Ein sandiger Pfad irgendwo in den Dünen von Sylt, Heide ist zu sehen und offener Sand, und immer wieder steht Wasser in den Dünentälern. In das sommerliche Nordseeblau und Dünengold hat sich in den letzten Wochen eine neue Farbe gemischt: ein tiefes Rot saftig-satt leuchtender Beeren. Ende September reifen hier die ersten Cranberrys. Sie schmecken herb und sauer, doch mit Zucker vermischt werden sie sehr lecker und vielseitig verwendbar. Zudem haben die Beeren einige gesunde Inhaltsstoffe. Das ist aber nur die eine – positive – Seite.
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Text: Oliver Abraham
Ein sandiger Pfad irgendwo in den Dünen von Sylt, Heide ist zu sehen und offener Sand, und immer wieder steht Wasser in den Dünentälern. In das sommerliche Nordseeblau und Dünengold hat sich in den letzten Wochen eine neue Farbe gemischt: ein tiefes Rot saftig-satt leuchtender Beeren. Ende September reifen hier die ersten Cranberrys. Sie schmecken herb und sauer, doch mit Zucker vermischt werden sie sehr lecker und vielseitig verwendbar. Zudem haben die Beeren einige gesunde Inhaltsstoffe. Das ist aber nur die eine – positive – Seite.
Für die Natur der Insel sind die Cranberry-Pflanzen inzwischen eine Plage. Wo ihr knöchelhohes Gestrüpp dicht steht, und das ist auf Sylt an vielen Stellen der Fall, wächst oft nichts anderes mehr. Dennis Schaper, Stationsleiter Hörnum/Sylt der Naturschutzorganisation Schutzstation Wattenmeer, ist über die Entwicklung besorgt, denn die Cranberry ist auf Sylt eine invasive Pflanze, die in das örtliche Ökosystem eingedrungen ist. Sie wurde aus Nordamerika eingeschleppt und breitet sich immer mehr in den Sylter Dünen aus. In den feuchten Senken überwuchert sie empfindliche, heimische Pflanzen und bedroht die ursprüngliche Artenvielfalt der Insel. Schaper zeigt in einen Tümpel. Er hat dort Sumpfbärlapp gefunden. Um solch zarte Pflänzchen geht es ihm, sie gilt es, vor der Cranberry zu schützen.
Vitamin C für Seefahrer
Die rote Beere kam per Schiff. „In den Nordseeraum gelangte sie über die Seefahrt insbesondere des 19. Jahrhunderts“, berichtet Schaper. Seefahrer, die aus Amerika über den Atlantik nach Europa segelten, hatten die kanadischen Cranberrys als Vitamin-C-Quelle dabei, um dem gefürchteten Skorbut entgegenzuwirken. „Und mit ihrem Gehalt an Antioxidantien waren sie außerdem gut haltbar – die vergammelten so schnell nicht und man konnte sie gut in Tonnen lagern“, erzählt Dennis Schaper.
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„Ein solches Fass strandete um 1840 auf der niederländischen Insel Terschelling und führte dort wohl zur Ansiedlung dieser Art“, ergänzt der Biologe Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer, „sie wächst dort sehr gut und wird auch intensiv genutzt und vermarktet. Sie gilt aber auch in den Niederlanden als problematischer invasiver Neophyt.“ Wie sich die Cranberry an der Nordseeküste verbreiten konnte, beziehungsweise wie sie es speziell nach Sylt geschafft hat, lässt sich nur vermuten. „Vielleicht sind die Samen durch ziehende Vögel von Westfriesland nach Sylt gelangt“, spekuliert Rainer Borcherding, „genau weiß man es aber nicht.“
Anfangs war man in Europa über die Ausbreitung der Cranberry nicht beunruhigt, hat sie im Gegenteil sogar gefördert. Um das Jahr 1900 sei die Beere an einigen Orten in Europa als Nutzpflanze angebaut worden, erzählt Borcherding, wie zum Beispiel Mitte der 60er Jahre in Litauen als Obst auf Torfböden. „Wir haben die Cranberry lange Zeit für harmlos gehalten“, stellt der Biologe fest, „was sie in manchen Gebieten wohl auch ist. So wächst sie beispielsweise seit mehr als 100 Jahren in einem Moor bei Augsburg, gilt dort aber als nicht invasiv.“ Anders ist es inzwischen an der Nordsee. „Auf Sylt gibt es sie vermutlich seit mindestens 50 Jahren, aber seit etwa 20 Jahren ändert die Cranberry ihr Verhalten auf der Insel und wird stark invasiv“, sagt Borcherding. „Vielleicht musste sie sich erst akklimatisieren“, mutmaßt er.
