Haie zählen zu den ältesten heute lebenden Wirbeltieren und haben im Laufe ihrer Evolution nahezu jeden Winkel der Weltmeere erobert. Wissenschaftler kennen zurzeit etwa 500 unterschiedliche Arten – vom zwanzig Zentimeter kleinen Zwerglaternenhai bis hin zum etwa vierzehn Meter langen Walhai. Doch die Millionen Jahre lange Erfolgsgeschichte dieser Knorpelfische könnte ein unschönes Ende finden. Denn der Mensch gefährdet die Meerestiere: Er jagt die Haie für ihr Fleisch oder ihre Flossen und tötet sie darüber hinaus auch unabsichtlich. So gehen Haie beispielsweise immer wieder bei der Langleinenfischerei auf hoher See als Beifang ins Netz. Niemand weiß genau, wie sehr menschliche Aktivitäten die weltweiten Haipopulationen beeinflussen. Klar ist aber: Schon heute stehen mehr als 70 Spezies auf der internationalen Liste der bedrohten Arten.
Eine Studie zeigt nun, dass der Einfluss des Menschen sogar bis in die vermeintlich letzten Rückzugsräume der Haie reicht. Francesco Ferretti von der Stanford University in Pacific Grove und seine Kollegen haben sich für ihre Untersuchung den Haipopulationen rund um das Chagos-Archipel gewidmet. Die Inselgruppe gehört zu den abgelegensten Korallenriff-Systemen der Erde und ist der letzte noch verbliebene Teil des Britischen Territoriums im Indischen Ozean. Seit 2010 gehört das Archipel zu einem großen Meeresschutzgebiet, indem die Fischerei bis auf wenige Ausnahmen untersagt ist. Die Haipopulationen in dieser Region galten lange Zeit als nahezu ursprünglich. Doch stimmt das auch? Um das zu überprüfen, werteten die Forscher zahlreiche Daten aus: Sie analysierten Statistiken zu legalen wie illegalen Fischereiaktivitäten, historische Berichte von Haisichtungen und wissenschaftliche Langzeituntersuchungen zum Vorkommen unterschiedlicher Arten.
Von wegen unberührt
Mithilfe dieser Informationen und einem ökologischen Modell schätzten sie die Populationsentwicklung der zwei häufigsten Spezies am Archipel ab, die auch an vielen anderen Korallenriffen der Weltmeere zu finden sind: dem Silberspitzenhai (Carcharhinus albimarginatus) und dem Grauen Riffhai (Carcharhinus amblyrhynchos). Außerdem errechneten sie, wie diese Haigemeinschaften vor dem ersten Eingreifen durch den Menschen ausgesehen haben könnten. Das Ergebnis: Die Populationen sind wohl doch nicht so unbeeinflusst wie gedacht. Denn die Zahl der Haie, die das Ökosystem den Berechnungen der Wissenschaftler zufolge theoretisch tragen kann, unterscheidet sich deutlich von dem tatsächlichen Vorkommen – und zwar nicht erst seit gestern. “Das Ökosystem am Chagos-Archipel galt als ursprünglich, als dort 1975 die ersten wissenschaftlichen Tauchgänge durchgeführt wurden”, schreibt das Team. Doch schon damals entsprach das Haivorkommen dieser beiden Arten nach den Berechnungen der Forscher nicht dem, was man unter vom Menschen unberührten Bedingungen erwarten würde.





