Im Naturschutz gilt das Schirmarten-Prinzip als Abkürzung: Wird der Lebensraum einer auffälligen Spezies geschützt, sind damit gleichzeitig viele weiteren Arten mitbewahrt – so die Idee. Doch kleinere Raubtiere beispielsweise nutzen ganz andere Strukturen und sind eigenen Risiken ausgesetzt – unter dem Schirm der großen bleiben sie oft weitgehend ungeschützt.
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Text: Roman Goergen
Als Rama Mishra von der Universität Antwerpen die ersten GPS-Senderdaten der jungen Fischkatze Gulabi auswertete, konnte die Biologin nicht mehr ruhig schlafen. Es war das erste Exemplar dieser kleinen Raubtierart in Nepal, das ein solches Halsband trug. Gulabis Aufenthaltsorte sollten sich eigentlich auf das Koshi-Tappu-Naturschutzgebiet im Südosten des Landes konzentrieren. Doch die Punkte auf der Karte häuften sich stattdessen zu 70 Prozent inmitten der Siedlungen rund um das nahe gelegene Dorf Kusaha – ein risikoreiches Verhaltensmuster für die Katze. „Gulabi lebte fast vollständig zwischen Reis- und Zuckerrohrfeldern sowie am Dorfrand“, sagt Mishra, die auch Gründerin der Naturschutz- und Forschungsorganisation Wildlife Conservation and Research Endeavour (Wild Care) Nepal ist.
Menschennahe Raubkatze
In Nepal gelten nur noch etwa 4,4 Prozent der Landesfläche als geeignetes Fischkatzenhabitat – zwei Drittel davon befinden sich außerhalb offizieller Schutzgebiete. Schätzungen gehen von vielleicht 200 erwachsenen Tieren im ganzen Land aus, weniger als es dort wild lebende Tiger gibt. Für viele Naturschutzprogramme in Nepal bilden jedoch genau diese Tiger den entscheidenden Bezugspunkt. Ihre Reservate bestehen aus großflächigen Waldlandschaften – eingerichtet als Rückzugsraum einer charismatischen Großkatze.
Eine häufige Annahme ist, kleinere Arten derselben Region würden von diesen automatisch mitprofitieren. Gulabis Spur erzählt eine andere Geschichte. Nachts jagte sie an Teichen und Feldern, tagsüber versteckt sie sich in kleinen Deckungsinseln aus Gras und Schilf, oft nur wenige Meter von Gehöften entfernt.
Mit dieser Nähe verschieben sich auch die Risiken. Während Tiger vor allem unter Wilderei, Waldverlust und dem Rückgang großer Huftiere leiden, lauern für Fischkatzen die größten Gefahren dort, wo Menschen ihren Alltag organisieren: Vergeltungstötungen an Fischteichen, Buschfleischjagd, provisorische Elektrozäune, Verkehrsunfälle und Angriffe durch Wachhunde nennt Mishra als häufigste Bedrohungen (mehr ab Seite 24). „Tigerorientierte Schutzgebiete können zwar bis zu einem gewissen Grad auch zur Erhaltung anderer Arten beitragen; sie gewährleisten jedoch nicht den vollständigen Schutz von Arten mit eigenen ökologischen Anforderungen wie der Fischkatze“, betont Mishra.
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Die Idee, eine Art zu schützen und darüber ganze Lebensgemeinschaften mitzunehmen, ist im Naturschutz seit Jahrzehnten verbreitet. Im Fachjargon gilt dies als Schirmarten-Prinzip: Schutzgebiete und Managementpläne werden an einer Art mit großem Raumanspruch oder bestimmten Habitatansprüchen ausgerichtet, in der Hoffnung, dass weniger bekannte Arten im selben Gebiet automatisch mitgeschützt werden. Der Biologe Jim Sanderson hat Zweifel an der Idee: „Landschaften zu bewahren und die größten Beutegreifer zu schützen ist wichtig für die gesamte biologische Vielfalt. Aber niemand kann beweisen, dass in diesen Regionen alle anderen Tiere dadurch auch automatisch Schutz erfahren“, sagt der Amerikaner, der sich mit seiner Small Wild Cat Conservation Foundation auf den Schutz kleiner Raubkatzen spezialisiert hat.
Solche Prioritäten wirken sich vor allem auch auf die Finanzierung von Schutzprogrammen aus. Nach Sandersons Berechnungen fließen im Raubkatzenschutz gut 97 Prozent aller Fördergelder an Programme für die als „große Sieben“ bekannten Schirmarten: Tiger, Löwe, Leopard, Jaguar, Gepard, Schneeleopard und Puma. Die mehr als 30 übrigen Raubkatzenarten aus der Familie der Felidae müssen sich die restlichen drei Prozent teilen.
