Wer von Zukunftsindustrie redet, meint nicht den Stahl. Doch genau diese Branche befindet sich in einem Boom wie seit 40 Jahren nicht mehr. Er belegt, dass eine nur auf Mikro-, Nano- oder Biotechnologie ausgerichtete Standortdebatte verkehrt ist.
Noch hat das Projekt Seltenheitswert. Erstmals überhaupt baut ein deutscher Stahlkonzern ein Stahlwerk im Ausland. 2008 soll in Sepetiba im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro die Produktion angefahren werden. ThyssenKrupp Stahl, mit Hauptsitz in Duisburg, wird dazu 1,3 Milliarden Euro in Südamerika investieren. Der dortige Partner, die Companhia Vale do Rio Doce, ist der größte Eisenerzkonzern der Welt. Die Jahreskapazität des Joint Ventures soll bei 4,4 Millionen Tonnen Rohstahl liegen. ThyssenKrupp will die Kostenvorteile in Brasilien, vor allem den direkten Zugang zu den Rohstoffen, nutzen.
Hintergrund dieser Aktivität ist der weltweite Stahlboom seit Mitte 2001, der im vergangenen Jahr zu einer unerwarteten Preisexplosion geführt hat. So verteuerte sich Walzstahl von Dezember 2003 bis Dezember 2004 um 39 Prozent, Betonstahl um 36 Prozent und Stahlprofile kosteten sogar 71 Prozent mehr.
Verursacht hat die Preisexplosion vor allem der Stahlbedarf in China, der sich bereits seit zehn Jahren international offenbart: Schon 1996 löste China Japan als größten Stahlproduzenten der Welt ab. 2001 verschlang das ehemalige Reich der Mitte 152 Millionen Tonnen Stahl. Zwei Jahre später waren es bereits 232 Millionen Tonnen. In diesem Jahr sollen es mehr als 300, vielleicht sogar 320 Millionen Tonnen werden. Zum Vergleich: Die Stahlindustrie in Deutschland wird 2005 etwa 47 Millionen Tonnen erzeugen.
Die Nachfrage – so heftig wie 40 Jahrenicht mehr – sorgte für Riesenprobleme:
• Der japanische Autohersteller Nissan musste mehrfach die Automobilproduktion herunterfahren, weil der Stahl ausging. Ende 2004 drosselte man in drei der vier japanischen Werke die Produktion, und es wurden 25 000 Fahrzeuge weniger als geplant gebaut. Auch der Kleinwagenhersteller Suzuki kam in die Bredouille und musste seine Produktion reduzieren.
• Strom aus Wind wird durch die hohen Stahlpreise teurer. So kostet der Stahl für eine 1,5-Megawatt-Anlage etwa 100 000 Euro mehr als vor zwei Jahren, wie der Vorstand des Windenergie-Produzenten Repower, Fritz Vahrenholt, Anfang dieses Jahres einräumte.
• Auch für mittelständische Automobilzulieferer bedeutet die horrende Stahlnachfrage einen Schlag ins Kontor. Da sie – anders als Großkonzerne – mit den Stahlerzeugern keine langfristigen Verträge zu garantierten Lieferpreisen vereinbaren können, mussten sie 2004 den Stahl zu den erhöhten Preisen einkaufen, ohne die Kosten an die Automobilbauer weitergeben zu können.
„Es ist bemerkenswert, dass selbst die fittesten Vereinigungen nicht vorhergesehen haben, dass China den Stahlmarkt auf den Kopf stellen könnte”, urteilt Hans-Dieter Haas, Professor für Wirtschaftsgeographie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Autor einiger aktuellen Studien über den wirtschaftlichen Expansionsdrang der Asiaten. Dieter Ameling, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl und Vorsitzender des Stahlinstituts VDEh in Düsseldorf, räumt ein: „Dass die chinesische Volkswirtschaft diesen gewaltigen Sprung nach vorne tut, haben wir erst sehr spät erkannt.”
