Annette Peters, Luftschadstoff-Expertin am GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München, über die Gefahren durch Feinstaub und politische Berechnungen.
bild der wissenschaft: Über die Gesundheitsgefährdung durch Feinstäube geistern völlig verschiedene Zahlen und Behauptungen durch die Öffentlichkeit. Wie kommt man hier zu verlässlichen wissenschaftlichen Daten?
PETERS: Nehmen wir zum Beispiel die Untersuchungen, mit denen man herausfindet, wie stark die Stäube das Herz-Kreislauf-Risiko für einzelne Menschen kurzfristig beeinflussen: Dazu haben wir Studien in Erfurt und Augsburg durchgeführt. Wir haben mit Freiwilligen gearbeitet, die schon eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten, da bei ihnen die Belastungen besonders deutlich sein müssten. Wir haben die Menschen ein halbes Jahr lang etwa alle zwei Wochen untersucht, inklusive EKG und Blutproben. Parallel dazu haben wir die Feinstaubkonzentration mithilfe einer städtischen Messstation und in Erfurt noch zusätzlich mit einer eigenen Station ermittelt.
bdw: Sie haben die Daten über die Staubbelastung nur über ein oder zwei Messstationen gewonnen. Führt das nicht zu verzerrten Werten, weil ja nicht alle Freiwilligen in der Nähe der Stationen leben?
PETERS: Idealerweise sollten alle Freiwilligen in der Nähe der Messstation wohnen. Wir versuchen das auch, aber in der Realität klappt das nicht immer. Das ist aber nicht so schlimm. Die Feinstaubkonzentrationen unterscheiden sich zwar in den verschiedenen Vierteln einer Stadt, aber generell gilt: Wenn die Belastung zum Beispiel durch eine Inversions-Wetterlage steigt, dann steigt sie überall in der Stadt. Sinkt sie an der Messstelle durch Regen oder kräftigen Wind, sinkt sie auch in der Umgebung. Das gilt allerdings nicht für den so genannten Ultrafeinstaub, dessen Partikel kleiner als ein Zehntausendstel Millimeter sind. Zum Vergleich: Normaler Feinstaub ist kleiner als zweieinhalb Tausendstel Millimeter. Ultrafeinstaub gibt es direkt an viel befahrenen Straßen weitaus mehr als in einigen Hundert Meter Entfernung. Dadurch entstehen natürlich Fehler, die wir bei der Auswertung beachten müssen.
bdw: Wäre es nicht besser, das zu messen, was ein Mensch tatsächlich einatmet?
PETERS: Dazu fehlen uns schlicht die Mittel. Außerdem schleichen sich dabei leicht Messfehler ein. Bis heute gibt es kein Analysegerät, das uns die Quelle und genaue Art eines Feinstaubs verrät. Wenn wir einem Freiwilligen ein Messgerät umhängen, registriert das neben den gefährlichen auch solche Feinstäube, die keine Bedrohung für die Gesundheit sind. Jeder Mensch trägt eine „persönliche Fusselwolke” mit sich herum, die vor allem von seiner Kleidung stammt. Zudem gibt es in jedem Haushalt neben gesundheitlich relevanten Staubquellen – wie brennenden Kerzen – auch den irrelevanten Staub, der beim Saugen aufgewirbelt wird. Oder zum Beispiel Toasten: Das erzeugt Ultrafeinstäube, die aber wahrscheinlich harmlos sind. Solche persönlichen Messungen erzeugen also ebenfalls Fehler. Bis heute gibt es noch kein optimales Verfahren.
bdw: Und was haben Sie herausgefunden?
PETERS: Dass mit der Konzentration des Feinstaubs das Infarktrisiko steigt. Wir haben natürlich nur mit Freiwilligen gearbeitet, bei denen nicht die Gefahr bestand, dass sie durch die Belastungen einen Infarkt bekommen würden. Die Wirkungen, die wir durch die Feinstaubbelastungen gesehen haben, waren dementsprechend klein, aber – und das ist wichtig – sie waren statistisch signifikant, also eindeutig. Es waren viele kleine Veränderungen, die in ihrer Gesamtheit alle auf ein erhöhtes Infarktrisiko deuteten. So zeigte sich, dass an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung die so genannten Entzündungsmarker im Blut stiegen. Außerdem erwies sich das Herz an solchen Tagen als wenig flexibel. Es konnte sich Belastungen nicht mehr so gut anpassen wie an anderen Tagen, zum Beispiel beim Laufen oder Treppensteigen.
bdw: Stimmen Ihre Ergebnisse mit anderen Studien überein?
