Verpackungen sind Geld wert. Weil Rohstoffe immer teurer werden, aber auch weil immer mehr mit einem Pfand belegt sind. Ein paar Cent, die Milliarden von Flaschen ein zweites Leben garantieren. Über die Geschichte eines Systems, das auf Zurückbringen statt Wegwerfen zielt
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Text: Susanne Donner
Wir schreiben das Jahr 2040. Die Mülleimer sind aus den Innenstädten fast vollständig verschwunden. Sie sind nahezu überflüssig geworden. Im Abstand von wenigen Hundert Metern stehen stattdessen Sammelcontainer, mal für Kaffee- und Teebecher in Braun, mal für Essensboxen in Grün oder für Pizzaschachteln in Rot. Beim Einschieben der leeren Verpackung gibt es ein Pfand zurück, alles digital übers Smartphone. Da Erdöl und Gas dermaßen kostbar geworden sind, käme es den Menschen ganz absurd vor, ihre Verpackungen achtlos auf das Trottoir fallen zu lassen wie einst. Die Pfandflaschensammler sind längst Geschichte.
Es war und ist die Idee des Pfandes, dass weniger Müll entsteht. Mehrwegverpackungen funktionieren seit jeher so, dass ein bestimmter Geldbetrag beim Kauf hinterlegt wird. Wenn der Kunde oder die Kundin den Behälter wieder zurückgibt, gibt es den Betrag zurück. In der Regel liegt die Höhe des Pfandes nur bei einem Bruchteil des Kaufpreises. „Es soll einerseits einen Anreiz setzen, damit die Leute das Leergut wieder in den Supermarkt tragen. Andererseits darf es nicht so hoch liegen, dass sie vom Kauf der Pfandware zurückschrecken“, sagt Sonia Grimminger aus dem Fachgebiet Kunststoffe und Verpackungen beim Umweltbundesamt, UBA, in Dessau.
Weil das bisher relativ gut funktioniert, wird der Umfang an bepfandeten Behältnissen in Zukunft deutlich ausgeweitet. Seit Januar dieses Jahres erfasst das System erstmals auch Saftflaschen, Smoothies und alkoholische Mischgetränke in Dosen. Die Zahl der Behälter, die leer wieder in den Laden gelangen, werde dadurch um zehn Prozent steigen, besagen Hochrechnungen. „Dadurch landen weniger Einweg-Getränkeverpackungen in der Umwelt. Es wird mehr gesammelt und das Recycling gestärkt“, lobt die Deutsche Umwelthilfe. Hinter der Neuregelung steht eine Vorgabe der EU-Einwegkunststoffrichtlinie. Sie sieht eine schrittweise Ausweitung des Pfandes vor: Ab 2023 müssen Restaurants und größere Street-Food-Anbieter für Speisen und Getränke Mehrwegverpackungen anbieten. Um ein Pfand kommen sie dabei wohl nicht herum. Milch- und Milchprodukte in Glas- und Plastikflaschen sollen 2024 folgen.
Gesetze gegen den Abfallberg
Hintergrund der neuen rechtlichen Leitplanken ist, dass der Abfallberg in der gesamten EU – aller umweltpolitischen Bemühungen zum Trotz – in den vergangenen Jahren drastisch gewachsen ist. Zu den unrühmlichen Spitzenreitern zählt ausgerechnet Deutschland. 40 Kilogramm Plastikverpackungsabfall waren es allein 2019 pro Kopf und Jahr. In Schweden waren es dagegen nur 24 Kilogramm. Zwar haben andere Länder zum Teil weniger Pfandsysteme und geringere Recyclingquoten, aber hierzulande boomt das Convenience- und Snack-Food weit mehr als etwa im kulinarisch bewussteren Frankreich oder Italien: Salate in Schachteln mit Serviette und Besteck, einzeln abgepackte Kekse und andere hoch verarbeitete Produkte sind beliebt. Seit Mitte der 1990er Jahre kletterte somit die Menge von Tetrapaks, Tüten und Wurstverpackungen immer weiter auf 18,9 Millionen Tonnen im Jahr 2019. Knapp zwei Drittel des Abfalls in den Tonnen stammen von Lebensmittelverpackungen.
