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Keyline Design: Wo das Gras grüner ist
Hans Pfeffer kennt jeden Meter seiner Felder. Der Biolandwirt steckt seit 30 Jahren sein ganzes Herzblut in ein Mosaik aus Streuobstwiesen, Grünland, Obstanlagen, Wald und Weinbergen. Sein Biolandhof Bannmühle im rheinland-pfälzischen Odernheim am Glan liegt, wie der Name schon erahnen lässt, unmittelbar in Flussnähe. Der Glan fließt gemächlich durch das hügelige Örtchen. Dort, wo der Fluss an einem Damm beschleunigt, ragen die imposanten alten Mühlengebäude hervor. Gleich daneben liegt ein Weinberg, kurz danach beginnen die ersten Apfelanlagen. Oberhalb des Dorfs erstrecken sich Wiesen und Weiden, darüber der Wald. Ein kleiner Bach fließt fast unbeachtet von dort den Berg hinab, bis er schließlich das Dorf erreicht und sich zwischen und unter den Häusern hindurchschlängelt. Jedenfalls normalerweise: Vor ein paar Jahren regnete es aber innerhalb kurzer Zeit so stark, dass das sonst so unscheinbare Rinnsal aus seinen Ufern trat. Unter der Gewalt des Regens riss es Äste und Geröll vom…
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Text: Naomi Bosch
Hans Pfeffer kennt jeden Meter seiner Felder. Der Biolandwirt steckt seit 30 Jahren sein ganzes Herzblut in ein Mosaik aus Streuobstwiesen, Grünland, Obstanlagen, Wald und Weinbergen. Sein Biolandhof Bannmühle im rheinland-pfälzischen Odernheim am Glan liegt, wie der Name schon erahnen lässt, unmittelbar in Flussnähe. Der Glan fließt gemächlich durch das hügelige Örtchen. Dort, wo der Fluss an einem Damm beschleunigt, ragen die imposanten alten Mühlengebäude hervor. Gleich daneben liegt ein Weinberg, kurz danach beginnen die ersten Apfelanlagen. Oberhalb des Dorfs erstrecken sich Wiesen und Weiden, darüber der Wald. Ein kleiner Bach fließt fast unbeachtet von dort den Berg hinab, bis er schließlich das Dorf erreicht und sich zwischen und unter den Häusern hindurchschlängelt. Jedenfalls normalerweise: Vor ein paar Jahren regnete es aber innerhalb kurzer Zeit so stark, dass das sonst so unscheinbare Rinnsal aus seinen Ufern trat. Unter der Gewalt des Regens riss es Äste und Geröll vom Berg mit sich, die unten im Dorf die Abflüsse verstopften. Das Wasser schwappte auf die Straße und überflutete mehrere Häuser.
Australisches Vorbild
Spätestens die Flutkatastrophe im Ahrtal hat allen hierzulande die Macht des Wassers bewusst gemacht. Durch den Klimawandel werden Starkniederschläge in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen. Die können nicht nur Hochwasser mit sich bringen, sondern auch Bodenerosionen verstärken. Aber auch Dürreperioden gibt es mit dem Klimawandel immer häufiger. „Das Problem ist gar nicht so sehr, dass wir im Jahresdurchschnitt weniger Niederschlag haben als früher. Sondern dass es seltener regnet, dann aber ganz viel in ganz kurzer Zeit“, bringt es Pfeffer auf den Punkt.
Mit solchen Herausforderungen hatten die Australier schon in den 1940er Jahren auf ihren endlos weiten, oft viel zu trockenen Weiden zu kämpfen. Der Ingenieur und Landwirt Percival Alfred Yeomans erkannte damals bestimmte Stellen in der Landschaft, an denen sich das Wasser sammelte, und andere wiederum, die permanent zu trocken waren. Er überlegte, wie er das so kostbare Wasser besser in der Landschaft halten und verteilen konnte, und hatte eine Idee: Entlang einzelner Höhenlinien pflügte er tiefe Furchen in seine Weiden, um das hinabschießende Wasser zu bremsen. Und mit etwas Geschick gelang es ihm, über Furchen und Gräben das Wasser von den feuchten auf die trockenen Stellen zu leiten. Das Resultat waren außerordentlich fruchtbare, grüne Weiden. Yeomans nannte seine Methode Keyline Design.
