Zusammen mit dem Darmstädter Pathologen Roland Heyny-von Haußen untersuchte er daraufhin gezielt die Nase und wurde tatsächlich fündig: “Es gibt zwar keine Amyloid-Ablagerungen in der Schleimhaut” ? diese Proteinfragmente bilden die typischen Plaques im Gehirn von Alzheimer-Patienten ?, “aber wir fanden relativ große Mengen des Tau-Proteins.” Dieses Eiweiß ist das zweite charakteristische Merkmal für Alzheimer, es bildet faserartige Bündel innerhalb der Hirnzellen von Betroffenen. “Erstaunlicherweise sind diese Ablagerungen aber nicht nur, wie man erwarten könnte, in den Nervenzellen, sondern vor allem in den Drüsen in der Nasenschleimhaut, die das Nasensekret produzieren”, berichtet Schmidt. Warum sich die Proteine ausgerechnet dort anreichern, ist bislang völlig unklar.
Der Fund eröffnet ganz neue Perspektiven für die Früherkennung der Demenz-Erkrankung, die bisher nur mithilfe von Gedächtnistests in einem eher späten Stadium diagnostiziert werden kann: Die Tau-Ablagerungen in der Nase scheinen schon nachweisbar zu sein, wenn sich noch keine oder nur sehr schwache Symptome zeigen. Zudem korreliert ihre Menge mit dem Ausmaß der Schädigung im Gehirn. Das legen zumindest die bisher vorhandenen Daten nahe, die aus der Untersuchung der Nasenschleimhaut von 24 Verstorbenen stammen. Größere Studien gibt es noch nicht, denn die Darmstädter stehen vor einem Problem: Ihr Farbstoff ist ganz neu. Bevor seine Verträglichkeit in Tierversuchen und gesunden Probanden nachgewiesen wurde ? Schmidt spricht von Entwicklungskosten von drei bis fünf Millionen Euro ?, darf er nicht bei lebenden Menschen eingesetzt werden.
Die Wissenschaftler sind daher zumindest erst einmal weiterhin auf die Nasen Verstorbener angewiesen. Mindestens 100 wollen sie untersuchen, um die Zuverlässigkeit der Methode möglichst gut belegen zu können. Das sei jedoch ebenfalls nicht gerade einfach, weil viele Menschen zwar bereit seien, nach ihrem Tod ihr Gehirn oder ihre Organe der Wissenschaft zu spenden, nicht jedoch ihre Nase oder ihre Augen, erzählt Schmidt. Eine andere Alternative sind Gewebeproben, die aus der Nase lebender Patienten entnommen werden. “Wir können dabei den Spieß einfach umdrehen, denn sobald das Gewebe nicht mehr im Körper ist, dürfen wir diese Farbstoffe einsetzen”, sagt der Chemiker. Klares Ziel bleibe jedoch der Einsatz des Farbstoffs in der intakten Nase beim lebenden Menschen. Damit würde dann nicht nur eine relativ einfache und schonende Früherkennung möglich, sondern auch eine Verlaufskontrolle während einer potenziellen zukünftigen Therapie.