Jedenfalls erfordere die massive Ausbreitung der Cranberry heute dringend Gegenmaßnahmen, so der Biologe, um die seltenen Pflanzen der feuchten Dünentäler wie Sumpfbärlapp, Sonnentau, Strandling oder Zwergbinse zu schützen. Borcherding verweist auf St. Peter Ording, südlich von Sylt an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins gelegen. Dort habe die Cranberry bereits in den 80er Jahren die Dünentäler überwuchert und werde inzwischen durch das Ausbaggern befallener Dünentäler intensiv bekämpft.
Dass die Pflanze heute auch für Sylt ein großes Problem darstellt, kann Dennis Schaper nur bestätigen: „Die breiten sich immer weiter aus, es wird immer mehr. Viele Dünentäler sind bereits mit kanadischen Cranberrys dicht bewachsen.“ Man kann Maßnahmen ergreifen, sie ausrupfen oder den Oberboden abtragen. Aber: „In manchen Dünentälern können wir nichts mehr machen, die haben wir aufgegeben“, sagt Schaper, „dort hat sie sich so stark ausgebreitet, dass wir sie nicht mehr loswerden.“
Die Cranberry braucht nasse, feuchte, Standorte, also gerade die besonders wertvollen und eher seltenen Lebensräume, und sie ist so robust, dass sie auch harte Winter und Trockenphasen gut verträgt. Das lässt anderen Arten wenig Chancen. Und die Beeren bedrängen nicht nur seltene Pflanzen: Auch die Kreuzkröte braucht beispielsweise offene Dünentäler – um Partner zu finden und sich für den Winter einzugraben.
Es geht also darum, gezielt ökologisch wichtige Flächen offenzuhalten. „Im Prinzip sind es meist dieselben Flächen, auf denen wir diese Maßnahmen durchführen“, sagt Dennis Schaper, „und in den vergangenen Jahren haben wir nochmals nachgeschärft: Wir haben jetzt die Rote-Liste-Arten genauer im Blick. Wir arbeiten dort, wo diese seltenen Pflanzen vorkommen, die von der Cranberry akut bedroht sind, wo unsere Maßnahmen einen Erfolg versprechen und wo sich bestimmte heimische Arten wegen unserer Maßnahmen bereits wieder ansiedeln – solche Arten sind zum Beispiel die Zwergbinse, der Sumpfbärlapp oder der Sonnentau.“
Die von Cranberrys befreiten Flächen werden in den Folgejahren beobachtet, um die Frage zu klären, ob durch das Entfernen der Ranken und das Absammeln der Beeren die Cranberry dauerhaft zurückgedrängt werden kann und welche Arten sich (wieder) ansiedeln. Die Ergebnisse der ersten Versuchsflächen seien Erfolg versprechend: Sogar die vom Aussterben bedrohte Zwergbinse tauchte wieder auf.
Die bisherigen Erfahrungen haben auch gezeigt, wie die Cranberry bestmöglich entfernt werden kann. „Es hat sich herausgestellt“, berichtet Rainer Borcherding, „dass die weit kriechenden Ranken der Cranberry in den ersten zwei, drei Jahren am besten von Hand gejätet werden. Später sind sie so fest verwurzelt, dass man besser einen Bagger nimmt, um den Oberboden mitsamt den Wurzeln abzukratzen.“
Die Mitarbeitenden der Schutzstation Wattenmeer in Hörnum begannen vor rund 15 Jahren mit einem Pilotprojekt, das sich schnell sowohl bei Einheimischen wie Gästen zu einer beliebten herbstlichen Mitmachaktion entwickelt hat: „Wir rupfen die Pflanzen aus und sammeln die Cranberrys ab“, sagt Schaper und lädt ein: „Jeder kann mitmachen. Die Beeren, Ihre eigene Ernte also, dürfen Sie behalten – diese als sogenanntes ,Superfood´ erhältlichen Beeren sind ja auch nicht ganz billig.“ Ab Ende September sind die Cranberrys in der Regel reif, bis Mitte November bieten die Mitarbeitenden der Schutzstation Wattenmeer in Hörnum Termine an. Dann gehen die Teilnehmenden unter Aufsicht und Anleitung von Fachpersonal in Täler der Küstendünen rund um Hörnum, um die Cranberry zu bekämpfen.
Am wichtigsten sei es, die Ranken auszureißen, da sich die Cranberry durch Ausleger vermehrt. Erst nachfolgend gehe es um das Absammeln der reifen Frucht, um eine weitere Verbreitung durch Aussaat zu verhindern – diese geschehe vor Ort oder durch die Verschleppung der Samen durch Vögel. „Die Ernte der Beeren ist für unsere Teilnehmer natürlich das Wichtigste“, sagt Dennis Schaper, „das ist sozusagen das Bonbon dabei, der kleine Eimer voll Cranberrys. Gut, dass die so lecker schmecken und man sie gut nutzen kann.“ Wobei er noch darauf verweist, dass die Cranberrys in den Sylter Dünen nur im Rahmen dieser Aktionen gesammelt werden dürfen – ansonsten gilt: Betreten verboten.
