Was wir vom Bundeskanzler halten, ob wir sonntags in die Kirche gehen und am liebsten Jeans tragen, entscheiden wir wahrscheinlich hinter der rechten Seite unserer Stirn. Das erklärten Hirnforscher jetzt auf dem Treffen der Amerikanischen Akademie für Neurologie in Philadelphia.
Die Forscher haben über siebzig Menschen mit einer erblichen Form von Vergesslichkeit untersucht, die sich oft schon im fünften Lebensjahrzehnt bemerkbar macht. Bei sieben Patienten stellten die Forscher deutliche Veränderungen in politischen, religiösen oder sozialen Auffassungen fest: So wandelte sich eine adrett gekleidete Maklerin, die gerne in teure französische Restaurants ging, zu einer Liebhaberin von Fast-Food, die sich betont schlampig kleidet. Ein Familienvater mit einer puritanischen Einstellung gegenüber Sex, entwickelte mit der Krankheit eine Vorliebe für erotische Experimente.
Bei sechs der sieben Patienten mit der sogenannten “Frontotemporalen Demenz” diagnostizierten die Forscher einen beschädigten rechten Frontallappen im Gehirn. Das ist der Teil des Gehirns, der hinter der rechten Stirn liegt. Der siebte Patient hatte einen beschädigten rechten Schläfenlappen, der direkt neben dem Frontallappen liegt. Dagegen hatten fast alle Patienten ohne Änderungen ihrer Persönlichkeit einen intakten rechten Stirnlappen. “Offenbar ist ein funktionierender rechter Frontallappen notwendig, um das eigene Selbstbild zu erhalten”, sagt der beteiligte Forscher Bruce L. Miller.
Andreas Wawrzinek





