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Wo der Honig aus den Bäumen tropft
Wilde Bienen sind widerstandsfähiger als ihre domestizierten Verwandten. Kann die naturnahe Imkerei, wie sie die Zeidler am Fuße des Ural betreiben, ein Vorbild für die Bienenhaltung in Westeuropa werden?
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Text: Diana Laarz / Fotos: Sascha Montag
Sein Werkzeug: ein kniehohes Fass aus Lindenholz, ein Lederriemen, zwei Äxte und ein armlanges, schmales Brett. Anis Dilmuchametow bindet alles zu einem Bündel zusammen, schwingt es über die Schulter. Sein Ziel: ein Baum, in dem Bienen wohnen. Anis Dilmuchametow ist ein Waldimker, Zeidler genannt. Archaisch die Anmutung, wenn er mit seinem Bündel durch das Unterholz stapft. Die Waldimkerei ist ein Handwerk aus früheren Zeiten. Sie könnte aber auch die Zukunft sein und Vorbild für die Bienenhaltung in ganz Europa. Denn Zeidler betreiben eine naturnahe Imkerei, die in Westeuropa längst vergessen ist. Und die Bienen der Zeidler sind stärker und widerstandsfähiger gegen die Krankheiten, die Bienenvölker auf der ganzen Welt bedrohen.
Anis Dilmuchametow lebt und arbeitet in der russischen Republik Baschkortostan. Das ist der letzte Zipfel des europäischen Russlands. Hinter dem Wald beginnt das Uralgebirge, im Süden liegt Kasachstan. Es ist ein Landstrich der dicht bewaldeten Hügel. Hunderte Flüsse, Tausende Seen. Von den Hügelkuppen aus betrachtet sehen die Holzhäuser der Dörfer aus, als habe ein Riese bunte Schokolinsen ausgestreut. Der Zeidler Dilmuchametow geht immer tiefer hinein in den Wald. Kurz bleibt er stehen und schaut sich suchend um. Vor vielen Monaten war er zuletzt an diesem Ort. Als führe ihn ein unsichtbares Band zu seinen Bienen, entscheidet er sich für eine Richtung. Stoppt schließlich vor einer Fichte, deren Spitze im gleißenden Licht des Himmels beinahe verschwindet. Der Imker legt sein Bündel zu Boden. Angekommen.
Die Schuhe zieht er als erstes aus. „Auf Socken klettert es sich besser“, sagt Dilmuchametow. Dann schlingt er den speckigen Lederriemen, ein Erbstück seines Vaters, um den Baumstamm und verknotet ihn hinter seinem Rücken. Jetzt schiebt er gleichzeitig den Riemen nach oben und klettert mit schnellen Schritten senkrecht die Fichte empor. Es sieht aus, als schwinge er sich am Stamm entlang. Nach wenigen Sekunden schon hängt er acht, neun Meter über dem Erdboden am Baum. Aus dem Holzbrett und einem Seil konstruiert er eine Fußstütze.
Die Waldimker sind geschickte Kletterer, den Auf- und Abstieg von den Bäumen haben sie bereits als Jugendliche gelernt. Dennoch bleibt das Werkeln in der Höhe gefährlich. Deshalb gehen die Zeidler niemals allein in den Wald. Einige nehmen ihre Söhne mit, wenn diese alt genug sind. Dilmuchametow wird von einem Freund begleitet. Er kann Hilfe holen, sollte der Waldimker sich durch einen Sturz verletzen.
Honigwaben wie übergroße Tropfen
Der Zeidler stoppt vor einer Öffnung im Baumstamm. Sie reicht ihm vom Hals bis zur Hüfte und ist mit einem Stück Maschendraht, einer Schicht getrocknetem Farn und einer Holzplatte verschlossen. Vorsichtig löst Dilmuchametow die Schichten. Er stößt einen überraschten Ruf aus: „Eieiei.“ Die Honigwaben im hohlen Stamm sind so dick und breit, dass sie von innen am Holzdeckel kleben. Sie sehen aus wie übergroße Tropfen. Leises Summen dringt aus der Öffnung.
