Bereits im Alter von 13 Monaten können sich Kinder ansatzweise in andere hineinversetzen. Zumindest werden sie stutzig, wenn sich jemand nicht so verhält, wie es aufgrund der zur Verfügung stehenden Informationen zu erwarten wäre. Das schließen italienische und französische Forscher aus Versuchen mit 56 Kleinkindern, denen sie verschiedene Trickfilme zeigten. Bislang ist umstritten, wie der Mensch die Fähigkeit entwickelt, sich in andere hineinzuversetzen. Die nun veröffentlichten Ergebnisse lassen vermuten, dass nicht ausschließlich Umwelteinflüsse und Lernprozesse dafür verantwortlich sind.
Die Forscher zeigten den Kleinkindern Trickfilme, bei denen eine Raupe nach Essen suchte. Beim ersten Experiment konnte das Tier zwischen einem Stück Käse und einem Apfel wählen und bevorzugte stets den Käse. Als die Raupe in einer anderen Videosequenz jedoch zum Apfel wanderte, schauten die Kinder deutlich länger hin. Die Forscher interpretierten das als ein Zeichen von Verwirrung.
Im zweiten Experiment erschien zunächst eine Hand, die den Käse hinter einem von zwei hohen Schirmen versteckte. Auch die Raupe wusste also, wo sich der Leckerbissen befand. Wanderte sie trotzdem hinter den anderen Schirm, waren die Kinder entsprechend verdutzt: Sie verfolgten die Szene deutlich länger als Sequenzen, bei denen das Tier ? wie zu erwarten ? direkt zum Käse lief. Demnach waren die beobachteten Kinder in der Lage, der Raupe Denkvermögen zuzuschreiben und ihre Vorstellungen im eigenen Gehirn abzubilden.
Wie der Mensch diese Fähigkeit entwickelt, ist bislang nicht geklärt. So vermuten manche Wissenschaftler, die dazu benötigten Mechanismen seien angeboren. Andere gehen hingegen davon aus, dass Kinder diese Fähigkeit erst mit drei oder vier Jahren erwerben. Unumstritten ist lediglich ihre Bedeutung: Die Möglichkeit, das Verhalten anderer vorherzusehen, ist eine Voraussetzung, um seine Mitmenschen verstehen und sich mit ihnen verständigen zu können.
Luca Surian (Universität von Trento) et al.: Psychological Science, Bd. 18, Nr. 7, S. 580 ddp/wissenschaft.de ? Larissa Kessner





