Beim Menschen ist die Fähigkeit zum vorausschauenden Verhalten besonders ausgeprägt: Einem verlockenden Impuls zu widerstehen, kann bekanntlich zu besseren Erfolgen führen. Im Gegensatz dazu sind die meisten Tiere nicht in der Lage, einem unmittelbaren Futterreiz zu widerstehen, oder ihnen fehlen die kognitiven Fähigkeiten, um zu verstehen, dass ein Warten sinnvoll ist. Doch wie die Forschung mittlerweile gezeigt hat, bilden einige intelligente Arten Ausnahmen: Primaten, Vögel wie Papageien und sogar die cleveren Tintenfische können den Vorteil offenbar begreifen und sich zurückhalten, zeigen Studien.
Im Fall des Menschen geht aus Untersuchungen hervor, dass die individuelle Fähigkeit zur Selbstkontrolle mit der generellen Intelligenz verbunden ist. Ähnliches wurde auch bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich – den Schimpansen belegt: Je intelligenter, desto selbstbeherrschter ist ein Individuum. Interessanterweise haben die Wissenschaftler um Alexandra Schnell von der University of Cambridge auch bereits bei den Tintenfischen Hinweise darauf entdeckt, dass eine individuell hohe Fähigkeit zur Selbstkontrolle mit weiteren besonders guten kognitiven Leistungen dieser Meerestiere verbunden ist. In der aktuellen Studie haben Schnell und ihre Kollegen nun Untersuchungen an Vertretern der Rabenvögel durchgeführt: den bereits als sehr clever geltenden Eichelhähern (Garrulus glandarius).
Eichelhäher zeigen sich diszipliniert
Um deren Fähigkeit zur Selbstbeherrschung beziehungsweise Belohnungsaufschiebung auszuloten, führte das Team Experimente mit zehn Exemplaren durch. Die Verlockungen bildeten dabei Mehlwürmer, Brot und Käse. Die Würmer sind dabei ganz besonders beliebt, Brot und Käse folgen je nach der individuellen Vorliebe der Tiere an zweiter und dritter Stelle. Zum Einsatz kam bei den Versuchen ein Mechanismus, bei dem die Vögel Brot oder Käse angeboten bekamen, während ein Mehlwurm hinter einer Plexiglasscheibe zu sehen war. Der besondere Leckerbissen wurde nur dann zugänglich, wenn die Tiere auf das sofort zugängliche Futter verzichteten und eine gewisse Weile warteten. Wie die Forscher berichten, begriffen alle Versuchstiere nach der Trainingsphase diesen Zusammenhang: Sie konnten dem Verzehr des mäßig attraktiven Futters in einem gewissen Zeitrahmen widerstehen, um auf das bevorzugte Futter zu warten.
Die Forscher loteten dann schließlich aus, wie lange die Tiere sich derart beherrschen konnten. Dabei zeigte sich eine erhebliche individuelle Bandbreite: Spitzenreiterin war demnach Eichelhäher-Dame “JayLo”, die das weniger attraktive Futter beachtliche fünfeinhalb Minuten lang ignorierte, um auf den Mehlwurm zu warteten. Die schlechtesten Teilnehmer, “Dolci” und “Homer”, konnten sich hingegen nur maximal 20 Sekunden lang beherrschen. “Es ist erstaunlich, dass manche Eichelhäher so lange auf ihr Lieblingsfutter warten können“, betont Schnell. Es zeigte sich auch, dass die tolerierte Wartezeit vom Gewinn abhängig war: Die Zeit, die ein Tier bereit war, auf den Wurm zu warten, sank, wenn er mit dem zweitliebsten Futter als sofortige Belohnung konkurrierte, verglichen mit dem drittliebsten. Die Forscher beobachteten außerdem ein weiteres interessantes Verhalten: Die Eichelhäher wendeten sich von dem Brot oder dem Käse ab – als ob sie sie sich von der Versuchung ablenken wollten.





