Bitte, wie belieben?
“Waschbär bricht alle Rekorde”, meldet der Deutsche Jagdschutzverband; “Deutschland wird als Einwanderungsland immer beliebter.” Vergangenes Jahr haben die Jäger 54000 von Ihnen zur Strecke gebracht, 1999 waren es noch 8500. Sagenhafte 530 Prozent Zunahme in zehn Jahren.
Oha! Also, abgesehen davon, dass es eine Sauerei ist, Zehntausende von uns abzuknallen, wird es Zeit, dass mal das Gerede von den Einwanderern aufhört. Wir sind doch die wahren Deutschen! Ich habe zum Beispiel nie verstanden, warum der Adler euer Wappentier ist. Wir wären viel geeigneter!
Sie sind ganz schön selbstbewusst, dafür, dass Sie erst so kurz hier sind.
Und wenn schon! Adler sind asoziale Egoisten. Haben Sie schon mal versucht, sich mit einem zu unterhalten? Keine Chance. Die sind von einem anderen Planeten. Wir dagegen sind wie ihr! Fleißig, anpassungsfähig und vielseitig. Wir hocken gern zusammen, genau wie ihr in euren Kneipen. Und wir lieben den deutschen Wald! So ein Mittelgebirge mit schönen alten Eichen, in denen man den Tag verdösen kann, dazu ein plätscherndes Bächlein, das ist für uns das Größte. Wo alle Brünnlein fließen, da tun wir es genießen! Außerdem wurde uns das Deutschsein an der Wiege gesungen.
Ach, tatsächlich?
Ja, wir stammen alle von vier Urmüttern und -vätern ab, die am Edersee aus einer Pelzfarm in die Freiheit entlassen wurden – übrigens seinerzeit ausdrücklich “zur Bereicherung der heimischen Tierwelt”. 1934 war das. Der Forstmeister Freiherr Sittich von Berlepsch hielt eine feierliche Rede und pries den Führer, und eine Blaskapelle spielte das Deutschlandlied. Ein bewegender Moment!
Woher wissen Sie das eigentlich so genau? Sie selbst sind doch höchstens ein paar Jahre alt.
Na hören Sie, so ein historisches Datum. Das wird von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Man muss doch wissen, wo seine Wurzeln sind. Übrigens teilen wir noch etwas mit euch Deutschen: Auch bei uns gibt es Ossis und Wessis.
Das auch noch!
Wir haben zwei Stammpopulationen: unsere hier in Hessen und Niedersachsen, die anderen in Brandenburg und Mecklenburg. Deren Urahnen sind 1945 aus einer Pelzfarm entwischt. Gegenseitige Vorurteile kennen wir übrigens nicht. Da könntet ihr euch ein Beispiel nehmen!