Ursache der Überraschung ist die Überschreitung des aktuellen Fünf-Jahres-Plans. Danach sollte die chinesische Volkswirtschaft im Zeitraum 2001 bis 2006 um jährlich sieben Prozent wachsen. De facto hat sie sich von 2001 bis 2004 aber um gut neun Prozent pro Jahr nach oben katapultiert. Den chinesischen Stahlhunger entfacht haben neben dem Ausbau der Infrastruktur vor allem die vielen neu gebauten Wohnungen in Peking, Schanghai und den anderen großen Städten des Landes. Von 1956 bis 1984 schuf China 250 Millionen Quadratmeter Wohnraum. Die nächsten 250 Millionen entstanden in neun Jahren. Und jetzt braucht China dafür nur noch drei Jahre, erklärt Ameling, der inzwischen häufig Gast in China ist. Er bezeugt, dass die anfängliche Lässlichkeit einer aufgeweckten Betriebsamkeit Platz gemacht hat. Der Honorarprofessor für Strukturwandel in der Stahlindustrie an der Technischen Universität Clausthal hat vom Internationalen Eisen- und Stahlinstitut in Brüssel, dem seit Oktober 2004 auch die chinesische Stahlindustrie angeschlossen ist, die Aufgabe bekommen, das „Projekt China 2010″ zu leiten, in dem Prognosen über die technische und wirtschaftliche Entwicklung der Stahlindustrie erarbeitet werden. Dabei geht es auch um die künftige Stahlnachfrage und die daraus resultierenden Veränderungen auf dem Weltmarkt. Auf 390 bis 400 Millionen Tonnen schätzt Ameling den Bedarf für China. „Die Chinesen selbst machen dazu keine Angaben”, sagt er und zitiert seine ostasiatischen Partner mit den Worten: „Wir haben es aufgegeben, Prognosen über einen längeren Zeitraum zu erstellen und schauen nur noch auf das kommende Jahr.”
China dominiert den Weltstahlmarkt, doch die großen Stahlkonzerne sitzen (noch) anderswo. Vier der Top-10 haben ihren Hauptsitz sogar in Europa: Mittal Steel, das weltgrößte Unternehmen residiert in London, Arcelor, die Nummer 2, in Luxemburg, Corus Group, die Nummer 7, in London sowie ThyssenKrupp – als Nummer 9 – in Duisburg. Außerdem sitzen je zwei in Japan und USA, jeweils einer in Südkorea und in China. Diese Top-10 produzieren allerdings nur jede dritte Tonne Rohstahl, die weltweit die Stahlwerke verlässt, was nichts anderes heißt, als dass die Weltkarte der Stahlhersteller Hunderte von Unternehmen und mehr als 1000 Hochöfen aufweist.
Völlig anders ist die Lage bei den Eisenerz-Produzenten (Weltreserven insgesamt: 160 Milliarden Tonnen): Drei Lieferanten beherrschen 72 Prozent des Welthandels:
• Die brasilianische Companhia Vale do Rio Doce produzierte 2003 zirka 205 Millionen Tonnen und lieferte 165 Millionen Tonnen für den Weltmarkt (Anteil: 32 Prozent).
• Rio Tinto Australien/Großbritannien: 128 Millionen Tonnen (Anteil: 25 Prozent).
• Die australisch-britische Gruppe BHP-Billiton: 76 Millionen Tonnen (Anteil: 15 Prozent).
Alle drei Unternehmen haben den Erzpreis in jüngster Zeit mehrfach angehoben. „Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis”, kommentiert Ameling kritisch – er fürchtet die Marktmacht des Oligopols: „Für 2005 haben die Brasilianer sogar 72 Prozent mehr durchgesetzt.” Obwohl in China die viertgrößten Eisenerz-Vorräte nachgewiesen sind (21 Milliarden Tonnen) importierte das viertgrößte Land der Erde im vergangenen Jahr 170 Millionen Tonnen Eisenerz – mit preistreibenden Folgen:
• Weil dadurch der Raum auf den Massengutfrachtern knapp wurde, konnten die Reeder innerhalb von 18 Monaten Preissteigerungen auf das Vierfache durchsetzen.
• Ebenfalls teuerer geworden ist die Kokskohle, an der weltweit kein Mangel ist. Sie kostete bis 2003 etwa 70 Dollar je Tonne. Doch jetzt, da die Förderkapazitäten völlig ausgelastet sind, müssen Kokereien für sie 120 Dollar und mehr bezahlen.