Führung des Wassers
Beim Keyline Design geht es darum, Strukturen im Gelände zu schaffen, die dafür sorgen, dass das Wasser in der Landschaft möglichst gut aufgenommen, verteilt und gespeichert wird. Dazu braucht es zuerst eine Analyse, wie sich das Wasser im jeweiligen Areal verhält. Heute stehen dafür moderne Vermessungstechnik, Fernerkundung und hydrologische Modellierungen zur Verfügung. Ziel ist es, sogenannte Keylines – zu Deutsch Schlüssellinien – zu ermitteln, die die Wasserverteilung steuern. Keylines verlaufen waagrecht an einem Hang, ähnlich wie Höhenlinien, die man etwa von Wanderkarten kennt. Entlang dieser Linien werden dann Furchen oder Gräben gezogen, die das Wasser auffangen und verhindern, dass es schnell den Hang hinabfließt und wertvollen Boden mit sich nimmt.
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Oft werden zusätzlich entlang der Linien Gehölze gepflanzt – durch die tiefen Wurzeln der Bäume und Sträucher kann das Wasser dann leichter im Boden versickern. „Selbst bei extremer Hitze, wenn der Acker bretthart geworden ist, nehmen die Gehölzstreifen noch Wasser auf und reduzieren so den Abfluss“, sagt Frank Wagener, Wissenschaftler am Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) der Hochschule Trier. „Und bei Starkregenereignissen hilft es außerdem, dass der wertvollste Teil des Ackers dort bleibt, wo er hingehört, anstatt in den Kellern der Dorfbewohner zu landen.“ Vorsichtigen Schätzungen des Instituts zufolge kann mithilfe von Keyline Design das Gefahrenpotenzial durch Überschwemmungen um 20 bis 40 Prozent verringert werden.
Schon Ende der 1970er las Pfeffer von den wundersamen Geschichten aus Australien. Als er dann später den Bannmühlen-Hof übernahm, erkannte er schnell – das Thema Wasserverteilung betrifft uns hier in Europa auch. „Manche meiner Flächen waren so steil und karg, dass mir klar war: Wenn hier etwas wachsen soll und wenn ich Humus aufbauen will, dann ist der begrenzende Faktor Wasser.“ Denn Humusaufbau gelingt nur mit einem gesunden Bodenleben, und ohne Wasser kein Leben.
Harmonische Linien
Der Biobauer beobachtete die Kurven in der Landschaft und studierte die Bewegungen des Wassers. Als er vor rund 30 Jahren seine Apfelanlagen pflanzte, wollte er die Baumreihen in Harmonie mit der Form der Landschaft anlegen. Stur gerade Reihen zu ziehen, schien ihm einfach nicht sinnvoll. Inspiriert von den Australiern, fragte er bei verschiedenen Institutionen an, ob sie nicht an einem Forschungsprojekt Interesse hätten, das untersucht, wie das Wasser besser in der Landschaft verteilt werden könnte. Doch er bekam nichts als Absagen. „Ich musste einfach krumme Linien pflanzen und nicht sagen, warum“, erzählt Pfeffer: „So habe ich die Form des Grundstücks am besten ausgenutzt. Ich habe gemerkt, wie leicht es so zu bewirtschaften und zu befahren ist. Ich muss nicht senkrecht den Berg runterfahren, und durch den Wiesengraben läuft das Wasser wie von allein an die richtigen Stellen.“ Der Humusgehalt sei dort stark angestiegen und die Bäume in dieser Anlage seien auch heute noch die ertragsstabilsten. Auf Flächen, die er nicht angepasst an die Konturen der Landschaft bepflanzt hat, sondern ganz klassisch ohne „krumme Linien“, konnte er diese positiven Effekte nicht beobachten.
