Allein die weltweiten Schutzgebiete bringen der Menschheit Werte in Höhe von fünf Billionen Dollar. Jährlich wohlgemerkt. Die Wirtschaftsleistung der gesamten Natur ist sogar höher als das Bruttosozialprodukt aller Länder zusammengenommen. Eine Recherche von Horst Hamm und Jürgen Heup
Die größte Firma der Welt ist nicht Walmart, nicht Toyota, nicht General Motors …“ Ahmed Djoghlav hebt den Kopf und blickt in die Runde der Journalisten. Es ist eine der morgendlichen Pressekonferenzen der CBD, der Konferenz zur biologischen Vielfalt im Mai in Bonn. Die Medienvertreter hängen noch müde in den Stühlen. Djoghlav macht eine Pause und klopft mit dem Finger auf sein Mikro. Will er nur überprüfen, ob das Gesagte überhaupt übertragen wird, oder doch vielleicht die Aufmerksamkeit wecken? Im feinen Anzug, Englisch mit indischem Akzent, wirkt er wie ein Wirtschaftsweiser, der den alljährlichen Forbes-Bericht der Wirtschaftsrangliste verliest. Mit einem Gesichtsausdruck, der vermuten lässt, dass er mit einem Coup aufwarten kann, dass über Nacht etwas Unfassbares passiert ist.
„… nein, die größte Firma der Welt ist die Natur“, platzt es aus Djoghlav heraus. Nicht emotionslos und unparteiisch wie ein Wirtschaftsanalyst. Der Generalsekretär der Artenschutzkonvention CBD strahlt triumphierend übers ganze Gesicht. Weil die Zuhörer aber irgendwie nicht kapieren wollen, schiebt er noch nach: „Das ist unsere Firma, die Firma unseres Lebens. Wir Menschen sind die Teilhaber!“
Allein die weltweiten Schutzgebiete sind fünf Billionen US-Dollar jährlich wert
Jubel brandet bei den Journalisten trotzdem nicht auf: Die Natur jetzt eine Aktiengesellschaft? „Gottes unermessliche Schöpfung“ in der pedantischen Zahlenskala des Börsenbarometers? Die biologische Vielfalt eine schnöde Produktionsstätte wie die Fließbänder bei Opel und VW? Ein Vergleich, dessen Sinn einem nicht sofort einleuchten will. Schließlich war doch gerade die Ökonomie immer das Feindbild Nummer Eins der Naturschützer: Wieso soll die kapitalistische Brille jetzt die „Chance des Naturschutzes“ sein, wie Djoghlav es ausdrückt?
Hinter der recht ungewohnten Perspektive stecken erste Ergebnisse von Djoghlavs Landsmann Pavan Sukhdev. Der Physiker, Ökonom und Leiter der Abteilung globale Märkte bei der Deutschen Bank in Indien, hat im Auftrag des Bundesumweltministeriums damit begonnen, die geldwerten Leistungen der Natur einmal aufzusummieren. Genauer gesagt initiierten die G8 Staaten seine Berechnungen im März 2007 während einer Konferenz in Potsdam. Sukhdevs Computerprogramme mit ihren Berechnungen waren nicht bei Millionen oder Milliarden stehen geblieben, es kamen gleich Billionen-Beträge zusammen – sowohl auf der Haben wie auf der Soll-Seite:
„Allein die weltweiten Schutzgebiete erbringen Leistungen im Wert von insgesamt fünf Billionen Dollar jährlich. Das ist mehr, als Automobil-, Stahl- und IT-Industrie weltweit erwirtschaften. Naturschutz ist ein Big Business“, sagt Sukhdev. Und die Natur an sich ist dementsprechend noch weit höher zu taxieren. Andererseits würden bei weiterer ungebremster Abholzung der Wälder die volkswirtschaftlichen Verluste ab 2050 bei jährlich einer Billion Euro liegen.
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Vorbild für Sukhdevs Herangehen war der so genannte „Stern-Bericht“ aus dem Jahre 2006, der die führenden Wirtschaftsmächte seinerzeit ziemlich aufgeschreckt hat. Umweltzerstörung wurde als ein ernst zu nehmendes globales Wirtschaftshemmnis erkannt, denn der britische Ökonom Nicholas Stern tischte eine horrende Kostenrechnung des Klimawandels auf: Die jährlichen Kosten für die Stabilisierung der Treibhausgase werden bis zum Jahr 2050 bei ungefähr einem Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts (BIP) liegen. Geht man von den 48 Billionen US-Dollar aus, die die Weltbank für das Jahr 2006 ermittelte, wären das jährlich rund 500 Milliarden US-Dollar.