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Abgepacktes erscheint vielen Menschen bequem. Im Fall von Wurst und Käse hält es mitunter erheblich länger. Und die Zunahme der Single-Haushalte bedingt kleinere Portionsgrößen und damit anteilig mehr Papier und Plastik um immer weniger Nahrung. Die nicht essbare Hülle verschlingt in der Folge mehr und mehr Rohstoffe und Energie.
Mehrwegverpackungen können diesen unguten Trend in einer Welt, in der Menschen zusehends unter knappen Gütern und mangelnder Nahrung leiden, brechen. „Wir müssen da dringend vorankommen“, sagt Grimminger. Ökologische Vordenker wie der Chemiker Michael Braungart sehen das Pfand gar als Schlüssel für eine tragfähige Kreislaufwirtschaft, dem Idealbild eines nachhaltigen Konsums. Demnach müssen alle Güter von der Waschmaschine bis zur Duschkabine am Ende ihres Lebens wieder an den Hersteller zurückgehen. Einige nehmen bereits alte Ware beim Kauf eines neuen Produktes zurück; ein Pfand erhöht ebenfalls die Wahrscheinlichkeit einer Retoure.
Bisher aber begegnet es einem in erster Linie bei Flaschen, Dosen und Getränkekisten. Der Handel unterscheidet dort zwei Varianten des Pfandes: das sogenannte Mehrweg- und das Einwegpfand. Jedem Zweiten ist diese Einteilung allerdings unbekannt, wie eine Umfrage des Marktforschungsinstitut TNS Emnid erbrachte.
Echte Mehrwegflaschen tragen den Hinweis „Mehrweg“ oder auch Sätze wie „Pfandflasche – bitte gespült und mit Deckel zurückgeben“. Sie werden heiß gereinigt und dann vom Getränkeproduzenten wieder befüllt. Flasche bleibt also Flasche. Das Pfand liegt mitunter nur bei acht Cent, etwa bei Bier, kann aber auch auf bis zu 60 Cent klettern. Den Wert kann der Abfüller selbst festlegen.
Die meisten Plastikflaschen im Umlauf sind aber Einwegflaschen. Wenn man sie in einen Automaten schiebt, wie er in allen Einzelhandelsketten zu finden ist, bekommt man pauschal 25 Cent gutgeschrieben. Zugleich knarzt es aus dem Automaten, da dieser das Leergut sofort zerknautscht. Wieder befüllt werden diese Presslinge nicht mehr. Ein Recycler zieht sie im besten Fall zu neuen Flaschen oder stellt andere Produkte aus dem klarsichtigen Kunststoff Polyethylenterephthalat, PET, her. Dass Einwegflaschen überhaupt mit Pfand versehen sind, obwohl sie kein zweites Leben in derselben Gestalt bekommen, hat historische Gründe.
Bis 1991 sank der Anteil an Mehrwegflaschen im Getränkesegment immer weiter ab und unterschritt 1991 erstmals ein gesetzlich vorgeschriebenes Limit von 72 Prozent. Als einen der Gründe für den Trend zu immer mehr Wegwerfverpackungen sah der damalige Umweltminister Klaus Töpfer, dass diese im Laden bessergestellt sind: Sie sind beim Kauf billiger, weil kein Pfand anfällt, und zurückbringen muss man sie auch nicht. So kamen Zug um Zug die Zwangsbepfandung der Einwegflaschen und die Automaten in die Supermärkte. Und weil der Mehrweganteil schließlich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre weiter deutlich einbrach, wurde es schließlich mit der 1998 verabschiedeten Verpackungsverordnung grundsätzlich festgeschrieben. Trotz der Versuche der Politik, dem Rückgang bei Mehrwegverpackungen gegenzusteuern, hat sich dieser allerdings bis heute fortgesetzt. 2018 befanden sich nurmehr 41,2 Prozent der Getränke in einer Mehrwegflasche.
