Der Wachhund war ausgebrochen und in zwei Autos gerannt. Blutverschmiert drang er in einen Supermarkt ein, wo er einen Fünfjährigen ins Bein biss, der vor ihm fliehen wollte. Doch Flucht löst bei der Spezies Hund eine Reaktion aus, die Verhaltensforscher „Verfolgungsaggression” nennen. Der angefahrene Wachhund war ohnehin gereizt, denn auch Schreck und Schmerz sind Aggressionsauslöser.
Das Kind war somit das Opfer eines „umorientierten” Verhaltens geworden: Dabei wird anstelle des Verursachers der Aggression ein zufällig in Beißweite geratenes Ersatzobjekt attackiert. Nicht nur Briefträger, bekanntermaßen bissgefährdet, müssen sich also bei fremden Hunden vorsehen. Mit ihrem Trab durch den Park rufen auch Jogger eine Verfolgungsaggression hervor, während Spaziergänger leicht die „Territorialaggression” eines Hofhundes auslösen können. Es erwischt den Mann im Bus, der im Gedränge auf eine Pfote steigt, oder die Frau im Café, deren Handy-Klingelton dem Gehör eines vierbeinigen Tischnachbarn zusetzt. Und es trifft alle, die nicht genug Abstand halten und damit beim Tier eine „ Distanzierungsaggression” erzeugen.
FREMDE WERDEN ANGEBLAFFT
Auch die „Schutzaggression” spielt eine Rolle: Sie setzt manchmal schon ein, wenn ein Menschenfuß zu nahe bei einer Pfote steht. Noch verstärkt werden kann sie durch eine „Angstaggression” : Dann wird der Hund zum Angstbeißer. Die Liste der in der Fachwelt registrierten Aggressionsarten ist lang. Einige sind mit der Rangfolge im Rudel verbunden – und deshalb den Bezugspersonen des Hundes vorbehalten, also Herrchen, Frauchen und den Familienkindern. Doch meist kennt der Mensch den Hund nicht, der da plötzlich aggressiv wird. Die „Aggression gegen Fremde” wird durch den verstörend ungewohnten Körpergeruch, die andere Stimme und Körpersprache ausgelöst. Verstärkt wird sie, wenn sich der Unbekannte falsch verhält. Schreitet er beispielsweise zu forsch auf den Hund und dessen Revier zu, wird gebellt, geknurrt – und gebissen.
Ein Hund verfügt über ein recht variables Ausdrucksvermögen. Legt er beim Knurren und Bellen die Ohren an, droht er zur Abwehr. Als weiteres Zeichen der Defensive knickt er die Beine ein. Doch dabei ist er gefährlich. Denn Forschungen haben ergeben, dass aus dem defensiven Drohen heraus am ehesten gebissen wird. Der offensiv drohende Hund stellt dagegen seine Ohren auf und stelzt steifbeinig mit erhobener Rute heran. Dieses Ausdrucksverhalten, zu dem auch der gerunzelte Nasenrücken und ein fixierender Blick gehören, heißt im Fachjargon „offensives Display”. Beim defensiven Drohen wird es manchmal kopiert, aber die defensiven Signale schlagen durch.
Doch ein ursprünglich offensiver Hund kann auch plötzlich defensive Signale zeigen – sobald er nämlich die Courage verliert. So ist das Verhalten eines Hundes nicht leicht zu deuten. Sogar das Bellen schwankt im Ausdruck zwischen Kämpfen und Drohen, Flucht und Unterwerfung. Um den Angriff eines fremden Hundes zu vermeiden, sollte man ihm nie den Fluchtweg versperren. Und man sollte die Aktion, die den Hund in Harnisch gebracht hat, sofort abbrechen. Wenn man ihm beispielsweise zu nahe gekommen ist, sollte man den Abstand vergrößern. Dabei heißt es: Ruhig bleiben und nie den Rücken zeigen.
NUR NICHT DAVONRENNEN!
Das gilt zum einen beim offensiv drohenden Hund mit hochgestellten Ohren: Hier raten Hundekenner, lediglich Blick und Kopf abzuwenden und dann gelassen dazustehen, bis sich die Lage entspannt hat. Und es gilt erst recht beim defensiven Hund mit angelegten Ohren, denn für ihn gehört der Angriff von hinten zum Programm. Hundeexperten empfehlen in diesem Fall verstärkten Blickkontakt. Verfolgten Joggern raten sie, in eine langsamere Gangart zu fallen und auf keinen Fall fluchtartig davonzulaufen. ■
von Rita Mohr
Lesen
Dorit Urd Feddersen-Petersen HUNDEPSYCHOLOGIE Franckh-Kosmos, Stuttgart 2004, € 39,90
Wolf-Dieter Schmidt VERHALTENSTHERAPIE DES HUNDES Schlütersche Verlagsgesellschaft Hannover 2005, € 52,–