• Knapp geworden ist dadurch der Koks selbst: Diesen Engpass nutzten die chinesischen Kokereien aus und erhöhten auf dem Spotmarkt den Kokspreis auf gut 300 Dollar pro Tonne. Das hat dazu geführt, dass Werner Müller, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister und nun Vorstandsvorsitzender der RAG (früher Ruhrkohle AG), plant, im Ruhrgebiet eine neue Kokskohle-Zeche in Betrieb zu nehmen. Im April 2005 wurde das Genehmigungsverfahren dafür eingeleitet. „Dies ist angesichts ausreichender Kokskohlereserven auf dem Weltmarkt und nicht konkurrenzfähiger Förderkosten in Deutschland nicht zu vertreten” , sagt Ameling. Positiver bewertet er die Idee, eine der bestehenden Kokereien zu erweitern. Zurzeit wird für Prosper in Bottrop und die Hüttenwerke Krupp Mannesmann in Duisburg untersucht, welcher Standort wirtschaftlich der beste ist. „Eine Kokerei gehört in den Energieverbund eines integrierten Stahlwerks”, unterstreicht der Stahlprofessor die inzwischen getroffene Entscheidung, in Duisburg zu erweitern.
Angesichts der Weltmarktpreise von Eisen und Kohle sowie der logistischen Herausforderung, die deren Massentransport verursacht, wundert man sich geradezu, weshalb Stahl nicht längst nur noch dort produziert wird, wo Erz und Koks auf kurzem Wege in die Hochöfen geschickt werden können. „Die intensive Zusammenarbeit bestimmter Stahlhersteller mit der europäischen Automobilindustrie und dem Maschinenbau ist ein fundamentaler Grund, warum sich die Stahlerzeugung in Duisburg, Salzgitter, Dillingen, Bremen, Eisenhüttenstadt, aber auch im österreichischen Linz trotz aller Veränderungen in der Welt bis heute rechnet”, antwortet Ameling. Um diese Aussage zu bekräftigen, legt er zwei Karten auf den Tisch. Die eine dokumentiert, dass es im 500-Kilometer-Umkreis um Duisburg 18 Automobilfabriken gibt, die von ThyssenKrupp mit Stahl beliefert werden. Die andere offenbart, dass im gleichen Umkreis um die Linzer Voest Alpine 10 Autowerke Abnehmer sind.
Auch wenn es den Anschein hat, dass Stahl im Autobau auf dem Rückzug ist: Ein Blick auf die Produktionsstatistik zeigt das Gegenteil. Lieferte die europäische Stahlindustrie 2002 in der EU-15 ein Viertel ihrer Produktion an Automobilwerke, so war es zwei Jahre später schon knapp ein Drittel. Neue hoch und höchst feste Karosseriestähle ermöglichen wesentliche Fortschritte bei Strukturverhalten, Sicherheit und Gewichtsreduzierung von Automobilen. Sie werden von den Herstellern zunehmend eingesetzt. Herausragende Beispiele sind die Offroader Cayenne und Touareg von Porsche und VW. Die Karosseriestrukturen bestehen dort zu über 60 Prozent aus solchen Stählen. Mehr als die Hälfte davon sind so genannte Mehrphasenstähle, die extrem hohe Festigkeit mit einem besonders großen Energieaufnahmevermögen vereinen. Solche Karosserien sind sehr steif und beweisen hervorragendes Deformationsverhalten in Crashtests.
Weitere Beispiele einer modernen Anwendung sind:
• Kraftwerkstechnik. Für das Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik in Niederaußem bei Köln wurden Stähle verwendet, die besonderen Anforderungen an die Festigkeit bei hoher Temperatur gerecht werden und äußerst beständig gegen Korrosion sind. Die aus diesen Stählen hergestellten Rohre verbessern den thermischen Wirkungsgrad des Kraftwerks. Im Vergleich zu älteren Anlagen wird bei gleicher Stromproduktion rund 30 Prozent weniger Brennstoff eingesetzt. Auch die Emissionen von Schwefeldioxid, Stickoxid und Staub wurden um 30 Prozent gesenkt. Der jährliche Kohlendioxid-Ausstoß verringert sich in diesem neuen Kraftwerk um etwa 2,5 Millionen Tonnen.
• Katalysatoren. Um die Abgas-Emissionen von Autos weiter zu senken, ist ein neuer Stahlwerkstoff entwickelt worden, mit dem die Dicke der Folie auf 0,025 Millimeter halbiert wird. Mit dieser Folie gefertigte Katalysatoren kommen in wenigen Sekunden auf Betriebstemperatur. Die in der Startphase besonders hohen Emissionen werden so extrem reduziert.
• Straßenbau. Die im letzten Dezember dem Verkehr übergebene Autobahnbrücke über den Tarn in Südwest-Frankreich ist mit einer Fahrbahnhöhe von 270 Metern über dem Talboden die höchste Schrägseilbrücke der Welt. Durch den Einsatz hoch fester Stahlbleche konnte die Höhe des Balkens erheblich reduziert werden, was wiederum zu einer geringeren Windanfälligkeit, einer effektiveren Montage mit sehr hohem Vorfertigungsgrad und zu deutlichen Kosteneinsparungen führte.