In der Fachliteratur zählen Schirmarten zu den sogenannten Surrogatarten: Einzelne Arten werden genutzt, um Schutzentscheidungen für größere Teile der biologischen Vielfalt zu vereinfachen. Flaggschiffarten mobilisieren vor allem Aufmerksamkeit und Fördermittel, Indikatorarten zeigen den Zustand eines Lebensraums an, Schlüsselarten beeinflussen ökologische Prozesse besonders stark. Schirmarten dagegen sollen andere Arten räumlich oder funktional mit abdecken.
Für viele Tiergruppen ist jedoch nur in wenigen Studien systematisch geprüft, ob sie unter solchen Schirmen tatsächlich ausreichend mitgeschützt werden. Das gilt besonders für mittelgroße Räuber in Agrar- und Randlandschaften. Vorhandene Studien zeigen teils positive, teils deutlich begrenzte Effekte. Eine Untersuchung dazu stammt etwa aus dem Leuser-Ökosystem auf der indonesischen Insel Sumatra, einem der letzten großen zusammenhängenden Regenwaldgebiete Südostasiens. Genau wie in Nepal steht auch hier der Tiger wegen seiner Symbolkraft im Zentrum der Schutzplanung, daneben das Nashorn – und der Rest der Säugetierwelt läuft mit. Einer der Hauptautoren dieser Studie ist der indonesische Biologe Ardiantiono.
Mit seinen Kollegen hatte Ardiantiono mittels großflächig verteilter Kamerafallen zwischen 2016 und 2018 überprüft, welche Arten in Leuser tatsächlich jene Waldabschnitte anzeigen, in denen die übrige Säugetiergemeinschaft besonders vielfältig ist. Entscheidend war also nicht, welche Arten in der Schutzpraxis bereits im Mittelpunkt stehen, sondern ob ihre Vorkommen tatsächlich mit hoher Säugetiervielfalt zusammenfallen. „Arten werden dann zu wirksamen Schirmarten, wenn ihre Habitatansprüche und ihre Verbreitung eng mit der breiteren Gemeinschaft übereinstimmen“, sagt Ardiantiono.
„Ein schwacher Kandidat ist meist eine Art, die in Randlebensräume abgedrängt wurde. Etwa in höhere Lagen, wo die übrige Säugetiergemeinschaft weniger dicht und weniger artenreich ist“, so der Forscher. Aber genau das beobachtete das Team beim Sumatra-Tiger und beim Sumatra-Nashorn: Beide nutzen im Leuser-Ökosystem häufig zerklüftete Gebirgsregionen. Die meisten anderen Säugetiere konzentrieren sich dagegen in den produktiveren Tieflandwäldern – dort, wo auch großflächige Entwaldung besonders stark verbreitet ist.
Ardiantiono widerspricht damit nicht der Idee, dass Tiger wichtige Arten sind. Er macht aber deutlich, warum Erwartung und Realität beim Schirmanspruch oft auseinanderlaufen. „Diese Lücke entsteht, weil der Naturschutz häufig charismatische Arten bevorzugt, die Aufmerksamkeit und Geld einwerben, und dann annimmt, dass ihre großen Verbreitungsgebiete automatisch alle anderen mit abdecken“, sagt er. In der Praxis zeigten die Modelle jedoch ein anderes Bild: „Eine Art kann auf der Karte ein riesiges Verbreitungsgebiet haben, aber durch Jagd oder Habitatfragmentierung nur noch kleine, isolierte Vorkommen besiedeln. Wenn wir den Schirmstatus auf Karten statt auf die tatsächliche Verteilung stützen, laufen wir Gefahr, die falschen Gebiete zu schützen.“ Es geht dabei nicht um die Frage, ob große Schutzgebiete grundsätzlich wirken, sondern darum, ob eine an Tiger oder Nashorn ausgerichtete Auswahl die artenreichsten Waldabschnitte zuverlässig erfasst.
Ausgerechnet zwei weniger beachtete Arten erwiesen sich in Leuser als deutlich bessere Anzeiger artenreicher Wälder: Sambarhirsch und Sunda-Nebelparder. Das heißt aber nicht, dass nun neue Schutzikonen gebraucht werden. Der Vergleich spricht vielmehr für eine datenbasierte Auswahl mehrerer Arten, die unterschiedliche Teile der Säugetiergemeinschaft besser abbilden. Und er zeigt vor allem, wie schwach der vertraute Tiger-Schirm im Ernstfall sein kann. Nicht nur in Nepal, sondern auch in Sumatra steht der Tiger zwar im Mittelpunkt des Schutzes, bildet diesen aber in der Wirklichkeit vieler anderer Arten nur unzureichend ab.
