Austern gelten in Europa als kostbare Delikatesse. Bis zum 20. Jahrhundert waren sie sogar ein kulturelles Aushängeschild und bildeten einen wichtigen Wirtschaftszweig. In den hiesigen Meeren sind die Muscheln allerdings heute meist nur noch als verstreute Individuen oder kleinere Büschel am Meeresboden zu finden und nicht in Form von großen Riffen. Denn durch Fischerei, Verschmutzung und andere menschliche Einflüsse haben sich die Ozeane in den vergangenen Jahrhunderten so verändert, dass es an europäischen Küsten kaum noch Austernriffe gibt. Doch in welchem Zustand waren die Meere zuvor? Wie groß waren diese Austernriffe einst und wie sahen die von ihnen gebildeten Ökosysteme aus?

Austernriffe waren einst florierende Ökosysteme
Ein Forschungsteam um Ruth Thurstan von der University of Exeter hat nun anhand von 1667 historischen Dokumenten untersucht, wie weit die Austern einst in Europa verbreitet waren und wann sie verschwanden. Die Quellen stammen aus dem Zeitraum zwischen 1524 und 2022, überwiegend jedoch aus dem 18. und 19. Jahrhundert. „Durch die Kombination von Berichten aus einer Reihe historischer Quellen können wir uns ein Bild von unseren vergangenen Meeren machen“, sagt Thurstan. Wissenschaftliche Monitoring-Daten gibt es aus dieser Zeit noch nicht. Doch aufgrund ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung tauchen Austern in verschiedensten anderen historischen Aufzeichnungen auf – darunter Büchern, Zeitungs- und Reiseberichten sowie behördlichen Seekarten und Aufzeichnungen über die Veränderungen der Küstenlinien.
Diese Dokumente zeigen, dass es in Europa einst fast überall Austern gab, von Norwegen bis Kroatien. „Die größte Konzentration von Austernriffen, die wir gefunden haben, war in der Nordsee“, berichtet Thurstan. Ausgedehnte natürliche Riffe existierten demnach entlang der Küsten des heutigen Frankreichs, Dänemarks, Deutschlands, der Niederlande, Irlands und Großbritanniens. Auch in Teilen des Mittelmeers gab es diese Muscheln den Berichten zufolge, in der Ostsee hingegen nicht. Im Schnitt war ein einzelnes Austernriff 30 Hektar groß. Insgesamt bedeckten Austern eine Fläche von mindestens 1,7 Millionen Hektar. Zum Vergleich: Schleswig-Holstein umfasst etwa 1,58 Millionen Hektar.
„Das waren riesige Flächen, die dicht mit Austern verkrustet waren und von anderen Meereslebewesen bevölkert waren“, berichtet Thurstan. Die Austernriffe schufen demnach ihre eigenen Ökosysteme und beherbergten mehr Arten als die umliegenden Gebiete, darunter 190 verschiedene Fisch- und Krebstierarten. Darüber hinaus spielten die Riffe auch eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung der Küstenlinien, dem Nährstoffkreislauf und der Wasserfilterung. Eine einzige ausgewachsene Auster filterte bis zu 200 Liter Wasser pro Tag, wie aus den Aufzeichnungen hervorgeht.