Unternähme die Welt allerdings nichts, komme die Rechnung mindestens fünfmal so teuer. Dann müssten die Folgen von Hitze und Dürre, Meeresspiegelanstieg, Stürmen und Hochwasser, Missernten und enormen Völkerwanderungen bewältigt werden. Im schlimmsten Fall würde dies 20 Prozent des weltweiten BIP kosten – jährlich also rund zehn Billionen US-Dollar. Diese Kosten-Rechnung war wie eine Bombe eingeschlagen und hatte vor allem Politiker und Ökonomen in den Industriestaaten dazu gebracht, ernsthaft über Klimaschutz nachzudenken.
Mit dem Auftrag, etwas Vergleichbares in den Bereichen Natur und Naturschutz zu bewirken, war nun Pavan Sukhdev ans Werk geschickt worden: „Die Ökonomie der biologischen Vielfalt und der Ökosystem-Dienstleistung zu berechnen.“ Oder anders ausgedrückt: Welchen wirtschaftlichen Schaden könnte das Artensterben verursachen?
Ein Bilanzprüfer für Feuchtgebiete, Mangroven und Regenwälder
Um diese Frage zu beantworten, sei es absolut notwendig, die wirtschaftliche Bedeutung der Biodiversität zu bewerten: „Weil wir so erst abschätzen können, was es ökonomisch betrachtet kostet, wenn wir Wald verlieren. Das taucht bisher in keiner Rechnung auf.“
Mit diesem Ansatz kommt Sukhdev auf seine Billionensummen: Indem er zum Beispiel nicht nur aufsummiert, was ein Wald einbringt, wenn man ihn fällt und zu Möbeln oder Papier verarbeitet, sondern auch die Einnahmen errechnet, die er erwirtschaftet und die Kosten addiert, die er erspart, wenn er intakt bleibt: Indem er Wasser filtert und speichert, indem er vor Überschwemmung schützt, der Bodenerosion entgegenwirkt und für einen Nachschub an Bodennährstoffen sorgt.
Dass er vor allem in ärmeren Regionen die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Fasern und Brennstoffen versorgt; dass er aber auch als Kohlenstoffspeicher oder als Lieferant von Arzneimitteln dient. Oder auch nur Erholungssuchenden neue Kraft bringt und für einen ökologischen Tourismus sorgt. Werte, aus denen oftmals kein individueller Profit zu schlagen sei. Weshalb der Einzelne auch nur schwer einsehen könne, dass dieser Wert tatsächlich existiert. „Aber die Gemeinschaft profitiert davon“, sagt Sukhdev.
Pavan Sukhdev ist genau der Richtige für diese Mammut-Aufgabe. Vor zehn Jahren war er, der Banker, bereits gefragt worden, warum manche Dinge etwas wert seien – und andere nicht. Angeregt durch die Frage kam er auf die Idee zu berechnen, welchen Wert Feuchtgebiete, Mangroven- und Regenwälder oder Korallenriffe haben. Mit der Akribie eines Bilanzprüfers ist er an seine Aufgabe herangegangen und hat auf der Artenschutzkonferenz in Bonn seine ersten Zahlen vorgelegt. Der Abschlussbericht soll 2009 folgen.
Beispiel Korallenriffe: Diese Meereslandschaften haben teilweise eine größere Artenvielfalt als der tropische Regenwald. Durch hemmungslosen Fischfang, Wasserverschmutzung und Korallenbleiche sind bereits an die 30 Prozent aller Korallenriffe zerstört worden – in der Karibik sogar 80 Prozent. Als direkte Folge drohen den Touristik-Zentren der Karibik Einnahme-Verluste von jährlich 300 Millionen US-Dollar, allein deshalb, weil die Taucher ausbleiben könnten. Das sind 20 Prozent aller touristischen Einnahmen in der Region. Doch das ist lange nicht alles: Eine große Zahl von Fischen, die auf dem offenen Meer gefangen werden, haben ihre Kinderstube in den Riffen. Zwischen neun und zwölf Prozent der weltweiten Fischerei-Flotten sind direkt davon abhängig, dass der Nachwuchs nicht ausbleibt.