Viel zu wenig, findet Grimminger, die Expertin vom UBA: „Mehrwegflaschen etwa für Mineralwasser können 50 Mal wieder befüllt werden, wenn sie aus Glas sind, und 20 bis 25 Mal, wenn sie aus Kunststoff sind.“ Wenn die Transportwege nicht zu lang sind, stehen sie ökologisch in aller Regel besser da als Einwegbehältnisse, hebt sie hervor. Erfolgt die Reinigung besonders wassersparend und wird dafür Ökostrom verwendet, poliere das die Ökobilanz der Mehrwegbehälter weiter auf.
Einwegpfand verbessert Recycling
Zuletzt hat das Heidelberger Institut für Energie und Umweltforschung genauer nachgerechnet, wie umweltverträglich Mehrweg- und Einwegflaschen wirklich sind. Das Ergebnis unterfüttert die generelle Linie, dass Mehrweg besser abschneidet als Einweg. Bei näherem Hinsehen kommt es allerdings auch auf die Transportwege an. Liegen diese in der Größenordnung von 100 bis 130 Kilometern kann Mehrweg punkten. Bei Entfernungen von 400 Kilometern und mehr können die leichteren Einwegflaschen gleichwohl aufholen, weil ihr Transport weniger Sprit verbraucht. Im Einzelfall können sie dann die Ökobilanz der Mehrwegkonkurrenz übertreffen.
Dass sie so gut abschneiden, liegt aber zusätzlich daran, dass sie mittlerweile stofflich verwertet werden – und damit letztlich ausgerechnet am Einwegpfand und dem zugehörigen Sammelsystem: Erst als die Flaschen bundesweit sortenrein gesammelt wurden, machte das PET-Recycling einen qualitativen Sprung. Aus Flaschen können heutzutage sogar wieder Flaschen werden, was lange aufgrund der hohen Anforderungen an Material für Lebensmittelverpackungen nicht möglich war.
Ein anderer Einkaufstipp, der sich aus den Berechnungen des Heidelberger Instituts ableiten lässt: Je mehr Inhalt und je weniger Verpackung, desto nachhaltiger ist ein Produkt in der Regel. Die 1,5 Liter-Flasche schneidet daher besser ab als die 0,5-Liter-Dose. In letzter Zeit setzen Hersteller allerdings gern auf individualisierte Mehrwegflaschen, damit ihr Produkt dem Kunden besonders auffällt. Die Form der Flasche ist dann einzigartig und so nur bei diesem Hersteller zu finden. Für die Ökobilanz ist dieser Kniff des Marketings fatal. Denn die Flaschen müssen nach der Sammlung aus verschiedenen Regionen Deutschlands wieder zu jenem Abfüller zurücktransportiert werden. Sie sind unter dem Strich länger auf den Straßen unterwegs. Das verursacht mehr Schadstoffe in der Luft und verbraucht mehr Sprit je Flasche. Um individualisierte Mehrwegverpackungen ist daher lieber ein Bogen zu machen.
Obwohl das Einwegpfand nicht bezweckt hat, was es sollte, nämlich den Einbruch von Mehrwegverpackungen zu stoppen, hat es doch auch Gutes bewirkt: Es hat das Recycling von Kunststoffen dermaßen nach vorn gebracht. „Es ist zum Vorbild geworden, wie eine Kreislaufwirtschaft im Kunststoffsektor funktionieren kann“, lobt Hans-Josef Endres, Maschinenbauingenieur vom Institut für Kunststoff- und Kreislauftechnik von der Universität Hannover. Er erforscht das Plastikrecycling seit Jahrzehnten und hat den Markt fest im Blick.
18 Milliarden PET-Flaschen mit Getränken wechseln jedes Jahr vom Laden in den Kühlschrank und treten leer wieder den Rückweg an. 98 Prozent dieser unfassbar hohen Zahl nehmen Automaten in den Discountern wieder auf. Die Rücklaufquote ist damit höher als beim Altglas. Das liegt einzig am Pfand, das die Kunden und die Flaschensammler zum Zurückbringen anhält.
Keine andere Plastiksorte wird mittlerweile so sauber recycelt wie PET. Das hat gute Gründe: Als die gesetzlichen Vorgaben die Industrie dazu zwangen, ihre leeren Flaschen gesondert zurückzunehmen und stofflich zu verwerten, setzte sie sich notgedrungen damit auseinander, wie sich das Leergut wiederverwenden lässt. „Man hat 20 Jahre gebraucht und es am Ende geschafft, das Material so zu standardisieren, dass das Recycling von Flasche zu Flasche inzwischen gut funktioniert“, berichtet Endres.