Den Berg zum Leben erwecken
Drei Jahrzehnte nach Hans Pfeffers ersten Experimenten bekam das Konzept endlich auch hierzulande Aufmerksamkeit. Als das IfaS das Keyline Design 2020 in der Praxis testen wollte, kam es doch noch zu einem gemeinsamen Projekt. Zusammen mit den Forschern legte das Team der Bannmühle an einem Hang eine Futterhecke für die Glanrinder, ein Agroforstsystem, einen Teich und einen Wiesengraben an. Pfeffer erinnert sich noch an die Aufbruchstimmung: An einem sonnigen Novembertag war es so weit. Mitarbeiter vom Biohof und vom Institut liefen zwischen Pflanzlöchern, Baggern für die Wiesengräben und dem Anhänger mit den Bäumchen hin und her. Ein Pflug ließ die vorher wochenlang ausgebrüteten Pläne nun auf dem Feld Wirklichkeit werden. Nach und nach wurden die schmalen Linien sichtbar, an denen später die Hecken und Bäume stehen sollten. Loch für Loch füllte sich mit Nussbäumchen, Maronen, Erlen und Eichen. An anderer Stelle legte das Team die Wiesengräben an. Während die einen die Maschinen bedienten, arbeiteten die anderen mit Schaufeln nach, um die Gräben genau in die richtige Form zu bringen. Ein Graben an der falschen Stelle, und der Eingriff könnte bei einem Starkregen fatale Folgen mit sich bringen. An der richtigen Stelle jedoch sollten die Wiesengräben das Wasser bremsen, speichern und von den feuchteren auf die trockeneren Stellen verteilen.
Hans Pfeffer erklärt, warum das in seiner Region, mit nur rund 450 Millimetern Niederschlag pro Jahr, so wichtig ist: „Wir haben hier gar keine Grundwasserneubildung mehr. Da müssen wir schauen, dass jeder Tropfen gebremst wird und versickern kann.“ Fünf Jahre nach Projektstart sieht man den Effekt: Die Weide, die früher jedes Jahr vertrocknet sei, ist heute so fruchtbar wie nie zuvor.
Auf den Spuren der Vorfahren
Auch wenn man das Keyline Design auf den Australier Yeomans zurückführt – das Grundprinzip dahinter ist schon viel älter. Auf der ganzen Welt erinnern sich Menschen an Wiesengräben, Terrassen, Wasserleitungen oder natürliche Wiesenbewässerung in ihrer Region. „Keyline Design ist nichts Neues. Indigene Völker nutzen es schon seit Jahrhunderten“, sagt Franz Steiner, Tropen-Agrotechniker am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) in der Schweiz. Das Wissen um traditionelle Bewässerung ließ ganze Zivilisationen aufsteigen, und der Mangel an Wissen eben auch wieder untergehen. Auch zum Untergang der Inkas habe beigetragen, dass sie ihr hochkomplexes Bewässerungssystem an den steilen Hangterrassen nicht mehr im Griff hatten, so Steiner.
Auch in Europa nutzten die Menschen über die Jahrhunderte ausgeklügelte Systeme, um ihre landwirtschaftlichen Flächen zu bewässern. Unweit der Bannmühle liegen etwa die sogenannten Queichwiesen, die für ihre traditionelle Wiesenbewässerung bekannt sind. Schon von Weitem strahlen die Wiesen in sattem Grün, Gelb, Dunkel- und Hellblau, den Farben von Gras, Hahnenfuß, Wasser und Himmel. Die Bewässerung erfolgt dabei allein durch die Nutzung des natürlichen Gefälles und von Menschenhand gebaute Stauwehre. In einer Region mit wenig Niederschlag macht das einen großen Unterschied. Die Wiesen sind dadurch fruchtbarer und bieten dem Vieh somit mehr Futter.
Jede Region hat ihre Eigenart entwickelt, passend zum dortigen Klima und der Geografie. Keyline Design, in all seinen verschiedenen Formen, macht sich im Grunde einfach die Schwerkraft und die Form der Landschaft zunutze, um Wasser besser zu verteilen. Franz Steiner betont allerdings, dass es nicht so simpel sei, wie es aussieht: „Es ist ein ausgeklügeltes System, das viel Know-how und Arbeit verlangt. Man kann es nicht einfach anlegen und gut ist – man muss dranbleiben und das System unterhalten.“
Das Regenwasser floss einfach weg
Noch jemand, der mit Keyline Design experimentiert hat, ist Lukas van Puijenbroek. Der Schweizer Landwirt baut auf dem Hof Aebleten in der Nähe vom Zürichsee eine bunte Mischung aus Obst und Gemüse an, die auf der Basis von solidarischer Landwirtschaft von Genossenschaftsmitgliedern selbst geerntet wird. Er erinnert sich noch genau an einen Moment im Sommer 2018. „Der Sommer war supertrocken. Am 2. August regnete es dann endlich, aber der Boden konnte gar kein Wasser mehr aufnehmen. Das Wasser ist einfach über die Graslandschaft geprasselt, in einen entwässernden Graben, und war dann weg.“ Dieses Erlebnis war für ihn wie eine Offenbarung.
