer mit der Kamera durch Feld und Flur streift, teilt sich den Raum mit anderen. Um Konflikte und Gefahren zu vermeiden, hilft der kurze Draht zum örtlichen Jagdpächter oder Gebietsbetreuer. Wer das ist, weiß das Rathaus. Die Fachleute kennen nicht nur die lokalen Schutzgebiete, sondern oft auch die besten Beobachtungsplätze, an denen die Linse niemanden stört. Und noch eine Grundregel gilt es zu beachten, so Schreiner: Während der Erntezeit sind landwirtschaftliche Flächen tabu.
Zurück bei den Füchsen
Ende April kehre ich zu meinem Fotoversteck in der Hecke zurück. Diesmal taucht sogar ein Fuchs auf. Ein paar Fotos gelingen. Daheim am Computer erkenne ich an deutlich sichtbaren Zitzen: Es ist eine Füchsin, die vermutlich Junge versorgt. Und tatsächlich: Beim nächsten Besuch tollen fünf junge Füchse um die Mutter herum durchs Gras. Für gute Aufnahmen ist es längst zu dunkel, aber ich beobachte die junge Fuchsfamilie noch eine Weile mit dem Fernglas − und bin sicher: Ich war nicht das letzte Mal hier. //
Gunther Willinger
ist Diplom-Biologe, Naturfotograf und freier Journalist. Mehr seiner schönen Bilder gibt es auf der Website
Gleichgesinnte findet man zum Beispiel beim Naturfotoverein GDT – Gesellschaft für Naturfotografie e.V. und seinen Regionalgruppen.
Inspiration gibt es draußen in der Natur, aber auch in Bildbänden, Ausstellungen und natürlich online. Von Malern aus vergangenen Jahrhunderten lässt sich ebenso lernen, etwa zu Bildgestaltung und Lichtführung.
Das weniger kontrastreiche weichere Licht am Morgen oder Abend eignet sich in der Regel am besten zum Fotografieren. Tagsüber lassen sich kleinere Motive mit einem Diffusor beschatten.
Früh am Morgen sind viele Insekten und andere Tiere noch träge, das erleichtert das Fotografieren.
Ein Stativ sorgt für bewusstere Bildgestaltung und bessere Schärfe, nimmt aber auch Flexibilität.
Bücher und Video-Anleitungen im Internet gibt es unzählige. Ein aktuelles, empfehlenswertes und dazu toll gestaltetes Buch ist „Naturfotografie im Garten“ von Jonathan Fieber.
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