Dahinter stehen unscheinbare Veränderungen: PET-Flaschen bestehen mittlerweile nurmehr aus einem einzigen Kunststoff, nämlich PET. In der Anfangsphase kursierten dagegen Kunststoffverbunde, die sich nicht recyceln ließen. Liegen beispielsweise verschiedene Kunststoffschichten übereinander, existieren keinerlei Verfahren, diese wieder voneinander zu trennen. Die Getränkeflaschen gibt es inzwischen auch nur noch in Durchsichtig oder Blau, da alle anderen Farbstoffe das Recycling stören. Klebstoffe für die Etiketten machten zunächst große Probleme, da sie die Kunststoffschmelze verschmutzen. Mittlerweile sind sie ebenfalls standardisiert: Eine Banderole umhüllt alle Flaschen, die sich mechanisch leicht entfernen lässt. Eine Fülle von Designs oder gar Aufgedrucktes sind tabu, genauso Verschlusskappen aus Silikon.
Noch bis vor Kurzem bereiteten allerdings Saftflaschen aus PET Kopfzerbrechen. Sie waren innen mit einem anderen Kunststoff beschichtet, weil Bestandteile aus dem Orangensaft sonst in das PET eindringen und es gelb färben. Recycler aber wollen keine gelben Flaschen, die ihr gesamtes Alt-PET gelbstichig machen. Einen Verbund aus zwei Kunststoffen mögen sie aber erst recht nicht, da sie solche Flaschen aufwendig als Ausschuss aussortieren müssten. „Jetzt hat man endlich eine Lösung dafür gefunden“, berichtet Grimminger. „Die Flaschen sind innen mit einer hauchdünnen Schicht aus Silikat, einer Art Glas, überzogen. Dieser Überzug macht beim Recyceln keine Probleme.“
Und so funktioniert das Recycling der PET-Einwegflaschen derzeit: Sie werden zunächst zu Schnipseln klein gehäckselt, die „Flakes“ heißen. Diese werden gewaschen. Anschließend können die Flakes geschmolzen und aus der Masse wieder neue Produkte gezogen werden. Nur ein kleiner Teil des Recycling-PET, etwa ein Drittel, landet allerdings wieder in neuen Getränkeflaschen. Und das, obwohl bundesweit mehrere Anlagen des österreichischen Herstellers Erema arbeiten, der laut Brancheninsidern den ökologischen Standard anführt. Sie können das Alt-PET so sauber aufreinigen, dass es auch zu 100 Prozent wieder zur neuen Flasche taugt. Aber recyceltes PET ist mittlerweile ausgesprochen begehrt und sogar teurer als frischer Kunststoff. Die Zeiten, in denen neues Plastik per se günstiger ist als wiederverwertetes Material, sind vorbei.
Ansturm auf Recyclingplastik
Rezyklate sind nämlich derzeit aus Imagegründen enorm begehrt. Viele Hersteller werben damit, wenn sie Rohstoffe aus dem Kreislauf einsetzen. „Alle Unternehmen, die Rezyklate verwenden, stürzen sich aber im Moment auf Recycling-PET“, berichtet der Experte Christian Schiller vom Unternehmen cirplus, das die Rückverfolgung von Rezyklaten garantiert. Denn nur das Recycling von PET funktioniert derzeit hochwertig und in großem Stil – aufgrund des Pfandes. Lego hat etwa angekündigt, seine Spielsteine bis 2030 auf PET aus Flaschen umzustellen und im letzten Jahr einen Prototypen gezeigt. Die Biolinie der Marke Garnier sei in recyceltem PET abgefüllt, wirbt der französische L’Oréal-Konzern. Auch andere Branchen kaufen mittlerweile in großem Stil recyceltes PET. Ein Viertel wird zu Kleidung, ein weiteres Viertel zu Folien und anderen Produkten verarbeitet.
Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein funktionierendes Kreislaufsystem neue Märkte schafft. Schon schlägt Endres vor, man solle das Pfand auf andere Verpackungen, etwa auf Plastikflaschen für Duschgel und Shampoo, ausweiten. Auch dieses Leergut könnten spezielle Automaten wieder einziehen. Auch wenn das bedeutet, dass Kunden und Kundinnen bald mit vollen Taschen in Drogeriemärkte laufen, ist eines unumstößlich: Hochwertiges Plastikrecycling gelingt nur, indem sortenrein gesammelt und der innovative Wildwuchs der Materialien beendet wird. „Schafft es die Industrie, sich auf eine dramatische Reduktion der Materialtypen, Verbunde, Einfärbungen, Drucke, Stabilisierungen zu einigen, sind wir einen wichtigen Schritt weiter“, sagt Bernhard Baumberger, Geschäftsführer vom österreichischen Unternehmen Walter Kunststoffe.
Doch im Recyclingmarkt kämpfen die Geschäftsleute derzeit mit harten Bandagen darum, wer in Zukunft das Sagen hat: Der chemischen Industrie missfällt der schwindende Absatz an neuen Kunststoffen in Europa und der erstarkende Kreislauf des Plastiks. Sie setzt sich deshalb dafür ein, dass Kunststoffabfälle nicht sortenrein getrennt werden, sondern als Mix in Öfen ohne Sauerstoff zu einem dunklen Öl zersetzt werden. Das Verfahren heißt „Pyrolyse“. Das braune Öl können Chemiebetriebe wie Erdöl verarbeiten. Wenn sie sich durchsetzen, würden sie zu denen gehören, die am Recycling verdienen. Doch bei dem Verfahren entstehen mehr Schadstoffe und Rückstände, als wenn man Kunststoffe sortenrein sammelt, reinigt und lediglich schmilzt, um neue Plastikgegenstände daraus zu formen. Endres hat für das Tauziehen zwischen chemischer Industrie und Recyclern nur einen Satz übrig. „Shit in, shit out“, wiederholt er immer wieder. Und meint damit: Wer einen wilden Abfall in die Anlagen kippt, wird nie nur Gutes gewinnen. Das Recycling wird nur umso aufwendiger und unökologischer je unreiner der Müll ist. An einer Ausweitung des „Modells Pfand-Getränkeflasche“ führt in seinen Augen deshalb kein Weg vorbei.
Ähnlich sahen das offenbar die Brüsseler Politiker und Politikerinnen, die entschieden, für welche Verpackungen es demnächst an der Kasse Geld zurückgibt. Und der Bedarf ist offensichtlich. Allein hierzulande ist die Zahl der Einwegbecher auf 2,8 Milliarden pro Jahr gestiegen. Als Restaurants in der Coronapandemie schließen mussten und mehr Menschen denn je von zu Hause arbeiteten, kletterte der Anteil an gelieferten Mahlzeiten drastisch. Die Fahrer von Lieferando und Co. gehören in den großen Städten mittlerweile zum Straßenbild wie die Taxis. Das produziert täglich 770 Tonnen zusätzlichen Müll, schätzt das Bundesumweltministerium. Vor diesem Hintergrund soll es für alle Verpackungen der Take-away-Gastronomie ab Januar 2023 eine Mehrwegvariante geben. Diese Pfandbehälter dürfen nicht teurer sein als die Einwegkonkurrenz.
Mehrwegalternativen längst verfügbar
Nun wird Kaffee schon seit einigen Jahren in wiederbefüllbaren Bechern ausgeschenkt. Ein Anbieter der ersten Stunde ist das Start-up Recup in München. Auch das Unternehmen profitierte vom Boom der Abholgastronomie seit Anbruch der Corona-Ära. Es konnte seine Beschäftigtenzahl im letzten Jahr verdoppeln und ist mit Abstand der größte Mehrwegdienstleister im Gastrobereich. Neben einem Becher aus Polypropylen bieten die Münchner mittlerweile auch wiederverwendbare Boxen für heiße Speisen. Recup leiht den Restaurants und Bistros seine Mehrwegverpackungen gegen eine monatliche Gebühr. Diese sparen im Gegenzug Einwegverpackungen ein. Die Shell-Gruppe mit über 1000 Tankstellenrestaurants ist der größte Kunde. Insgesamt würden die Mehrwegbehälter aber an über 11.000 Gaststätten ausgegeben. Wie gut sie von deren Kunden dann tatsächlich in Anspruch genommen werden, ist allerdings offen. Pressesprecherin Greta Mager von Recup sagt: „Wir tracken unsere Verpackungen nicht und haben daher keine Zahlen zum Gebrauch“.