Mitte November endet die Cranberry-Aktion, man könne zwar grundsätzlich länger arbeiten – Ranken reißen und Beeren pflücken ginge auch dann noch –, sagt Schaper, aber ab dem späten Herbst stehe häufig schon zu viel Wasser in den Dünentälern und das Wetter werde zu schlecht. Sei das Wetter jedoch schön, sei man locker zwei, drei Stunden bei der Arbeit, dann mache es allen richtigen Spaß.
Seit sie die Aktion anbieten, haben bestimmt zwischen 1.000 und 1.500 Personen teilgenommen, schätzt Schaper und betont: „Ohne diese Mitarbeit geht es nicht, wir sind darauf angewiesen.“
Der Naturschützer berichtet von „ein paar hundert Quadratmetern“, auf denen die Maßnahmen bereits Erfolge zeigen würden. So gebe es positive Entwicklungen bei den Beständen von Moosbeere und des zuvor stark bedrängten Lungenenzians. „Insbesondere beim Lungenenzian zeigt sich aus dem Monitoring der letzten Jahre ein Aufwärtstrend in Bezug auf die gezählten Exemplare im Monat August“, berichtet Schaper. Die Bestände des zuvor stark bedrängten Sonnentaus haben sich in den Projektgebieten ebenfalls stabilisiert, und auch die nur auf Sylt und Amrum wachsende Zwergbinse habe jetzt wieder eine Chance.
Eine Überlegung sei es nun, die Naturschutzaktion auf weitere Bereiche der Insel auszuweiten – die Sylter Naturschutzbotschafterin Charlie Esser führt sie bereits bei Kampen durch.
Ebenso könnten neue Teilnehmergruppen eingeladen werden, etwa Schulklassen, Naturschutzgruppen aus anderen Regionen oder Vereine.
Bislang werden den Helfern in Hörnum nur die Neoprenhandschuhe für die Cranberry-Rupf-Aktionen gestellt, Gummistiefel und Arbeitskleidung müssen die Teilnehmer selbst mitbringen.
Könnten sie die Aktionen ausweiten und den Teilnehmern die erforderliche Ausrüstung komplett stellen, ist Dennis Schaper von der Schutzstation Wattenmeer zuversichtlich, würden sich noch viel mehr Menschen für den aktiven Naturschutz begeistern lassen. Und die Natur auf Sylt würde davon profitieren. //
Cranberry-Rupf-Aktion: Naturschutz zum Mitmachen
Cranberrys entfernen ist ein exklusives Vergnügen, und die Teilnahme ist kostenlos. Man gelangt – unter Aufsicht und nur im Rahmen dieser Aktion – in Gebiete, die sonst für Besucher tabu sind. Keine Frage: Die Dünenlandschaft im Sylter Süden ist auch auf den genehmigten Wegen in allen Facetten erlebbar – man riecht den Sandstaub, spaziert in schöner Natur und fühlt sich „weit weg vom Rest der Welt“, hört vielleicht im Frühjahr die seltsam knarrenden Balzrufe der Kreuzkröten in den Tümpeln, versinkt bisweilen bis zu den Knöcheln im Sand und steht irgendwann vor dem Wattenmeer oder der offenen See.
Aber einmal verbotenes Gebiet betreten zu dürfen und dabei der Natur etwas Gutes zu tun, das ist doch besonders. Der Einsatzort liegt hinter den Dünen, auf die man sonst nur blicken darf, Terra incognita erkunden – das hat was. Außerdem gibt es viel zu lernen, das Personal der Schutzstation erklärt Details von Flora und Fauna und erläutert die ökologischen Zusammenhänge. Und ganz sicher kursieren schon unterwegs die ersten Rezepte für die kulinarische Verwendung der Beeren.
Rainer Borcherding betont, dass die Herstellung von Marmeladen und Gelees bei der Cranberry extrem einfach ist, da sie viel Pektin enthält und sehr gut geliert. „Manchmal würze ich sie mit etwas Vanille oder Zimt“, berichtet er, „und man kann sie natürlich auch mit Apfel oder anderen Obstsorten mischen.“ Cranberrys zu trocknen, habe er auch mal ausprobiert, indem er halbierte Früchte auf der Heizung getrocknet habe, „die wurden aber sehr hart und crisp, da sind gekaufte Beeren aus der Tüte besser“, so sein Fazit. Bei Familie Schaper werden Fruchtaufstriche aus den Beeren gekocht. „Sehr lecker mit Ingwer“, empfiehlt Dennis Schaper. Auch in Keksen eingebacken oder im Müsli finden die gesammelten Früchte Verwendung. Wer an einem der Mitmachtermine teilnimmt, sollte zumindest so viele Früchte sammeln können, dass es für die eine oder andere Belohnung reicht.
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