Im Alter lassen bei vielen Menschen bestimmte geistige und körperliche Fähigkeiten nach. Jetzt haben Forscher ein weiteres Feld identifiziert, in dem Ältere jüngeren Menschen unterlegen sind: Sie haben größere Schwierigkeiten, einzuschätzen, ob ein Objekt schwerer ist als ein anderes ? und wenn ja, um wie viel schwerer. Die Psychologen halten diese Beeinträchtigung für so aussagekräftig, dass sie empfehlen, ihr Ausmaß als Gradmesser für den allgemeinen Zustand des Gehirns zu nutzen.
Entdeckt hatten die beiden Psychologen Jessica Holmin und Farley Norman, die an der North Dakota State University und an der Western Kentucky University arbeiten, das Phänomen bereits in einer früheren Studie: Sie gaben Freiwilligen nacheinander Gewichte um die 100 Gramm in die Hand und ließen sie angeben, welches von beiden schwerer war. Das Ergebnis: Die älteren Probanden, Durchschnittsalter 73 Jahre, hatten weitaus größere Probleme mit der Aufgabe als die jüngeren, Durchschnittsalter knapp 22 Jahre. Damit sie das schwerere Gewicht eindeutig identifizieren konnten, musste es mindestens zehn Gramm mehr wiegen ? bei den jüngeren reichten sechs Gramm aus. Das klingt nicht dramatisch, ist aber ein Unterschied von mehr als 50 Prozent, wenn man berücksichtigt, wie viel größer der Schwellenwert für die älteren Probanden war.
Auf das Verhältnis kommt es an
In ihrer neuen Untersuchung wollten die Wissenschaftler dem Problem nun noch genauer auf den Grund gehen. Diesmal ging es darum, zu bewerten, wie viel schwerer ein Gewicht im Vergleich zu einem anderen war. Die Probanden ? 17 ältere im Alter zwischen 64 und 78 Jahren sowie 17 jüngere, Alter zwischen 18 und 31 Jahren ? sollten dazu ihre Hand durch einen Vorhang stecken, so dass sie die Testgewichte nicht sahen. Dann wurden sie gebeten, nacheinander zwei Fläschchen hochzuheben, die mit Bleikügelchen gefüllt waren. Schließlich sollten sie das Gewichtsverhältnis zwischen beiden angeben.
Das Ergebnis: Die älteren Probanden überschätzten durchgehend die Relation der beiden Gewichte. War etwa das eine mit 300 Gramm zehnmal so schwer wie das andere mit 30 Gramm, verschätzten sie sich nicht selten um den Faktor zwei und gaben “20-mal so schwer” an. In einigen Tests lagen sie sogar um den Faktor vier daneben.
Es sei zwar nicht ungewöhnlich, dass ältere Menschen Gewichte überschätzen, die sie hochheben, sagen die Wissenschaftler. Denn eine solche Einschätzung werde immer vom Grad der Anstrengung beeinflusst, die man aufbringen muss. Und da Ältere im Allgemeinen weniger Muskelmasse und damit weniger Körperkraft zur Verfügung haben als Jüngere, erscheint ihnen der nötige Kraftaufwand höher. Auch packten ältere Menschen fester zu als jüngere, was ebenfalls die subjektiv empfundene Anstrengung beeinflusse.
Sinnesleistungen auf unterschiedlichen Ebenen
In dieser Deutlichkeit hatten sie das Ergebnis jedoch trotzdem nicht erwartet. Bei der relativen Abschätzung handele es sich um ein Wahrnehmungsphänomen, das im Gehirn auf einem höheren Level bearbeitet werde als das einfache Vergleichen von Gewichten, wie es in der früheren Studie getestet worden war. Solche höheren Sinnesleistungen seien häufig nicht von der nachlassenden Leistungsfähigkeit im Alter betroffen, betonen die Forscher. So lässt zwar beispielsweise die Sehschärfe nach, die Fähigkeit, dreidimensional zu sehen, bleibt aber fast unverändert erhalten. Gleiches gilt für den Tastsinn: Auch hier schaffen es Ältere nicht mehr so leicht, sehr feine Strukturen auseinanderzuhalten, während sie die dreidimensionale Form eines Gegenstandes weiterhin ohne Probleme erkennen.
Doch offenbar funktioniere die Wahrnehmung von Gewichten etwas anders, resümieren sie ? warum, müsse noch geklärt werden. Sicher sei jedoch, dass diese Funktion im Scheitellappen des Gehirns beheimatet sei, das hätten Fälle gezeigt, in denen dieser Teil verletzt oder geschädigt war. Genau dieser Hirnteil sei es aber auch, der mit fortschreitendem Alter als erster in Mitleidenschaft gezogen werde. Man könnte daher überlegen, die Fähigkeit, Gewichte abzuschätzen, stellvertretend als Diagnose-Marker für den allgemeinen Zustand des Scheitellappens zu verwenden, schlagen Holmin und Norman vor.
Jessica Holmin (North Dakota State University) und Farley Norman (Western Kentucky University): PLoS one, doi: 10.1371/journal.pone.0047701 © wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





