Text: Peter Laufmann
Es hört sich ein wenig an wie aus dem Handbuch für die kleine Hexe: Ein wenig Bakterientinktur auf den Boden geben, einen Spritzer Algenextrakt, ein wenig Huminsäuren, etwas Komposttee obendrauf und alles wird gut. Das Ziel: statt tote Erde zu beackern, mit lebendigem Boden reiche Ernte erzielen.
Was wie Magie daherkommt, ist Teil einer Landwirtschaft, die für sich in Anspruch nimmt, nicht konventionell oder bio zu sein. Sie firmiert unter dem Begriff regenerative Landwirtschaft. Manche nennen sie auch Hybridlandwirtschaft, weil sie sozusagen das Beste aus allen Anbauphilosophien vereinen will.
Sie verheißt nichts Geringeres als die Lösung für viele Probleme unseres Planeten. Auf den Punkt gebracht, will regenerative Landwirtschaft den Boden als lebendiges Element erhalten, ihn fördern und auf diese Weise besser nutzen. Hört sich banal an, ist aber so einfach nicht. Regenerative Landwirtschaft könnte die Landwirtschaft als Ganzes auf den Kopf stellen. Vielleicht sogar die Welt retten.
Es geht dabei mitnichten nur um Bakterien, Algen oder Huminsäuren. Diese fallen unter den Begriff Biostimulanzien und sind wichtig. Aber sie sind nicht alles. Regenerative Landwirtschaft nutzt Biostimulanzien, aber auch Rotten auf dem Acker, Zwischenfrüchte, Kompost, und folgt einer Philosophie, die man als minimal bodeninvasiv bezeichnen könnte: kein Pflügen und die Erde nie schutzlos lassen. „Im Grunde ist das eine Wiederbelebung von Wissen“, sagt Sven Hartmann vom Industrieverband Agrar. „Man hatte in der Landwirtschaft lange Zeit althergebrachte Weisheiten im Umgang mit dem Boden vergessen. Sie nicht mehr gebraucht, weil Dünger und Pflanzenschutz immer besser wurden. Heute besinnt man sich eines Besseren.“
Welche Zäsur darin steckt, kann man vielleicht nur verstehen, wenn man sich die Unterschiede im Bewirtschaften des Landes vor Augen führt. Dafür lohnt es sich, kurz in die jüngere Geschichte der Landwirtschaft in Deutschland zu blicken: Im 19. Jahrhundert verzichteten Landwirte zunehmend auf die Brache, das heißt, sie verzichteten darauf, ihren Acker regelmäßig für sich sein zu lassen. Man sah es als Verschwendung an, könnten doch auf diesen Flächen durchgängig Lebensmittel angebaut werden.
Düngen rettete Menschenleben
Es dämmerte jedoch, dass den Böden irgendetwas zurückgegeben werden musste, damit sie auch weiterhin Getreide oder Kartoffeln liefern würden. So empfahl Alexander von Humboldt beispielsweise bereits Anfang des 19. Jahrhunderts, die Äcker mit Guano, uraltem Vogelkot, zu versetzen.
In Schwung kam die Sache mit der Düngung mit Justus von Liebig, der erkannte, dass ein Acker für die Nährstoffe aus den geernteten Mengen einen Ersatz brauchte. Und zwar entsprechend der chemischen Zusammensetzung der Ernte. Das heißt, wenn man eine Tonne Weizen erntet, entfernt man eine Tonne Kohlenstoff, Stickstoff, Kalium, Magnesium et cetera. Die müssen wieder her, wenn man im nächsten Jahr wieder eine Tonne Weizen ernten will.





