Wunden, Parasiten und Erkrankungen vieler Art – seit Urzeiten nutzt der Mensch bekanntlich die „Apotheke der Natur“, um diesen Problemen entgegenzutreten. Dies ist ein speziell menschliches Verhalten, könnte man meinen. Doch das ist nicht der Fall: Es sind bereits zahlreiche Beispiele für den medikamentösen Nutzen bestimmter Naturstoffe aus dem Tierreich bekannt: “Formen der Selbstmedikation wurden bei zahlreichen Tierarten beobachtet, darunter Insekten, Reptilien, Vögel und Säugetiere”, sagt Simone Pika von der Universität Osnabrück. Um Krankheitserreger oder Parasiten zu bekämpfen, werden dabei nahrungsfremde Substanzen aufgenommen, wie etwa bestimmte Pflanzenteile, die pharmakologische Wirkstoffe enthalten.
Dass auch unsere nächsten Verwandten im Tierreich die „Natur-Apotheke“ zu nutzten wissen, war ebenfalls bereits bekannt: Schimpansen und Bonobos schlucken gezielt bittere Blätter von Pflanzen, um durch deren Wirkstoffe Darmparasiten abzutöten. Das neue Beispiel für eine vermutlich medizinische Behandlung stammt nun aus Untersuchungen im Rahmen des Ozouga-Schimpansenprojekts im Loango-Nationalpark in Gabun. Dort untersuchen Pika und ihre Kollegen eine Gemeinschaft aus etwa 45 Schimpansen.
Ein Insekt mit pharmakologischem Effekt?
Die erste Beobachtung des neuen Verhaltens glückte dabei der Erst-Autorin Alessandra Mascaro vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig: “2019 beobachtete ich ein Schimpansenweibchen namens Suzee, wie sie sich um den verletzten Fuß ihres halbwüchsigen Sohnes Sia kümmerte. Mir fiel auf, dass sie etwas zwischen ihren Lippen zu haben schien, das sie dann auf die Wunde an Sias Fuß auftrug, berichtet Mascar. „Später am Abend schaute ich mir meine Videos noch einmal an und sah, dass Suzee zuerst etwas auffing, das sie zwischen ihre Lippen nahm und dann direkt auf die offene Wunde an Sias Fuß legte. Bei der Besprechung dieser Beobachtung mit den Teammitgliedern wurde klar, dass ein solches Verhalten bisher unbekannt war.”
Weitere Sichtungen waren somit gefragt – und die folgten auch: Schon eine Woche später sah Co-Autorin Lara Southern von der Universität Osnabrück das Verhalten bei einem erwachsenen Männchen. Im Laufe des folgenden Jahres filmten die Forscher dann systematisch Tiere mit Verletzungen und werteten die Aufnahme aus. So konnten sie schließlich zahlreiche Fälle der Behandlung dokumentieren und das Vorgehen beschreiben. Zunächst fangen die Schimpansen demnach das Insekt mit der Hand und immobilisieren es dann durch Zerquetschen zwischen den Lippen. Anschließend wird es auf die Wunde gelegt und mit den Lippen oder Fingerspitzen wie zum Einreiben bewegt. Diese Prozedur wiederholen die Tiere dabei auch mehrmals. Die verwendete Insektenart konnte bisher nicht identifiziert werden. Nur grundlegende Merkmale sind bekannt: Aus den schnellen Fangbewegungen der Affen und den Aufnahmen geht hervor, dass es sich um ein etwa fünf Millimeter großes Fluginsekt handelt.