Im Straßenbild dominieren nach wie vor die Einwegverpackungen. Und dass, obwohl sich inzwischen mehrere Dienstleister für Mehrwegsysteme auf den Weg gemacht haben. „Es ist noch viel Luft nach oben“, findet Mager. „Wir sind aber zuversichtlich wegen der Mehrwegpflicht ab 2023.“ Bisher würden viele Verkäufer ihre Kunden noch gar nicht darauf ansprechen, dass es eine Mehrwegalternative gäbe. Auch ein höherer Verbreitungsgrad des Mehrwegsystems würde helfen. Dann könnten Konsumenten die Becher und Schalen in mehreren Lokalen und letztlich flexibler zurückgeben. Wie die meisten Konkurrenten setzt Recup auf ein sogenanntes Pooling-System, bei dem der Kunde die Verpackung nicht nur in einem Restaurant, sondern bei allen Recup-Kunden und damit bei vielen lokalen Gastronomiebetrieben mitnehmen und zurückgeben kann.
Ein Knackpunkt ist auch der Komfort. Einweg ist das Rundum-sorglos-Paket der ökologisch Gewissenlosen. Aber Mehrweg verlangt eben auch Umweltbewussten etwas ab. Nach dem Essen zu Hause die schmutzigen Schalen stehen zu haben, bis man wieder in das Bistro geht, dürfte einige abschrecken. Das Münchner Unternehmen erprobt deshalb derzeit Schalen, deren Größe und Form sich für möglichst viele Gerichte von Sushi bis Pasta eignen. Dann bräuchte man weniger unterschiedliche Verpackungen und diese könnten „überall“ zurückgegeben werden.
Nur die Pizzafans werden eine Extralösung brauchen. Aber auch die ist schon erfunden: das Start-up „reCIRCLE“ bringt in diesem Sommer die erste wiederverwendbare Pizzabox mit flexibler Belüftung auf den Markt.
„Wir wollen ein digitales Pfand einführen“, verrät Recup-Sprecherin Mager weitere Pläne. Kunden, die bargeldlos bezahlen, können den Geldwert beim Lieferanten dann virtuell hinterlegen und erhalten den Betrag bei Rückgabe zurückgebucht. Dafür entwickle Recup eigens eine App.
Beim jüngeren Konkurrenten Vytal funktioniert das Ausleihen schon jetzt rein digital und ganz ohne klassisches Pfand: Über einen QR-Code wird die Schale bei der Ausgabe gescannt, von da an hat der Kunde 14 Tage Zeit, sie zurückzugeben, bevor eine Zahlung dafür fällig wird. Außerdem setzt das Kölner Unternehmen stark auf die Kooperation mit Lieferdiensten. Der starke Zuspruch, den diese in Pandemiezeiten erfuhren, helfe auch den Mehrweganbietern, so Mitgründer Tim Breker, „weil Konsumenten mehr Zeit hatten und stärker konfrontiert wurden mit den Folgen ihrer eigenen Bequemlichkeit. Sie sahen, wie sich zu Hause die Verpackungen der Essenslieferdienste stapelten“.
In der Geschichte des Mülls und der Lebensmittel gab es immer wieder Kipppunkte. 1996 setzten sich die To-go-Becher rasant durch; der Zeitgeist bestand in einem Getriebensein und in rastloser Aktivität, in die der unterwegs getrunkene Kaffee sich blendend einfügte. In den letzten beiden Jahren ist „bestellen und daheim essen“ für jeden Fünften hierzulande zwangsläufig zur Esskultur geworden, an der nicht wenige auch nach der Wiedereröffnung der Restaurants Gefallen gefunden haben. Und in Zukunft werden vermutlich nicht nur steigendes Umweltbewusstsein, sondern auch knapper werdende Ressourcen und steigende Energiepreise Mehrwegverpackungen einen kräftigen Schub verleihen.
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