Jedes Jahr brechen sie im Herbst zu gewaltigen Interkontinentalflügen auf, um dann im Frühjahr aus dem „Winterurlaub“ im Süden zu ihren jeweiligen Brutplätzen zurückzukehren: Das erstaunliche Orientierungsvermögen der Zugvögel bei diesen Migrationen fasziniert Wissenschaftler schon lange. Es wird der Fähigkeit zur sogenannten Magnetorezeption zugeschrieben: Manche Tiere können sich vom Magnetfeld unseres Planeten leiten lassen. Es gibt Hinweise darauf, dass der innere Kompass der Vögel dabei im Auge sitzt. Demnach zeigen dort Eisenoxid-Partikel in bestimmten Zellen Merkmale der irdischen Magnetfeldlinien an. Offenbar können die Tiere diesen sechsten Sinn nutzen, um ihre Flugrichtung einzustellen.
Unklar ist allerdings bisher, wie Zugvögel erkennen, wo sie ihre Reise beenden müssen, um an ihren angestammten Zielorten zu landen. „Untersuchungen machen zwar immer deutlicher, dass der Vogelzug einem festen Programm folgt, das Vögel von ihren Eltern erben. Aber wie sie Jahr für Jahr mit hoher Präzision an denselben Ort zurückkehren, ist nach wie vor ein Rätsel“, sagt Joe Wynn vom Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven. Um dieser Frage nachzugehen, haben Wynn und seine Kollegen den Teichrohrsänger (Acrocephalus scirpaceus) als Modell ins Visier genommen. Diese kleinen Singvögel verbringen den Sommer in ihren jeweiligen Brutgebieten in vielen Regionen Europas – ihre Winterquartiere liegen hingegen in Regionen Afrikas südlich der Sahara.
Haltesignalen auf der Spur
Die Teichrohrsänger stehen schon lange im Fokus von Vogelforschern: Seit fast hundert Jahren werden Exemplare mit kleinen Metallfußringen individuell markiert. Sowohl die Beringungsorte als auch die Fundorte werden dabei für ganz Europa zentral erfasst. „Diese Daten sind ein fantastisches Mittel, um Fragen zum Vogelzug zu beantworten, weil sie über so viele Jahre hinweg in einem sehr großen Gebiet gesammelt wurden“, sagt Wynn. Im Rahmen ihrer Studie analysierten er und seine Kollegen nun Beringungsdaten von fast 18.000 Teichrohrsängern, die aus der Zeit zwischen 1940 und 2018 stammen. Zudem erfasste das Team die Merkmale des Erdmagnetfeldes an den Fundorten. Zur Auswertung kamen statistische Methoden zum Einsatz, um mögliche Muster aufzudecken, in denen Hinweise auf das Orientierungssystem der Vögel stecken.
Wie die Forscher berichten, zeichnete sich in ihren Ergebnissen ab, dass die Vögel bestimmte erdmagnetische Koordinaten als Stoppsignale bei ihren Zügen nutzen. Sie orientieren sich demnach an den ortstypischen Merkmalen der sogenannten magnetischen Inklination. Dieser Begriff beschreibt den jeweiligen Neigungswinkel zwischen den magnetischen Feldlinien und der Erdoberfläche. Sobald die Inklination einen bestimmten Wert erreicht, ziehen die Vögel nicht mehr weiter, legen die Ergebnisse nahe. Den Autoren zufolge lernen die Vögel den jeweiligen Neigungswinkel offenbar, bevor sie aufbrechen und nutzen ihn dann für die Rückkehr.