Fehlende Daten
Der Befund aus Sumatra verweist auf ein tieferes Problem: Solche Vergleiche zwischen potenziellen Schirmarten funktionieren nur dann, wenn überhaupt klar ist, nach welchen Maßstäben sie geprüft werden. Der neuseeländische Zoologe Philip Seddon bemängelt, dass es in der Praxis dabei oft an klaren Kriterien fehlt. Das Schirmarten-Prinzip gilt in der Theorie als pragmatische Abkürzung: Mittel können gebündelt werden, Maßnahmen müssen nicht für jede Art einzeln erarbeitet werden. Seddon zeigt jedoch, wie voraussetzungsvoll diese Abkürzung in Wirklichkeit ist.
In einer Übersicht fasst er 17 Kriterien für potenzielle Schirmarten zusammen: Sie sollen unter anderem häufig vorkommen, große Aktionsräume nutzen, störungsempfindlich sein, gut erforscht und leicht zu erfassen sein sowie in denselben Gebieten leben wie die Arten, die von ihrem Schutz profitieren sollen. Schon dieser Kriterienkatalog zeigt, woran der Ansatz in der Praxis scheitert: „Vieles wird nicht übersehen, sondern ist schlicht schwer zu erfassen – etwa die Größe des Streifgebiets, die langfristige Überlebenswahrscheinlichkeit oder die Zahl der nötigen Individuen“, sagt Seddon. Und selbst mit diesen Informationen wäre das Problem noch nicht gelöst. Denn räumliche Überschneidung ist nicht dasselbe wie ökologische Passung. „Eigentlich müsste man über die Schirmart und die mit ihr vorkommenden Arten sehr viel wissen. Das ist ein erheblicher Forschungsaufwand und wirkt nicht wie eine Abkürzung“, erklärt der Forscher. Wo belastbare ökologische Daten fehlen, rückt leicht das in den Vordergrund, was sichtbar und vermittelbar ist: große, bekannte Tiere, die Aufmerksamkeit und Geld anziehen.
Was sich in Nepal und Sumatra zeigt, ist für den britischen Evolutionsökologen Tim Caro, der seit Jahrzehnten in Sachen Naturschutzbiologie und Surrogatarten forscht, kein asiatischer Sonderfall. Auch in Afrika, betont der Zoologe, geraten kleinere Räuber dort aus dem Blick. Servale, Ginsterkatzen, Mangusten oder Afrikanische Zibetkatzen nutzten dieselben Landschaften oft anders als Löwen, Leoparden oder Elefanten. Gerade für Mesoprädatoren hängen Überlebenschancen oft an Feuchtgebieten, dichter Randvegetation, saisonalen Wasserstellen oder anderen kleinräumigen Strukturen, die im Management großer Generalisten leicht in den Hintergrund geraten.
Warum hält sich das Prinzip dann so hartnäckig? Caro sieht den Grund auch in der politischen und finanziellen Logik des Naturschutzes. Eine große, bekannte Art lässt sich leichter kommunizieren, leichter fördern, leichter in Karten, Korridore und Kampagnen übersetzen. „Es ist ein eingängiger Weg, politischen Willen und Fördermittel zu gewinnen“, sagt er. Gerade deshalb würden Flaggschiffarten in der Praxis immer wieder wie Schirmarten behandelt, obwohl beides nicht dasselbe sei. „Flaggschiffarten, vor allem wenn sie wegen ihrer Seltenheit oder ihres engen Verbreitungsgebiets ausgewählt wurden, sind nicht automatisch auch gute Schirmarten“, sagt Caro.
Der Befund wiederholt sich über Kontinente hinweg. José Daniel Ramírez-Fernández, ein Biologe, der kleine Wildkatzen wie Oncilla und Jaguarundi in Lateinamerika erforscht, beklagt dabei einen kategorischen Pauschalismus: „Man schützt den Jaguar oder den Puma und tut dann einfach so, als ob man damit auch alle kleineren Arten unter ihnen bewahrt.“ Tatsächlich leben viele dieser Arten an Gewässerrändern, in Agrarlandschaften oder fragmentierten Resthabitaten – also dort, wo der großräumige Schutz charismatischer Arten nur begrenzt greift. Das Prinzip ist attraktiv, weil es bequem ist, Komplexität reduziert und Ressourcen bündelt. Doch gerade für mittelgroße Räuber ist dieser Schirm zu grob gespannt.
