Sie werden geradezu als Wundermittel gehandelt: die Gift-, Duft- und Farbstoffe pflanzlicher Herkunft. Doch außerhalb des Reagenzglases wirken sie oft ganz anders.
Im Kampf gegen hungrige Insekten, Pilze und Bakterien und zum Anlocken von Bestäubern und anderen nützlichen Insekten produzieren Pflanzen viele sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe. Die bitteren, scharfen oder giftigen Abwehrstoffe werden ebenso wie die Duft- und Farbstoffe im Sekundärstoffwechsel der Pflanzen gebildet. Damit bezeichnen Pflanzenphysiologen den Teil des pflanzlichen Stoffwechsels, der nicht – wie der Primärstoffwechsel – fürs Gewinnen von Energie oder fürs Wachstum zuständig ist.
Rund 30 000 sekundäre Pflanzenstoffe, auch Sekundärmetabolite genannt, sind bekannt. Ein Drittel davon nimmt der Mensch beim Essen von Obst und Gemüse auf: Polyphenole, Flavonoide und Karotinoide beispielsweise.
Lange galten diese Substanzen als nutzlose Bestandteile der Nahrung, da sie weder Energie liefern noch essenziell – das heißt lebenswichtig – sind wie die meisten Vitamine. Doch in den letzten Jahren mehren sich wissenschaftliche Untersuchungen, die beträchtliche Vorteile für die menschliche Gesundheit aufgedeckt haben. Der Boom erinnert an den schon Jahrzehnte anhaltenden Vitamin-Hype: Präparate mit konzentrierten Pflanzenstoffen drängen auf den Markt, Lebensmittel werden mit den angeblichen „ Wunderstoffen” angereichert. Und alle paar Monate finden Forscher einen neuen Bestandteil von Rotwein, grünem Tee oder Apfelschalen, der vor gefährlichen Krankheiten und vorzeitigem Altern schützen soll.
Als wichtigste gesundheitsfördernde Eigenschaft der sekundären Pflanzenstoffe gilt ihre starke antioxidative Wirkung: Sie sind in der Lage, reaktive Sauerstoffmoleküle – freie Radikale – abzufangen und so DNA, Lipide und Proteine vor schädlicher Oxidation zu bewahren, welche zu Krebs oder zu Ablagerungen in den Arterien führen kann. Außerdem gelten freie Radikale als Hauptschuldige im Alterungsprozess.
Tatsächlich haben zahlreiche verlässliche Studien die Schutzwirkung der sekundären Pflanzenstoffe gezeigt – im Reagenzglas. Mischt man hochkonzentrierte Pflanzenstoffe mit Nukleinsäuren, Fetten oder Proteinen, können sie diese vor Oxidation schützen. Und bei menschlichen Krebszellen können sie deren Wachstum hemmen.
Doch diese Studien haben ein großes Manko: Die im Reagenzglas erreichten Mengen sind im Körper überhaupt nicht möglich, denn sekundäre Pflanzenstoffe besitzen eine sehr geringe Bioverfügbarkeit. Von der aufgenommenen Menge wird meist nur ein verschwindend geringer Bruchteil über die Darmwand ins Blut transportiert. In menschlichem Blut konnten viele der Sekundärstoffe bisher noch gar nicht oder nur in geringer Konzentration nachgewiesen werden.
Dennoch: Das Forschungsinteresse ist groß – und immer wieder berichten Wissenschaftler von erfolgreichen Tierversuchen. So schützen Polyphenole aus Walnüssen Labormäuse vor Speiseröhren-, Magen-, und Darmkrebs, Sulfide aus Zwiebeln verhindern Brustkrebs bei Ratten, und Flavonoide aus grünem Tee helfen fetten Mäusen beim Abnehmen.
Leider lassen sich die Ergebnisse nicht so ohne Weiteres auf den Menschen übertragen. Ein Grund: Für einige Pflanzenstoffe besitzt unser Körper nicht die geeigneten Abbauenzyme. Sie können nur von den Mikroorganismen der Darmflora verdaut werden – und die sieht bei einer Labormaus ganz anders aus als bei einem Menschen. Ähnliches gilt für die Enzymausstattung zum Zweck der Nahrungsverwertung: Oft sind hier die Stoffwechselwege von Mensch und Maus nicht vergleichbar.