Beispiel Mangrovenwälder: In den letzten beiden Dekaden sind 35 Prozent dieser Wälder zerstört worden. Weil sie Städten, Dörfern und Garnelenzuchten weichen mussten oder einem Touristik-Ressort im Wege standen. Der Wert, den intakte Ökosysteme allein in Bezug auf den Küstenschutz bieten, schätzt Sukhdev in Malaysia auf 845 US-Dollar pro Hektar, in den USA auf 1000 Dollar. Nimmt man diese Zahl zum Maßstab, kann man den Wert von Mangroven taxieren. Bei weltweit 17 bis 22 Millionen derartiger Wälder kommt eine Summe zwischen 14 bis 22 Milliarden Dollar zusammen. Wie wertvoll sie sein können, hatten beispielsweise die Bewohner des süd-indischen Bundesstaates Tamil Nadu Weihnachten 2005 erlebt: Weil der verheerende Tsumani in den Regionen Pichavaram und Muthupet von einem intakten Mangrovengürtel abgebremst wurde, waren dort weit weniger Tote zu beklagen als in Gebieten, die keinen Schutzgürtel hatten. Deshalb pflanzen nicht nur Naturschützer seither überall in Südostasien kleine Sprösslinge.
Beispiel Feuchtgebiete: In den letzten hundert Jahren ist rund die Hälfte aller weltweiten Feuchtgebiete trockengelegt worden. Die verbliebenen See-, Fluss-, Auen- und Moorlandschaften Europas bringen nach den Schätzungen Sukhdevs einen jährlichen „Geldverkehr“ von sechs Milliarden Euro pro Jahr. Etwa dadurch, dass sie dazu beitragen, den Millionen Einwohnern genügend Trinkwasser zur Verfügung zu stellen oder während heftiger Regenfälle die Wassermassen zurückhalten und die tiefer liegenden Städte vor Überschwemmungen schützen.
Bis zu 1500 Milliarden US-Dollar Subventionen tragen zur Zerstörung bei – jährlich
Das Sambesi-Becken im südlichen Afrika bietet den Einheimischen gleich mehrere Einnahmequellen: über 70 Millionen Dollar durch Weideland für die Tierhaltung, fast 80 Millionen durch den Fischreichtum und nochmals 50 Millionen, weil mit dem Wasser des Sambesi die Ackerflächen gewässert werden können.
Das sind nur wenige und fast schon beliebig herausgegriffene Beispiele für die schier unermesslich scheinenden Leistungen der Natur: 43 Milliarden Dollar etwa bringen jedes Jahr allein pflanzliche Naturheilmittel ein. Ohne Wildbienen würden die meisten Kaffeepflanzen nicht bestäubt werden. 80 Milliarden Dollar werden jährlich mit Kaffee erwirtschaftet. Damit sind die dunklen Bohnen nach Erdöl das wichtigste Handelsprodukt der Welt. Wälder wiederum haben – jenseits ihrer Leistung, die Luft zu reinigen und Holz zu liefern – durch den Emissionshandel einen weiteren monetären Wert bekommen, wenn sie erhalten bleiben: 27,65 Euro kostete Mitte Juni eine Tonne Kohlenstoffdioxid am Carbon Pool Europe, einem Handelsplatz für das Treibhausgas: Allein der Masoala-Nationalpark in Madagaskar bindet 44 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid – macht 1,2 Milliarden Euro.
Die Natur in Dollar oder Euro umzurechen, ist allerdings nicht neu: Bereits 1987 erstellte Robert Constanza von der Universität Maryland die erste Wirtschaftsbilanz der globalen Ökosysteme und kam auf 16 bis 54 Billionen US-Dollar, die das System Erde jedes Jahr seinen menschlichen Bewohnern zur Verfügung stellt. Diese gigantische Summe kommt zusammen, weil all das mitberechnet wird, was die Natur ganz selbstverständlich und kostenlos zu bieten hat: die Reinigung des Wassers, der Gasaustausch mit der Atmosphäre, die Verhinderung von Erosion, der Schutz vor Hochwasser oder die Bestäubung von Pflanzen.
