2022 wurde die Oder von einer ökologischen Katastrophe getroffen, unzählige Fische und andere Tiere starben. Jetzt erholt sich der Fluss in einem erfreulichen Tempo. Die Gefahr ist indes noch nicht gebannt.
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Text: Kurt de Swaaf
Die Buhne macht einen vielversprechenden Eindruck. Der kleine Damm ragt gut zwei Dutzend Schritte in die Oder hinein und ist zum Teil mit Schilfgras bewachsen. Daneben dreht sich die Strömung im Kreis. Sollte es hier irgendwo Fische geben, dann genau dort.
200 Meter weiter stromabwärts überspannt die Europabrücke Bienenwerder den Fluss. Sie verbindet das deutsche Ufer mit der polnischen Seite und wird vor allem von Fahrradtouristen gerne genutzt – aber nicht bei diesem Wetter. Der kalte Nordwind lässt einen frösteln. Oben auf dem Deich stapfen zwei eingemummelte Spaziergänger zurück zu ihrem Wagen. Doch die Wassertemperatur liegt um die zehn Grad Celsius. Das reicht für die Fische, um aktiv zu sein. Wer hier heute seine Angelrute auswirft, muss nicht lange warten. Schon nach wenigen Minuten zuckt die Rutenspitze. Am Haken zappelt ein kleiner Güster, eine mit dem Karpfen verwandte Weißfisch-Spezies. Der nächste Biss folgt bald, diesmal bleibt allerdings nichts hängen. Danach geht es Schlag auf Schlag. Ständig nuckelt irgendjemand an den Ködern und zieht wieder ab. Unten muss wohl eine ganze Fischschule zugange sein. Doch nur zwei weitere Güster und eine ebenfalls kleine Plötze lassen sich erwischen. Die Freude ist dennoch groß: Die Oder lebt, es gibt offenbar jede Menge Jungfische. Wer hätte das gedacht.
Die Katastrophe von 2022
Vor gut vier Jahren sah die Zukunft des Flusses noch ziemlich düster aus. Anfang August 2022 trieben plötzlich tonnenweise Fischkadaver in der Oder, die Medien zeigten apokalyptisch anmutende Bilder. Die Ursache des Massentods war zunächst unklar. Behörden und Umweltschützer spekulierten über Quecksilber oder andere Giftstoffe industrieller Herkunft, fanden solche aber nicht in den Wasserproben. Stattdessen stießen Fachleute auf einzellige Goldalgen der Art Prymnesium parvum. Diese hatten sich explosionsartig vermehrt. Die Winzlinge produzieren unter bestimmten Umständen sogenannte Prymnesine – hochgiftige Phytotoxine, die auch anderswo in der Welt schon für massives Fischsterben verantwortlich waren. Unberechen-bare Killer.
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Das Fischsterben von 2022 kann trotzdem nicht als Naturereignis gelten, wie der Geoökologe Tobias Goldhammer vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin schon zu jener Zeit erläuterte, denn Prymnesium parvum ist eigentlich eine Brackwasser-Alge. In Flüssen sollte sie normalerweise gar nicht vorkommen. Ihr plötzliches Auftreten in der Oder wurde höchstwahrscheinlich durch den eindeutig dokumentierten Anstieg des Salzgehaltes im Sommer 2022 eingeleitet. Dieses Salz stammte aus der Industrie oder dem Bergbau in Polen.
Hohe Temperaturen, viel Sonnenlicht und die durch Staudämme am Oberlauf verringerte Strömung dürften die Algenvermehrung zusätzlich angekurbelt haben. Dazu kam ein niedriger Flusspegel. Je weniger Wasser, desto stärker werden schädliche Stoffe konzentriert. Das ist simple Physik.
