Die ecuadorianische Blütenfledermaus Anoura fistulata kann ihre Zunge um das 1,5-fache ihrer Körperlänge herausstrecken. Damit kann sie Nektar aus mehr als acht Zentimeter tiefen Blütenröhren trinken. Das hat der Biologe Nathan Muchhala von der Universität von Miami entdeckt, als er die Fressgewohnheiten nah verwandter Fledermäuse verglich. Die extrem lange Zunge bringt die Fledermaus in ihrer Brusthöhle unter, wobei die Zungenbasis nicht wie üblich an der Basis der Mundhöhle sitzt, sondern sich zwischen Herz und Brustbein befindet.
Die Fledermaus A. fistulata wurde erst vor kurzem in den Nebelwäldern der ecuadorianischen Anden entdeckt, wo sie und zwei andere Blütenfledermäuse derselben Gattung, A. caudifer und A. geoffroyi, leben. Um die Zungenlänge dieser Arten zu bestimmen, trainierte Muchhala die Tiere dazu, Zuckerwasser aus Strohhalmen unterschiedlicher Länge zu trinken. Während A. caudifer und A. geoffroyi über eine Strohhalmlänge von knapp vier Zentimetern nicht herauskamen, schaffte es A. fistulata bis zu einer Länge von rund 8,5 Zentimetern, aus dem Röhrchen zu trinken.
Somit ist die herausgestreckte Zunge bei A. fistulata doppelt so lang wie bei den beiden verwandten Fledermausarten, womit die Fledermaus relativ zur Körperlänge alle anderen Säugetiere übertrifft. Unter den Wirbeltieren ist nur das Chamäleon besser. Diese Höchstleistung erreicht A. fistulata durch einen Trick: Die Zunge beschränkt sich nicht auf den Gaumen und den Kiefer, sondern erstreckt sich über den Hals bis in den Brustkorb. Dort ist sie von einer speziellen Gewebestruktur umgeben, der so genannten Zungenröhre.
Zu dieser langen Zunge müsse es auch eine passende Blüte geben, vermutete Muchhala. Einen solchen Zusammenhang hatte bereits Charles Darwin richtig für einen madagassischen Falter vorausgesagt. Als Muchhala die Pollen auf den Gesichtern und im Fell der drei Fledermausarten analysierte, fand er tatsächlich nur bei A. fistulata Pollen des Glockenblumengewächses Centropogon nigricans, das besonders lange Blütenröhren von acht bis neun Zentimetern hat.
Da bisher keine Pflanzen bekannt waren, deren Blüten auf bestimmte Fledermausarten angepasst sind, ist dies das erste Beispiel für eine Pflanze, die allein von einer einzigen Fledermausart bestäubt werden kann. Der Forscher vermutet, dass sich die lange Zunge und die Blütenröhre gemeinsam entwickelt haben.
Diese Entdeckung ist außerdem ein Beispiel für eine so genannte konvergente Evolution. Biologen bezeichnen damit die unabhängige Entwicklung ähnlicher Merkmale bei nicht verwandten Arten. Auch das Ameisen fressende Schuppentier steht unter dem Selektionsdruck, eine möglichst lange Zunge zu entwickeln – und besitzt wie die Fledermaus A. fistulata eine Zungenröhre.
Nathan Muchhala (Universität von Miami): Nature, Bd. 444, S. 701 ddp/wissenschaft.de ? Annette Schneider





