Buckelwal, Finnwal… und die Spitze bildet der bis zu 200 Tonnen schwere Blauwal: Die Gruppe der Bartenwale (Mysticeti) hat die größten Tiere hervorgebracht, die jemals auf unserem Planeten existiert haben. Der evolutionäre Erfolg dieser Meeressäuger beruhte dabei auf einer ausgesprochen effektiven Ernährungsweise: Die Barten in ihrem Maul fungieren als eine Art Siebsystem, durch das sie große Mengen kleiner Beutetiere aus dem Wasser filtern und verschlingen können. Durch die üppige Nahrungsversorgung konnten die Bartenwale dann ihre teils gigantischen Körperausmaße hervorbringen. Ein Vertreter ist allerdings vergleichsweise bescheiden geblieben: Der Zwergglattwal (Caperea marginata) ist mit einer Länge von sechs Metern und einem Gewicht von bis zu etwa drei Tonnen ein Winzling unter seinen Verwandten.
Onkologisch interessante Wal-Genetik
Da der Zwergglattwal schon immer selten war und in entlegenen Gewässern um die Antarktis lebt, war bisher vergleichsweise wenig über diese Spezies bekannt. Spezielle Körpermerkmale legten allerdings bereits nahe, dass er der letzte überlebende Vertreter eines ansonsten ausgestorbenen Familienzweigs der Bartenwale ist. Bei anderen Vertretern der Gruppe konnten genetische Daten weitere Informationen liefern. Um dies nun im Fall des kleinsten Vertreters ebenfalls zu ermöglichen, haben die Forscher um Magnus Wolf vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt am Main das Genom des Zwergglattwals sequenziert. Das Gewebe stammte dabei von einem tot aufgefundenen Exemplar.
Wie die Forscher erklären, gab es neben biologischen auch medizinische Beweggründe für das Projekt. Sie wollten einem Paradox auf die Spur kommen: Eigentlich müssten die großen Vertreter der Wale mit ihren riesigen Körpern prädestiniert für Tumorerkrankungen sein. Denn je mehr Zellen vorhanden sind und sich teilen, desto eher kann eine Mutation an einer entscheidenden Stelle das Erbgut schädigen und die Entwicklung von Krebs auslösen. Dennoch erkranken die gigantischen Meeressäuger aber nicht übermäßig oft an Krebs. Informationen dazu, auf welchen genetischen Mechanismen diese Resistenz beruht, könnten somit der Krebsforschung Hinweise liefern. Da beim vergleichsweise kleinen Zwergglattwal weniger Krebsschutz notwendig erscheint als bei Blauwal und Co, könnten sich aufschlussreiche Unterschiede in den Genomen abzeichnen, so die Idee.
Unterschiede zwischen Klein und Groß
Wie Wolf und seine Kollegen berichten, bestätigte sich diese Hoffnung: Sie stießen auf verschiedene Gene, die bei großen Walen, wie etwa dem Blauwal, Finnwal oder Grönlandwal, deutlich mehr Mutationen aufweisen als bei ihrem kleinen Verwandten. Daraus lässt sich ableiten, dass sie im Verlauf ihrer Entwicklungsgeschichte starken Anpassungen unterlagen. Dabei gibt es auch bereits Hinweise darauf, dass einige der Gene tatsächlich eine Rolle für die Krebsresistenz spielen könnten, hebt das Team hervor. Denn unter ihnen befanden sich auch Kandidaten, die in der Tumorforschung bereits aufgefallen sind, aber noch nicht umfassend erforscht wurden.