Am 15. Juni 2026 veröffentlichte das Bundesamt für Naturschutz (BfN) eine federführend vom IGB erstellte Sonderstudie der Katastrophe. Demnach fielen ihr circa 1.000 Tonnen Fisch zum Opfer. Allerdings verendete nicht die gesamte Gewässerfauna. Krebse und Insektenlarven, so zeigten erste Untersuchungen, hatten die Giftwelle anscheinend überstanden. Dieses Getier ist gegen Prymnesine offenbar immun. Wenige Wochen nach dem großen Sterben machten zudem einige Berufsfischer hoffnungsvolle Meldungen. Sie hatten wieder ein paar Fischschwärme beobachtet. Gab es Überlebende oder waren diese Flossenträger nach Abfluss der toxischen Brühe aus verschonten Nebengewässern eingewandert? Die Frage ließ sich nicht eindeutig klären. Der IGB-Fischökologe Christian Wolter jedoch äußerte sich schon im Herbst 2022 vorsichtig optimistisch. „Fische sind mobil und haben ein hohes Reproduktionspotenzial“, betonte der Experte. Womöglich könnten sich Populationen in wenigen Jahren erholen. Damals klang das wie eine ziemliche mutige Prognose.
Positive Entwicklungen erkennbar
Einige Jahre später steht Wolter bestens gelaunt in der Kajüte des Forschungsschiffs „Paulus Schiemenz“ und gießt sich noch einen Kaffee ein. Es ist früh am Morgen, das gut 16 Meter lange Boot liegt vertäut am Oderufer, nahe der polnischen Grenzstadt Kostrzyn. Die vierköpfige Besatzung hat hier gestern Abend festgemacht und an Bord übernachtet. Gestartet sei man in Frankfurt, erklärt der Wissenschaftler. Heute werde die „Paulus Schiemenz“ Kurs auf Hohensaaten nehmen. Die Fahrt ist Teil einer dreitägigen Probebefischung; Wolter und drei seiner Kollegen erfassen mit einem Schleppnetz den Fischbestand. Das IGB-Team habe gestern insgesamt 18 Hols, sprich Fischzüge, durchgeführt. Der Fang war gut; jede Menge Güster, Zopen, Bleie und auch einige Barben in fünf verschiedenen Altersklassen, berichtet Wolter. „Damit hatten wir nicht gerechnet.“
Kurz vor acht legt die „Paulus Schiemenz“ ab und tuckert gemächlich stromabwärts. Schon bald kommt die Warta-Mündung in Sicht. Hier beginnt die heutige Arbeit. Durch das Zusammenfließen von Warta und Oder wird das Volumen der Oder praktisch verdoppelt, erklärt Christian Wolter. Der Fluss ändere dadurch auch seinen ökologischen Charakter.
Ab diesem Punkt wird die Oder der sogenannten Bleiregion zugeordnet. Der Name ist von der Leitfischart, dem Blei oder der Brachse, zoologisch Abramis brama, abgeleitet. Dieser Flussabschnitt zeichnet sich durch mäßige Fließgeschwindigkeiten und überwiegend sandige Böden aus. Das Wasser ist oft trübe, was aber kein Anzeichen von Verschmutzung sein muss. Meistens wird die Trübung von mitgeführten Feinsedimenten und ungiftigen einzelligen Algen verursacht, die hier besser gedeihen als in den oberen Gewässerabschnitten. Generell ist auch die Nährstoffzufuhr in der Bleiregion höher, und damit die gesamte Biomasse. Ein Schlaraffenland für viele Fischarten.
Schiffsführer Jan Hallermann drosselt die beiden Dieselmotoren, während Thilo Damerau und Sascha Starck das Schleppnetz vorbereiten. Christian Wolter bedient die Winschen mit den Zugleinen. Auf sein Signal hin platscht das Netz über Heck ins Wasser und verschwindet unter der Oberfläche. Eine gelbe Boje markiert seine Position. Kurz darauf folgen die Scherbretter. Sie dienen dazu, das Fanggerät nach vorne hin offen zu halten. Ist alles korrekt ausgebracht, beginnt für Hallermann der schwierige Part. „Mit dem Netz hinten dran sind wir nicht so manövrierfähig“, erklärt der gebürtige Pfälzer. Um der Fahrrinne folgen zu können und Sandbänken auszuweichen, muss er geschickt ein wenig Slalom fahren. Die „Paulus Schiemenz“ hat zwar nur 80 Zentimeter Tiefgang, doch der Pegelstand der Oder ist im Moment eher niedrig, weil es schon wieder seit Wochen kaum geregnet hat. Dadurch kann man leicht auf Grund laufen.
