Seit Ende Juli werden an den Ufern der Oder tonnenweise tote Fische angeschwemmt. Die Umweltkatastrophe an dem von Tschechien über Polen und Deutschland bis in die Ostsee fließenden Strom scheint nach ersten Erkenntnissen aus den ungewöhnlich hohen Salzgehalten der Oder zu resultieren. Diese haben offenbar das Wachstum der giftigen Mikroalge Prymnesium parvum begünstigt. Diese setzt ein starkes Toxin frei, dass vor allem für Fische, Muscheln und Amphibien lebensgefährlich ist. Doch woher der hohe Salzgehalt des Flusses kommt, der vermutlich für das Fischsterben verantwortlich ist, ist bisher noch unklar.
Störe: Eine uralte, akut bedrohte Spezies
Auch für den schon seit längerem vom Aussterben bedrohten Stör ist die Vergiftung der Oder eine artbedrohende Katastrophe, denn die Störe stehen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN und sind aktuell die am stärksten vom Aussterben bedrohte Tiergruppe weltweit. Um diese uralten, seltenen Fische zu retten, gibt es ein Programm zur Wiederansiedlung des Baltischen Störs in der Oder. Doch wie steht es nun um den Stör, nachdem dieser wichtige Lebensraum von einer menschengemachten Umweltkatastrophe heimgesucht wurde? Konnten überhaupt einige der Fische überleben?
Mit dem Schicksal der Störe in der Oder kennt sich am besten Jörn Geßner aus, Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Er koordiniert das Wiederansiedlungsprogramm für den Baltischen Stör seit 1996 und hat seit 2007 mit vielen Partnern bereits etwa 3,5 Millionen Jungtiere in die Oder entlassen. Das klingt zwar nach einer beachtlichen Menge, doch bis die Tiere selbst für Nachwuchs sorgen können, vergeht viel Zeit, denn Störe können bis zu 100 Jahre, manchmal auch älter werden. Sie verbringen die ersten drei Jahre ihres Lebens im Fluss, bis sie dann in die Ostsee ziehen, dort heranwachsen und schließlich im Alter von 14 bis 16 Jahren zum Laichen in ihren Heimatfluss zurückkehren.
Mehr als 20.000 Jungstöre und tausend größere Exemplare getötet
Nach Schätzungen von Geßner und seinen Kollegen sind der Katastrophe wahrscheinlich die meisten der über 1000 Jungstöre zum Opfer gefallen, die im Frühjahr dieses Jahres in den Fluss ausgewildert wurden. Das Fischsterben hat nach aktuellem Kenntnisstand aber auch Störe getroffen, die schon bis zu drei Jahre alt und bis zu 90 Zentimeter groß waren. Sie wurden im Unteren Odertal entdeckt – auf dem Weg zur Ostsee, die sie nie erreichten. „Wie viele Störe noch in der Oder schwimmen oder gestorben sind, ist derzeit nicht seriös abzuschätzen“, sagt Geßner. Immerhin haben die älteren, schon vor mehr als drei Jahren ausgesetzten Störe die Katastrophe wahrscheinlich überlebt. Denn sie waren schon in die Ostsee ausgewandert und blieben daher vermutlich vom Algengift verschont.