Das wurde bereits vor 20 Jahren errechnet. Vergleicht man diese Leistung mit den 48 Billionen Dollar, die derzeit weltweit erwirtschaftet werden, lässt sich die Leistung der Natur überhaupt erst richtig einschätzen: Sie übersteigt die Wirtschaftskraft der Menschheit bei weitem. Der Abschlussbericht von Banker Sukhdev will dies im kommenden Jahr mit aktuellen Zahlen belegen.
Da wundert es nicht, wenn er heute schon für die elf Prozent der Erdoberfläche, die bislang unter Schutz gestellt sind, eine Produktivität im Wert von fünf Billionen ermittelt und an die Völkergemeinschaft appelliert, die Artenvielfalt zu erhalten. Nur so sind die verschiedenen Ökosysteme auch in Zukunft in der Lage, die Wertschöpfung zu erzielen, die wir alle in Anspruch nehmen. Jeder Euro, den wir zum Schutz von Pflanzen und Tieren investieren, rechne sich hundertfach. Was allein schon das Beispiel eines Grauen Riffhais vor den Malediven deutlich macht: Ein Fischer kann ihn auf dem Wochenmarkt für 32 Dollar verkaufen. Ein Tauchtourist zahlt vielleicht doppelt so viel, nur um ihn einmal zu sehen. Bleibt er am Leben, bringt er langfristig zig mal so viel.
Der Deutsche Naturschutzring (DNR) bezifferte den Finanzbedarf für weltweite Schutzgebiete auf mindestens 30 Milliarden Euro per anno und legte während der Artenschutzkonferenz in Bonn eine Studie zur Kehrseite vor, zu den „schädlichen Subventionen“: Jährlich werden zwischen 500 und 1500 Milliarden US-Dollar an Subventionen ausgegeben, die zur Zerstörung von Ökosystemen beitragen: „Bei den Landwirtschaftssubventionen spielen vor allem die EU und die USA eine unrühmliche Rolle.
Sie verzerren mit ihren Exportsubventionen nicht nur den internationalen Wettbewerb und gefährden die Entwicklung der Länder des Südens, sondern fördern die besonders umweltschädliche Agrargroßindustrie.“ Mehr als zwei Drittel der Gelder, die in den Bereich Landwirtschaft fließen, gefährden die Artenvielfalt, und lediglich vier Prozent tragen zu ihrem Erhalt bei – etwa dadurch, dass Biolandbau und der Verzicht auf Spritzmittel gefördert werden.
Notwendig wird ein Zertifikatehandel für Naturzerstörung
Das gleiche Bild in den Bereichen Verkehr, Energie, Fischerei, Wälder oder Gewässer – überall fließen Gelder, die im Endeffekt den Schwund der Regenwälder, der Feuchtgebiete und der Mangrovenwälder beschleunigen oder zur Zerstörung von Fischgründen beitragen.
Die UNEP, die Umweltabteilung der Vereinten Nationen geht davon aus, dass im Bereich Fischwirtschaft Subventionen rund die Hälfte des gesamten Umsatzes ausmachen. Die Folgen sind fatal: „Weltweit gelten 74 Prozent der Fischbestände als ausgeschöpft oder völlig überfischt“, kritisieren die Autoren der DNR-Studie. „Die nationalen Fangflotten sind zweieinhalb Mal größer als eine nachhaltige Fischerei erlauben würde.“
Die Artenschutzkonferenz in Bonn sollte ein Zeichen dagegen setzen – mit den provokanten Zahlen Pavan Sukhdevs. „Arten- und Umweltschutz gibt es seit über 35 Jahren in Deutschland und das Ergebnis ist fast gleich null“, meint der Berliner Wirtschaftsprofessor Holger Rogall. Von daher sei es absolut richtig, jetzt mal etwas anderes auszuprobieren, schließt sich Rogall den Ausführungen Sukhdevs an. „Denn der Mensch trägt bei seinem Handeln nicht die vollen Kosten.“
Jedes Produkt, das produziert und verkauft wird, müsse aber grundsätzlich alle Belastungen, die bei der Herstellung anfallen, im Preis berücksichtigen: „Tut’s aber nicht, weil wir alles, was wir irgendwie abwälzen können, auch abwälzen: Auf die Natur, auf die künftigen Steuerzahler, auf die Entwicklungsländer. Da wir das nun schon seit 250 Jahren so betreiben, sind wir jetzt eben an die Grenzen gelangt.“
6,6 Milliarden Menschen leben inzwischen auf diesem Planeten. Alle benötigen Nahrung, Energie und Rohstoffe. Sie können nicht alle die Luft anhalten, damit sich die Natur wieder entfalten kann. Sie werden also weiter werkeln.