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Schon Steinzeitvölker aßen den Honig wilder Bienen. Und die Zeidler im frühen Mittelalter waren die ersten, die in Europa gewerbsmäßig den Honig der Bienen ernteten. Sie hieben in alte Bäume künstliche Höhlen, Beuten genannt, und warteten darauf, dass ein Volk wilder Bienen die neue Behausung bezog. Die Zeidler arbeiteten stets im Wald. Die Honigbiene ist ursprünglich ein Waldtier. Die Zeidlerei war zu jener Zeit ein gutes Geschäft. Außer Honig gab es in Europa noch kein anderes Süßungsmittel, das Wachs benötigte man für Kerzen, und die Mediziner nutzten Honig und das Bienenharz Propolis für ihre Patienten. Die Wälder im Fichtelgebirge, in der Mark Brandenburg, in Pommern und rund um Nürnberg waren voll von Baumbeuten – und Bienenvölkern. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde aus der Biene so etwas wie eine Kuh, ein Huhn oder ein Schwein, ein Nutztier also, das Menschen halten, um Ertrag zu erwirtschaften. Seitdem gibt es die gezimmerten Bienenstöcke, Medikamente, Zucht und Zufütterung im Winter. Im russischen Baschkortostan wird dagegen eine Art der Imkerei betrieben, die viele Hundert Jahre alt ist. An Männern wie Anis Dilmuchametow kann man nachvollziehen, wie das Handwerk über Generationen vom Vater an die Söhne weitergegeben wurde.
Dilmuchametows Bienen sind klein und schmal, dunkel und beinahe ohne Härchen auf dem Leib – eine Unterart der Honigbiene Apis namens Apis mellifera mellifera. Man sagt, sie seien aggressiver als ihre westeuropäischen Verwandten. Aber davon ist nichts zu merken, als Dilmuchametow die Baumbeute öffnet. Trotzdem beruhigt er die Tiere nun mit Rauch aus einem gusseisernen Kännchen. Darin schwelt etwas trockener Farn. Der Rauch wird von Bienen als Bedrohung empfunden. Sie bereiten ihre Flucht vor, füllen ihre Mägen mit Honig und sind deshalb abgelenkt.
Anis Dilmuchametow ist ein großer Mann mit Spitzbubenlächeln, 42 Jahre alt. Zum Frühstück isst er Suppe mit Hammelfleisch, er glaubt nicht an Gott, aber an göttliche Fügung. Er kennt die Bären, die im Frühjahr an einem Felsvorsprung geboren wurden, und den Biber, der den Fluss umgeleitet hat. Er spricht über die Bienen wie über ferne Freunde, die er selten, aber gerne sieht. „Sie sind frei, aber sie gehören zu mir.“
Halb hängend, halb stehend am Baumstamm beginnt Anis Dilmuchametow die Honigernte. In Zeitlupentempo schneidet er Stücke von den Waben und legt sie in seinen geschnitzten Eimer aus Lindenholz, den er an der Hüfte festgebunden hat. Während er etwa ein Viertel der Waben entnimmt, spricht er mit den Bienen: „Schhhhhh, es ist ja gleich geschafft, gleich bin ich wieder weg.“ Als er fertig ist, verschließt er die Öffnung im Stamm. Auch schlägt er zusätzliche Nägel ein, um den Maschendraht zu sichern, ein Schutz vor den hungrigen Bären. Der Abstieg vom Baum passiert dann genauso schnell wie der Aufstieg. Am Boden schaut der Zeidler prüfend in sein Fass. Er hat etwa sechs Kilogramm Honig geerntet.
Die meisten baschkirischen Baumbeuten befinden sich in einem Biosphärenreservat namens Schulgan-Tasch – etwa 700 Stück, doch nicht alle davon sind bewohnt. Die Reservatsverwaltung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Tradition der Zeidlerei zu erhalten. 14 Waldimker sind im Reservat fest angestellt, einer von ihnen ist Anis Dilmuchametow. Da die Imker gleichzeitig Ranger im Park sind, tragen sie eine Uniform aus Tarnfleck. Etwa drei Tonnen Honig ernten die Zeidler von Schulgan-Tasch in jedem Spätsommer. Der Ertrag ist geringer als bei der kommerziellen Imkerei.