Gute Wasserqualität
Vor dem Hol hat Hallermann noch einige Messungen gemacht. Die Wassertemperatur beträgt hier gerade 9,5 Grad Celsius, der pH-Wert liegt bei 8,6 und der Sauerstoffgehalt bei 12,3 Milligramm pro Liter. „Das ist echt ein guter Wert“, meint Christian Wolter. „So früh am morgen schon 100 Prozent Sauerstoffsättigung.“ Auf dem Bildschirm des Echolots neben der Schiffssteuerung lässt sich derweil das Bodenprofil beobachten. Die Oder ist bei diesem Pegel im Schnitt zwischen zwei und drei Meter tief; es gibt allerdings auch Löcher beziehungsweise Ausspülungen mit über sechs Meter Tiefe. Die Strömung bildet auch Rillen im Sandboden, in denen sich Holzstücke und anderer Unrat ansammeln, wie Wolter erläutert. Würde das Team stromaufwärts fischen, gelänge viel mehr davon ins Netz. „Da hat man keinen Spaß.“
Nach einer knappen Viertelstunde ist es Zeit zum Einkurbeln. Jeder Hol geht über einen Kilometer Fahrtstrecke hinweg, erklärt Wolter. So lassen sich die Ergebnisse besser miteinander vergleichen. Jan Hallermann stoppt das Schiff, während der Forscher die Winschen startet und seine Assistenten sich bereit machen, das Netz in Empfang zu nehmen. Wenige Minuten später liegt das nasse Geflecht auf der Heckplattform. Hinter den engen Maschen zappeln silbrige Fischleiber – eine ganze Menge.
Damerau und Starck hieven den Fang in eine große, wassergefüllte Wanne. Jetzt geht es an die Erfassung. Jeder Fisch wird genau vermessen und gewogen, und darf anschließend sofort wieder über Bord. Die Artenvielfalt ist ganz ordentlich. Neben Bleien sind auch jede Menge andere Spezies im Netz gelandet. Nur Raubfische sucht man vergeblich. Das ist normal, sagt Wolter. Hechte und Co. stehen momentan fast alle im ufernahen Flachwasser.
Viele gesunde Fische
„Vielleicht hat das Hochwasser die Karten neu gemischt“, meint Christian Wolter. Flutwellen könnten zahlreiche Fische aus Nebengewässern in den Hauptstrom gespült haben. Den Tieren scheint es jedenfalls bestens zu gehen. Die Bäuche vieler Weibchen wirken prall gefüllt, wahrscheinlich mit heranreifendem Rogen; einige männliche Bleie zeigen bereits den typischen Laichausschlag.
Aus dem Netz landen auch mehrere leere Muschelschalen und Schneckenhäuser an Deck. Das Algengift hat 2022 massig Mollusken getötet, berichtet Wolter. Besonders stark traf es die Sumpfdeckelschnecken der Gattung Viviparus. Der Wissenschaftler schätzt, dass damals etwa 90 Prozent der Population vernichtet wurde. Für die größeren Fluss- und Teichmuscheln liegen genauere Zahlen vor. Der neuen BfN-Studie zufolge gingen mindestens zwei Drittel derer Bestände verloren. „Das machte sich schon bemerkbar“, sagt Wolter. Das Oderwasser sei in der darauffolgenden Zeit deutlich trüber gewesen.
Der Hintergrund: Eine einzige Großmuschel filtert pro Tag an die 50 Liter Wasser und verzehrt die darin enthaltenen Algen sowie organischen Schwebstoffe. Die Weichtiere haben damit eine ökologische Schlüsselposition inne. Für eine erfolgreiche Vermehrung sind die Süßwasser-Großmuscheln allerdings auf andere Flussbewohner angewiesen. Ihre Larven verbringen die ersten Lebenswochen parasitisch in den Kiemen von Fischen, bevor sie sich als Bodenbewohner selbstständig machen können. Ohne Flossenträger gibt es also keinen Muschelnachwuchs.
Bei einer heimischen, geschützten Kleinfischart jedoch ist die Beziehung genau umgekehrt. Der nur wenige Zentimeter große Bitterling (Rhodeus amareus) legt seine Eier in die Muscheln und nutzt diese als Kinderstuben. Auch hier zeigt sich wieder die enorme Bedeutung von Artenvielfalt und ökologischer Vernetzung.
Trotz der hohen Molluskenverluste scheint es den Bitterlingen recht gut zu gehen, berichtet Christian Wolter. Die Kleinen seien physiologisch viel besser gegen Sauerstoffmangel gewappnet als andere Fischarten. Vielleicht, spekuliert der Experte, verleiht diese Anpassung den Bitterlingen auch eine gewisse Resistenz gegen Prymnesine. Das müsse aber noch genauer untersucht werden.