Bei Studien am Menschen haben sich deshalb die positiven Befunde der Tierversuche in der Regel nicht bestätigt: Polyphenole schützen uns wohl nicht vor Speiseröhren-, Magen- oder Darmkrebs. Und Flavonoide bewahren Frauen wohl nicht vor Brustkrebs. Auch dass grüner Tee beim Abnehmen hilft, ist durch keine verlässliche Studie belegt.
Verlässlichkeit ist ohnehin eines der größten Probleme in der Pflanzenstoffforschung: So zeigten zwei Studien, dass Beta-Karotin vor Lungenkrebs und Makuladegeneration schützt, bei zwei weiteren Untersuchungen erwies es sich als unwirksam.
Noch dazu scheinen einige Stoffe hochkonzentriert sogar gefährlich zu sein: Phenolsäuren können in niedriger Dosierung Ratten vor Magenkrebs schützen, doch in großer Menge lösen sie bei den Tieren Magentumore aus. Hochkonzentrierte Flavonoide stehen im Verdacht, das Leukämierisiko des Babys zu erhöhen, wenn die Mutter sie in der Schwangerschaft eingenommen hatte. Denn im Reagenzglas lösten sie Mutationen an menschlichen Zellen aus.
Pflanzenstoffreiche Lebensmittel oder Extrakte aus denselben zeigten dagegen bisher keinerlei Risiken, sondern wirkten sogar positiv: Karotinreiche Früchte und Gemüse senkten das Risiko für verschiedene Krebsarten und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Cranberry-Saft reduzierte bei Frauen die Gefahr, an Harnwegsinfektionen zu erkranken, und eine Ernährung mit phytosterinreichen Lebensmitteln, etwa Sonnenblumenöl, ließ den Cholesterinspiegel sinken.
So drängt sich eine Erkenntnis auf, die auch schon Vitaminforscher hatten: Genau wie Vitamine können Pflanzenstoffe nur im natürlichen Gefüge mit anderen Inhaltsstoffen optimal wirken. Konzentrierte Präparate sind dagegen meist nutzlos – oder sogar gefährlich. ■
Nadine Eckert
Ohne Titel
· Mit sekundären Pflanzenstoffen wehren sich Pflanzen gegen ihre Feinde oder locken nützliche Insekten an.
· Mit der Nahrung aufgenommen, können die Pflanzenstoffe vor Krebs schützen und das Altern aufhalten.
· Extrakte aus ihnen wirken dagegen häufig nur im Reagenzglas.
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Es liegt auch an der Zubereitung in der Küche, ob der Körper mit sekundären Pflanzenstoffen etwas anfangen kann oder nicht:
· Die Bioverfügbarkeit und Konzentration von Karotinoiden lässt sich durch Verarbeitung, Kochen und Fettzugabe steigern. Tomatenketchup hat beispielsweise deutlich mehr Lycopin als frische Tomaten und Salat aus gekochten Karotten mehr Beta-Karotin als Rohkost. Karotinoide werden im Körper in Vitamin A umgewandelt, das für den Sehvorgang wichtig ist. Außerdem ist Beta-Karotin ein guter Radikalfänger.
· Mit Phytosterinen angereicherte Produkte, etwa Margarine, senken den Cholesterinspiegel. Eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse tut dies ebenfalls. Einen Schutz vor Herz-Kreislauf-Krankheiten gewährleistet allerdings nur eine gesunde Ernährung.
· Polyphenole können krebserregende Stoffe neutralisieren, die bei der Fleischzubereitung entstehen. Deshalb ist es zu empfehlen, gegrilltes Steak mit Tomatenketchup zu essen.
· Knoblauch ist gesund: Sechs Zehen am Tag können vor Magenkrebs schützen und den Cholesterinspiegel sowie den Blutdruck senken. Aber Knoblauchkapseln aus der Apotheke bewirken dies nicht.
· Vorsicht bei Lakritze! 100 Gramm der Süßigkeit enthalten bereits das Vierfache der empfohlenen Tageshöchstdosis an Saponinen, die den Blutdruck erhöhen können.
· Pflanzenstoffe im Rotwein können vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen. Die dafür notwendige Menge ist jedoch so groß, dass der Alkohol die Leber schädigen würde. Mittlerweile sind Rotwein-Pillen auf dem Markt. Ihre Wirksamkeit ist jedoch nicht wis-senschaftlich gesichert.