Bei seiner Ernte am Baum entnimmt Dilmuchametow nur so viel Honig, dass das Bienenvolk mit dem übrigen Vorrat gut über den Winter kommt. Die Bienenkönigin darf mit ihrem Volk ausschwärmen und neue Behausungen suchen – ganz anders als in der modernen Imkerei, wo manche Imker die Waben zerstören, in denen neue Königinnen heranwachsen, um zu verhindern, dass sich ihr Bienenvolk aufteilt. Und es gibt keinerlei Züchtung auf bestimmte Merkmale hin. Die Waldimker von Baschkortostan besuchen ihre Völker nur zwei bis drei Mal im Jahr, ein letztes Mal im September, wenn die Honigernte ansteht. Danach verschließen sie die Bauten winterfest und schauen erst im Frühjahr wieder danach.
„Wesensgerechte Bienenhaltung“ nennen die Zeidler dies – sie orientieren sich an den natürlichen Bedürfnissen des Bienenvolkes. Die Tiere sollen so gehalten werden, dass die Lebensbedingungen möglichst weitgehend denen in freier Natur entsprechen. Ohne Pestizide und andere menschliche Einmischungen. Inwieweit diese Haltung den Bienen gut tut, ist bislang nur ansatzweise untersucht worden. Erste Forschungen weisen aber darauf hin, dass die Bienen in den Baumbeuten gesünder leben. Sie gehen Symbiosen mit anderen Organismen ein, leiden seltener an bakteriellen Erkrankungen, werden in ihren luftigen Häusern seltener gestört und halten sich fern von Pilzsporen.
Aus seinem Fass hebt Dilmuchametow nun eine Wabe empor, an der ein paar Bienen krabbeln. Behutsam streicht er sie in eine Dose, kaum handtellergroß, und verschließt sie mit einem Deckel mit Luftlöchern. Die Bienen schickt der Imker an die Universität der Regionalhauptstadt Ufa. Dort wird untersucht, ob die Bienen der Waldimker besser gerüstet sind gegen die Varroamilbe. Die Milbe soll hauptsächlich dafür verantwortlich sein, dass jedes Jahr in Deutschland und vielen anderen Ländern der Erde zehn bis 15 Prozent der Bienenvölker sterben.
Laut den Studien des bekanntesten Honigbienenforschers, des US-Amerikaners Thomas Seeley, haben frei lebende Bienenvölker eine höhere Schwarmintelligenz und eine erhöhte Toleranz gegen die tödlichen Milben. Anis Dilmuchametow braucht keine Wissenschaftler, um zu sehen, wie es seinen Tieren geht. Er sagt: „Bienen, die acht Meter hoch fliegen, können gar nicht schwach sein.“
Auch Polen fördert die Zeidlerei
Seit einigen Jahren versuchen Imker, die naturnahe Bienenhaltung auch in anderen Teilen Europas wieder populär zu machen. Der Biologe Przemyslaw Nawrocki vom World Wildlife Fund (WWF) Polen war der Erste, der die traditionelle Zeidlerei im Ural studierte und in sein Heimatland und später in andere Teile Europas zurückbrachte. 2014 wurde in Polen nach über 100 Jahren Pause erstmals wieder Honig wilder Bienen geerntet, inzwischen stehen über das ganze Land verteilt 100 Baumbeuten.
Nawrocki und die polnischen Waldimker gaben ihr Wissen weiter, sie boten Zeidlerkurse in der Schweiz, in Deutschland, England, Belgien, Luxemburg und in Frankreich an. In Deutschland gibt es inzwischen mehrere Zeidlerinitiativen, die Veranstaltungen planen und Wissen weitergeben. Deutsche Waldimker haben in der Nähe von Frankfurt am Main, Berlin und Dortmund Baumbeuten errichtet.