Die potenziell größte Oderspezies, der Baltische Stör, verfügt leider nicht über einen solchen Schutz. 2007 wurde ein eigenes Programm zur Wiederansiedlung dieser bis vier Meter langen Wanderfische im Oder-Einzugsgebiet gestartet. Beim Fischsterben von August 2022 wurden etwa 40 tote Störe gefunden, wie der IGB-Projektleiter Jörn Gessner später am Telefon erzählt. Es gab wohl einige Doppelmeldungen, aber auch eine hohe Dunkelziffer – die reale Sterblichkeit dürfte etwa das Vierfache der gefundenen Tiere betragen haben. Dazu kamen rund 15.000 einjährige Störe aus dem Nachzuchtprogramm, deren Halterungsbecken mit Flusswasser versorgt wurden. Sie wären im Herbst 2022 in die Freiheit entlassen worden. Zum Glück waren die größeren Tiere aus früheren Jahren bereits in der Ostsee, fernab der Giftwelle. „Wir haben damals eine Jahrgangsdelle in den Bestand bekommen, aber schon 2023 mit dem Besatz weitergemacht“, sagt Gessner. Das Wiederansiedlungsprogramm, so der Experte, ist nicht nachhaltig beeinträchtigt.
Zurück auf der Oder: Die „Paulus Schiemenz“ und ihre Besatzung arbeiten sich Hol um Hol weiter stromabwärts. Der strahlende Sonnenschein lässt einen den noch immer kalten Nordwind fast vergessen. Am Ufer stehen Graugänse und Singschwäne; zwei Kormorane steigen vom Wasser auf – die werden hier vermutlich gut satt. Wieder kommt das Netz an Bord. Thilo Damerau hält einen massigen, über 70 Zentimeter langen Blei hoch. 4,8 Kilo bringt der Prachtfisch auf die Waage. „Ein bisschen mager“, scherzt Christian Wolter.
Diesmal ist auch ein Stromgründling (Romanogobio belingi) unter den gefangenen Fischen. Das ist ein typischer Hauptstrombewohner, erklärt Wolter. Die Art könne ihren gesamten Lebenszyklus in der Flussmitte durchlaufen. Allerdings legt sie ihre Eier in sauberen, sprich nicht verschlammten Sand- und Feinkiesbänken ab – und speziell diese Lebensraumstrukturen könnten zukünftig rar werden. Denn noch immer gibt es Pläne für einen Ausbau der Oder als Schifffahrtsstraße. Beim Ausbaggern viele Sandbänke verschwinden, und damit die Laichplätze von Stromgründlingen und anderen Fischspezies.
Ein fragiler Zustand
„Die Oder ist auf dem Weg der Erholung“, resümiert Christian Wolter. Der Fischbestand dürfte zwar noch nicht ganz seine frühere Stärke erreicht haben, aber das Jungfischaufkommen sei wieder prima. Ein hoffnungsvoller Trend. 2022 bangten Fachleute auch um die Zukunft von fischfressenden Vögeln und Säugetieren. Die aber scheinen alles gut überstanden zu haben.Man sieht an diesem Tag mehrere Seeadler kreisen, und im Nationalpark Unteres Odertal lassen sich auch die typischen Reviermarkierungen von Fischottern leicht ausfindig machen.
Die Gefahren indes sind noch lange nicht gebannt. Salzeinleitungen finden nach wie vor statt; Prymnesium parvum ist weiterhin präsent. „Wir hatten 2024 Goldalgen-Dichten, die waren höher als im Sommer 2022“, berichtet Christian Wolter. Aus bisher unbekannten Gründen setzten sie allerdings kaum Gift frei. Ob die nächste Algenblüte ebenso glimpflich verläuft, kann niemand sagen. Forschende, Fischer und Umweltschützer sind sich deshalb einig: Die Oder muss besser geschützt werden. Ihre noch recht naturnahe Gewässerstruktur darf nicht Baueingriffen zum Opfer fallen, stattdessen sollten Renaturierungsmaßnahmen die Widerstandskraft des Ökosystems weiter stärken. Damit der Fluss zukünftig in all seiner Schönheit glänzen kann. //
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