„Wir haben dann geschaut: wo geht das Wasser hin, und wo sollte es hingehen, damit es möglichst gut verteilt wird?“, erzählt van Puijenbroek. Gemeinsam mit dem Keyline Design-Experten Philipp Gerhardt erarbeiteten sie einen Plan. Inzwischen verteilen und speichern mehrere Wiesengräben und Teich-Biotope den Niederschlag. Parallel zu den Höhenlinien entstand 2022 ein Agroforst mit Erlen, Mandeln, Eichen, Nussbäumen und Ackerkulturen. „Wir hatten das große Glück, dass wir durch unsere Genossenschaft um die 30 Leute hatten, die mitgeholfen haben“, erzählt der Landwirt. „Die Wiesengräben mussten wir ausbaggern. Aber die Pflanzlöcher für die 180 Bäume haben wir alle händisch gegraben. Teilweise haben wir noch Drahtgitter in die Pflanzgruben gelegt und dann in jedes Loch Kompost für die jungen Bäumchen. Das war ein echtes Gemeinschaftswerk.“
Doch damit sich das neue System einpendeln konnte, brauchte es Zeit. Durch den schweren Lehmboden wurde es auf dem Acker teilweise sogar zu nass. Also zog van Puijenbroek noch einen Quergraben, der im Sommer Wasser speichern kann und im Winter geöffnet wird, damit das Wasser über Rohre abfließen kann. Ein besonderes Augenmerk legt man im Hof Aebleten außerdem auf viel Biodiversität. Das extensive Nuss-Agroforstsystem wird nur zweimal im Jahr gemäht – und ist somit ein Paradies für hungrige Mäuse und Rehe. Manche Bäume haben die Nageangriffe nicht verziehen und sind eingegangen. Aber auch hier vertraut van Puijenbroek darauf, dass sich in dem neuen Ökosystem mit der Zeit ein gesundes Gleichgewicht einpendeln wird, nicht nur, was den Wasserhaushalt anbetrifft.
Die Bäume und Büsche mit ihren tiefen Wurzeln helfen nicht nur, den Oberflächenabfluss zu stoppen, sondern holen auch Wasser aus tieferen Schichten hoch. Zudem liefern sie organisches Material für die Humusbildung. Und Humus ist ein mächtiger Wasserspeicher. Das Schlagwort fällt auch bei Hans Pfeffer immer wieder. Denn Humus kann bis zum 20-Fachen seines Eigengewichtes an Wasser festhalten.
Der Agrarwissenschaftler Frank Wagener sieht im Keyline Design eine bedeutende Möglichkeit, die Landschaft resilienter zu machen – ob gegenüber Dürren, Hochwasser, Verlust von Artenvielfalt oder Klimawandel. Als größte Hürde für die breitere Anwendung der Planungsmethode sieht er in Deutschland die komplizierte Bürokratie: Während Ämter und Ministerien darüber streiten, was genau in wessen Zuständigkeitsbereich fällt, vertrocknen oder ertrinken ganze Landstriche. Auch im Ahrtal sei ein Projekt zum Keyline Design an der Bürokratie gescheitert. Betriebe und Forschende brauchen aber Unterstützung, um notwendige Maßnahmen umzusetzen – ob die nun unter Klimaschutz, Naturschutz oder Wasserschutz laufen, interessiert die Landschaft nicht. Die Landschaft könne dauerhaft nur von land- und forstwirtschaftlichen Betrieben, wie eben auch der Bannmühle und dem Hof Aebleten, unterhalten werden – alles andere sei zu teuer, so Wagener. Wenn Keyline Design also Fuß fassen soll, müssen alle ins selbe Boot geholt werden. „Wir brauchen dringend Reformen, sonst werden wir scheitern – und der Klimawandel lässt uns dafür kaum noch Zeit.“ //
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