Mehr als 2000 verschiedene Sorten Stahl zählt die Branche in Deutschland und sieht sich für die Zukunft gerüstet: Zum einen, weil der Werkstoff auch künftig relativ einfach für bestimmte Anwendungen optimiert werden kann. Zum anderen, weil er hundertprozentig wieder verwertbar ist.
Technologische Leistungskraft, Kundennähe, Recyclingfähigkeit – stehen der Stahlbranche in Europa wieder gute Zeiten bevor? „ Vorhandene Standorte werden sich weitgehend halten und sie werden auch modernisiert – so wie in Duisburg. Aber auf der grünen Wiese wird in Europa kein Stahlwerk mehr entstehen. Auch nicht in den neuen Mitgliedsländern der EU”, antwortet der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Neben den Arbeitskosten seien es in zunehmendem Maß Umweltkosten, die hier zu Buche schlagen.
Das am 16. Februar in Kraft getretene Kyoto-Protokoll ist ein Beispiel. Der in der EU seit dem Januar 2005 zwingende Handel mit CO2-Emissionen führt dazu, dass die Stahlunternehmen in Deutschland Emissionsrechte zukaufen müssen, um mehr für den Markt produzieren zu können. Anders als in England, Finnland und Österreich: Dort haben die Stahlunternehmen mehr Rechte zugeteilt bekommen und könnten wachsen, ohne Zertifikate zukaufen zu müssen, die inzwischen 15 Euro pro Tonne CO2 kosten.
Hochgerechnet auf ein zusätzliches Stahlwerk in Deutschland kommt viel zusammen: Eine moderne Hütte produziert pro Jahr rund fünf Millionen Tonnen Stahl und erzeugt dabei etwa 8,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Das heißt: Die dafür erforderlichen Emissionsrechte kosten 127,5 Millionen Euro.
Stahlhersteller in den USA, in Australien, Brasilien und China bleiben dagegen von diese Kosten verschont. Die beiden erstgenannten Länder wollen das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnen. Die beiden anderen gelten als Schwellenländer, denen die internationale Staatengemeinschaft noch ein Mehr an Kohlendioxid-Emission zugesteht. Andererseits liegen alle vier Länder sowohl bei den Eisenerz- als auch bei den Kohlevorkommen auf vorderen Rängen der Weltreservenskala.
Weitere Eisenerz-Giganten sind die Ukraine, Russland und Kasachstan. Auch sie verfügen über genügend Kohlevorräte. Und auch dort werden Investoren durch das in Kraft getretene Kyoto-Protokoll vorerst nicht zur Kasse gebeten.
So bleibt den Mitteleuropäern nur die Chance, ihre Standorte durch Innovationskraft zu verteidigen. Denn weitere Arbeitsplatzverluste wie in den vergangenen 30 Jahren wäre das Aus für die deutsche Stahlbranche: In diesem Zeitraum verringerte sich bei etwa gleich bleibender Produktion die Zahl der Beschäftigten von 375 000 auf jetzt 95 000 Mitarbeiter. ■
Wolfgang Hess
Ohne Titel
• Jede dritte Tonne Stahl wird inzwischen in China erzeugt.
• Der chinesische Nachfrageboom hat das globale Preisgefüge total verändert.
• Qualitativ hochwertiger Stahl kann in Europa weiterhin konkurrenzfähig hergestellt werden.
• Eine Ausweitung der europäischen Stahlkapazitäten ist unrealistisch.
COMMUNITY Fernsehen
Der stählerne Gipfelsturm hat auch
die Kollegen vom TV-Wissensmagazin „nano” mitgerissen. Sie haben in Kooperation mit bild der wissenschaft einen spannenden Fernsehfilm produziert. Verpassen Sie nicht die Erstausstrahlung in 3Sat am Donnerstag, den 30. Juni um 18.30 Uhr. Wo in den Tagen danach etliche Wiederholungen in anderen Sendern laufen werden, erfahren Sie im Internet unter der Adresse: www.3sat.de/nano
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Statistiken, Anwendungen,
Forschung und Technik veröffentlicht
das Stahl-Zentrum:
www.stahl-online.de
Eine hervorragende Liste aller weltweit wichtigen Stahlinsititutionen:
www.szs.ch/de/text_7c.htm





