Wenn Austern nicht pfleglich behandelt werden, kann das ernste Folgen für ihre Gesundheit haben. Die raue Art, mit der Austernfarmer mit ihren Zöglingen umgehen, stresst die Tiere, und sie werden anfälliger für Infektionen. Das hat Arnaud Lacoste von der Roscoff Biological Station in Roscoff, Frankreich, bei den Schalentieren beobachtet. Die Ergebnisse ihrer Arbeit haben Lacoste und seine Kollegen in der Fachzeitschrift Applied and Environmental Microbiology veröffentlicht.
Für die Qualitätssortierung werden Zucht-Austern etwa alle zwei Monate abgekratzt, geschüttelt und umhergewirbelt. “Manche Farmer denken, die Austern seien nicht mehr als ein paar Steine”, sagt Lacoste. “Sie haben nicht begriffen, dass es sich um lebende Tiere handelt, die auf Stress aus ihrer Umgebung sehr empfindlich reagieren können.” Der Stress macht die Austern anfälliger gegen ein Bakterium aus der Gruppe der Vibriobakterien. Die dadurch ausgelöste Krankheit könnte auch auf andere Meeresbewohner übergreifen und vielleicht sogar den Menschen schädigen.
Den stressenden Vorgang der Qualitätssortierung simulierten Lacoste und sein Team, indem sie die Tiere in einer Drehtrommel durcheinander warfen. Gleichzeitig infizierten sie sie mit einer geringen Menge von Vibrio splendidus. Das ist ein Bakterium, das bei vielen Meerestieren, auch bei Austern und Muscheln, eine tödliche Krankheit hervorrufen kann. Die Forscher beobachteten, wie anfällig die Tiere auf die Infektion reagierten, und bestimmten außerdem, wie viel sie von dem Stresshormon Noradrenalin produzierten. Bei den geschüttelten Austern waren die Noradrenalin-Produktion und die Sterberate durch die Infektion wesentlich höher als normal. Auch Austern, die eine Injektion von Noradrenalin erhalten hatten, ohne geschüttelt zu werden, reagierten wesentlich empfindlicher auf das Bakterium.
In weiteren Versuchen will Lacoste nun herausfinden, welche Mechanismen das Hormonsystem und das Immunsystem der Austern verbinden. Außerdem möchte er untersuchen, ob sich bei gestressten Austern auch andere, vielleicht für den Menschen gefährliche Krankheitskeime ausbreiten könnten.
Cornelia Pfaff