Soll die Methode dennoch einen Nutzen haben, so betonen Forschende, muss sich der Schutz stärker auf den Lebensraum als die Art konzentrieren. In eng umrissenen Habitaten kann sie durchaus tragen – dort nämlich, wo mehrere Arten tatsächlich auf dieselben Strukturen angewiesen sind und Schutzmaßnahmen genau diese Bedingungen erhalten.
Entscheidende Gebiete statt große Flächen
Wie schwer sich der Nutzen überhaupt beziffern lässt, zeigt die Wildtierökologin Tatiane Micheletti, die zu räumlicher Schutzplanung und Schirmarten forscht, am Beispiel des Waldkaribus in Kanadas borealen Wäldern. Auf groben Karten wirkt das Tier wie ein idealer Schirm: Sein Verbreitungsgebiet überschneidet sich mit einem großen Teil der nördlichen Vogel- und Säugerwelt.
Doch für die Schirmwirkung ist nicht jede Fläche entscheidend, in der ein Karibu grundsätzlich vorkommen kann. Relevant sind vor allem jene Teilflächen, die bei einem karibuzentrierten Schutz tatsächlich Priorität hätten – also die besonders intensiv genutzten Kernbereiche.
Michelletti und ihre Kollegen betrachteten deshalb nicht das gesamte Verbreitungsgebiet des Waldkaribus, sondern nur diese besonders wichtigen Teilflächen – störungsarme Wälder, Flechtenbestände, wintertaugliche Rückzugsräume. Dann prüften die Forschenden, ob der Schutz genau dieser Karibu-Kernflächen auch vielen Vogelarten hilft. Die Antwort fiel meist negativ aus: Für die meisten untersuchten Vögel waren diese Flächen nicht besser als andere zufällig ausgewählte Gebiete derselben Größe.
Das zeigt, wie trügerisch große Kartenüberlappungen sein können. Je gröber Karten und Kategorien werden, desto leichter entsteht der Eindruck eines wirksamen Schutzschirms. „Der entscheidende Punkt ist aber: Nicht allein die Größe einer Fläche ist ausschlaggebend, sondern welche Teile davon für das Überleben tatsächlich relevant sind“, sagt Micheletti. Oft entscheidet sich der Wert eines Schutzkonzepts somit nicht am Versprechen eines großen Schirms, sondern daran, ob es Risiken dort mindert, wo Tiere tatsächlich leben.
Einbinden der Bevölkerung
In Regionen, die durch den Menschen stark übernutzt wurden, stößt auch die Idee eines idealen Schirmtiers an seine Grenzen: „Oft haben wir nicht mehr den Luxus der Wahl“, gibt Tim Caro zu bedenken. „Wir müssen einfach versuchen, jedes verbleibende Habitat zu sichern.“ Wie gut das funktioniert, ist für ihn auch eine Frage der Menschen, die solche Landschaften nutzen. „Ihre Einbindung ist absolut entscheidend“, betont er. Die Wirksamkeit von Schutzgebieten hänge oft weniger von einem theoretischen Schirm ab als von der Akzeptanz und den wirtschaftlichen Lebensbedingungen der Gemeinschaften vor Ort.
Wie konkret das aussehen kann, zeigte sich in jenem Dorf Kusaha in Nepal, wo zwei Fischer die Fischkatze Gulabi eingeklemmt in einem Bewässerungsrohr entdeckten und sofort Rama Mishra informierten. Dass sie die Fischkatze nicht töteten oder sich selbst überließen, sondern Hilfe holten, führt Mishra auch auf ihre Aufklärungsarbeit in der Gemeinde zurück. Für die Biologin ist diese Rettung mehr als eine glückliche Episode. Der Schutz kleiner Räuber beginnt nicht erst im Reservat, sondern dort, wo Menschen und Tiere sich tatsächlich begegnen: an Fischteichen, Feldern, Straßenrändern und Wasserläufen. Eine Schirmart kann Aufmerksamkeit schaffen. Ob das Prinzip aber trägt, entscheidet sich im Alltag der Landschaft. //
Schutzschirm für Tiere
Der Schutz großer Schirmarten bedeutet nicht, dass Arten im selben Lebensraum automatisch ebenso geschützt sind.
Die europäischen Sommer werden immer trockener. Verantwortlich dafür sind neben höheren Temperaturen durch den Klimawandel auch veränderte Wettermuster.
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