Aber eventuell fallen Projekte wie beispielsweise der Inga Staudamm am Kongo dem Rotstift zum Opfer, wenn man ihren gesamten Wert berechnet? Dort soll mit einer Leistung von 40 000 Megawatt das größte Wasserkraftwerk aller Zeiten entstehen – doppelt so groß wie der Drei-Schluchten-Damm, der den chinesischen Jangtse staut und für den Millionen Menschen weichen mussten. Eine genaue Kosten-Nutzen-Gleichung mit Aufnahme der Größen „Artenverlust“, „Urwaldverluste“, „Lebensraumverlust“ oder “Kohlenstoffdioxid-Ausstoß“ könnte den Projektinitiatoren allerdings auf einen Blick vor Augen führen, dass sich ein Riesenstaudammbau im Kongo nicht rechnet.
Dumm nur, dass durch die Energie, die der Damm erzeugen würde, fassbares Geld in ihre Kassen und fühlbarer Strom in die Netze fließen würde. Ohne ihn sitzen sie vor einer großen, grünen, dichten Waldfläche, die nominell zwar sehr wertvoll ist – verdienen werden sie damit aber so gut wie nichts. Ergo wird von irgendwoher Geld fließen müssen.
„Ich halte es faktisch für unumgänglich, dass die Industriestaaten, wie Deutschland und Norwegen es jetzt vormachen, und alle die Menschen zahlen müssen, die auch globale Umweltgüter in Anspruch nehmen“, sagt Holger Rogall. „Beispielsweise eine Abgabensteuer aufs Fliegen. Und es wird eine weltweit agierende Instanz geben müssen, die den Geldfluss regelt und etwa auf den Erhalt der Wälder achtet. Eine Organisation, die auch Sanktionsrechte über Einzel-Staaten hat. Ja, eine Einrichtung, die so gesehen die Erhaltung unserer Lebensgrundlage zur Aufgabe hat.“
Soweit konnten sich die Teilnehmer in Bonn noch nicht einigen. Aber einig war man sich, dass die Natur in Schieflage geraten ist und gegengesteuert werden muss. Dass es gilt, die Welt in ihrer Vielfalt zu erhalten und die Rechte vieler gegenüber den Interessen Einzelner zu stärken – etwa im Bereich Biopiraterie. Wie durch einen Selbstbedienungsladen zogen Pharmakonzerne durch die Urwälder und durchforsteten wie selbstverständlich die Hausapotheken der einheimischen Bevölkerung nach Brauchbarem. Mit den Taschen voller neuer Wirkstoffe kehrten sie heim, ließen ihre Mittelchen flugs patentieren und machten Jahresumsätze in Abermillionenhöhe. Nur die indigene Bevölkerung ging leer aus. Prominentes Beispiel: Umckaloabo, ein Mittel gegen Erkältung aus der so genannten afrikanischen Kap-Pelargonie.
Das soll sich zwar ändern, aber – so drückt es der Ökonom Pavan Sukhdev aus – „wir versuchen derzeit, mit einem veralteten und fehlerhaften Wirtschaftskompass in unbekannten und stürmischen Gewässern zu navigieren. Das beeinträchtigt unsere Fähigkeit, eine nachhaltige Wirtschaft im Einklang mit der Natur zu schaffen.“ Es fehle noch der wirtschaftliche Anreiz, das Richtige zu tun, sagt Sukhdev: „Wir müssen deshalb ein Bewertungssystem entwickeln, um einen Markt zu schaffen, ähnlich wie bei den Zertifikaten für Kohlendioxidemissionen.“ Das wäre dann zwar noch keine optimale Lösung, aber wenigstens ein Anfang.
Dieser Text stammt aus der Ausgabe August 2008 unseres Magazins. Sie können uns hier und hier abonnieren.
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