In Polen hat die staatliche Forstbehörde vor Kurzem verkündet, in den kommenden Jahren im ganzen Land 1000 neue Häuser für wilde Bienenvölker zu errichten. Trotz dieser Nachricht fällt das Fazit von Przemyslaw Nawrocki über die Wiederbelebung der Zeidlerei verhalten aus. „In einem Wald mit 20 Baumbeuten haben wir in den vergangenen 14 Jahren insgesamt ein Kilogramm Honig geerntet, also nichts“, sagt er. Die Überlebensrate der wilden Völker sei gering.
Der Grund für das schnelle Sterben: Die Bienen hungern. Den Tieren fehlten vor allem die Frühblüher im Frühjahr und die Lindenblüten in der zweiten Sommerhälfte, erklärt Nawrocki. In den Wäldern Polens und auch Deutschlands finden wilde Bienen inzwischen viel zu wenig unterschiedliche Blütenpflanzen. Sie schaffen es kaum, genug Honig für die eigene Ernährung heranzuschaffen, geschweige denn für die Imker, die einen Teil abhaben möchten.
Wohnraum für Insekten und Spinnentiere
„Es nutzt nichts, den Bienen schöne Häuser herzurichten, wenn wir nicht für mehr Biodiversität in den Wäldern sorgen“, sagt WWF-Mitarbeiter Przemyslaw Nawrocki. Die Bienen bräuchten Vielfalt im Wald wie in den vergangenen Jahrhunderten mit Ahorn, Weiden und Lichtungen, auf denen Heidekräuter blühten. Nawrocki sieht die Baumbeuten in Polen inzwischen auch als Beitrag zum Aufbau einer neuen Diversität in den Wäldern – und empfiehlt, statt auf Baumbeuten zunächst einmal auf neues Waldmanagement zu setzen. Die Baumhöhlen sind derzeit vor allem Wohnraum für etwa 30 Insektenarten und viele Spinnentiere. „Honig werden wir dort bis auf Weiteres jedoch nicht ernten.“
Der Zeidler Anis Dilmuchametow hat inzwischen eine Waldlichtung mit einem Rastplatz erreicht. Auerhähne stolzieren vorbei. Schwindsüchtige Birken lehnen sich aneinander und bilden natürliche Mauern. Die Wolken hängen so tief, als wollten sie die Erde berühren. Es ist ein ganz und gar idyllisches Bild von der russischen Provinz.
Die Baschkiren sind verliebt in ihre Heimat, von der außerhalb Russlands kaum jemand etwas weiß. Am Fuße des Uralgebirges ziehen Hunde, Schafe, Pferde, Kühe und Ziegen frei über Felder und durch Wälder – und finden am Abend doch nach Hause zurück. Mit einem ähnlichen Gefühl für Freiheit und Heimat leben auch die Menschen dort. Sie wissen genau, wo sie hingehören.
Anis Dilmuchametow füllt den Honig aus seinem Lindenfass in eine Plastikbox. Im Lager von Schulgan-Tasch gießt er ihn am nächsten Tag in Gläser um, dann ist er schon fertig zum Verkauf. Die Einheimischen am Ural nennen den Honig „baschkirisches Gold“. Sie haben vor vielen Jahren versucht, den Honig zu den Raumfahrern auf die Raumstation Mir zu schicken, weil er so gesund sein soll. Dilmuchametow deckt den Tisch am Rastplatz mit frisch gebackenem Brot und hausgemachtem Schmand. Dazu noch der Honig. Handgroße Waben, von denen der Nektar dunkel und zäh tropft. Anis Dilmuchametow legt die Wabenstücke direkt auf das Brot und beißt hinein, schließt die Augen.
Der baschkirische Waldhonig besteht aus Nektar, Bienenmilch, Propolis, Wachs und Perga – unverarbeiteten Blütenpollen. Er schmeckt anders als gewöhnlicher Honig, würzig und süß, nach Wald – und nach Freiheit.
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