PETERS: Ja. In Augsburg gibt es ein Herzinfarktregister. Dazu wurden Infarktüberlebende untersucht und gefragt, was sich vor dem Arterienverschluss ereignete. Wir haben die Daten aus diesem Register epidemiologisch analysiert, um nach auslösenden Faktoren zu suchen. Als besonders gefährlich erwies sich der Autoverkehr. Eine Stunde Aufenthalt im Verkehr erhöhte das Risiko, einen Infarkt zu erleiden, um das Dreifache.
bdw: Können Sie aus Ihren Studien konkrete Gefährdungsprognosen ableiten, zum Beispiel, dass eine bestimmte Staubkonzentration das Infarktrisiko verdoppelt?
PETERS: Nein, das können wir nicht. Zurzeit weiß man nur, was statistisch gesehen mit einem Patienten in fünf Jahren geschehen wird, der heute bestimmte Risikofaktoren hat, zum Beispiel viele Entzündungsmarker im Blut. Aber was solche umweltbedingten tagtäglichen Veränderungen für das Risiko eines Menschen bedeuten, weiß man nicht. Das wollen wir jetzt in einer großen europäischen Studie untersuchen. Vielleicht kann ich Ihnen das in fünf Jahren sagen.
bdw: Trotzdem gibt es Schätzungen, wie viele Menschen durch Feinstäube jährlich sterben.
PETERS: Alle Zahlen, die dazu im Umlauf sind, entstammen einer Untersuchung aus den USA. Hier hat die Amerikanische Krebsgesellschaft das Schicksal einer halben Million Menschen verfolgt. Manche von ihnen lebten in stark feinstaubbelasteten Regionen, andere in relativ sauberen. Anfang der Achtziger hat man von jedem dieser Menschen ein persönliches Risikoprofil aufgenommen, zum Beispiel ob er Raucher ist, oder ob in seiner Familie Krebs oder Infarkte häufig auftraten. Ende der Neunziger hat man dann nachgeschaut, wer gestorben war und woran. Die Statistiker haben die persönlichen Risikofaktoren herausgerechnet und dann die Lebenserwartung mit den Umweltbelastungen des Wohnorts verglichen. Als Resultat erhielten sie konkrete Zahlen, wie stark eine bestimmte Staubkonzentration das Risiko zu sterben in einer Stadt oder Region erhöht.
bdw: Und wie kommen dann so unterschiedliche Zahlen wie 65 000 Tote für Deutschland und wahlweise 100 000 oder 200 000 für ganz Europa zustande?
PETERS: Diese Angaben wurden alle aus den amerikanischen Daten umgerechnet. Aber sie wurden eigentlich nur für die politische Diskussion produziert. Bei der Zahl 65 000 zum Beispiel vergleicht man die Wirkung der durchschnittlichen Feinstaubbelastung in Deutschland mit einer Belastung von null. Und das ist natürlich vollkommen unrealistisch. Wir können keine feinstaubfreie Umwelt erreichen. All die verschiedenen genannten Werte hängen davon ab, was man als Zielwert benutzt. Darum propagieren wir diese Zahlen auch nicht, denn sie erzeugen entweder ohnmächtige Angst oder Ungläubigkeit. Weder das eine noch das andere bringt uns weiter. Wir konzentrieren uns bei unserer Forschung auf die giftigen Bestandteile des Feinstaubs. Hier kann man wirklich etwas erreichen, wie man am Dieselfilter sieht.
Das Gespräch führte Thomas Willke ■
Dr. Annette Peters
hat festgestellt, dass Feinstaub-Rückstände aus dem Autoverkehr Herz und Kreislauf angreifen. Seit in diesem Jahr in mehreren deutschen Großstädten die maximale Jahresbelastung bereits im Frühjahr erreicht wurde, beunruhigen ihre Ergebnisse auch Politiker und Öffentlichkeit. Die Biologin und Mathematikerin (Jahrgang 1966) hat die Technik, Daten über die Gesundheitsgefährdung aus statistischen Untersuchungen zu ermitteln, an der Harvard School of Public Health in Boston, USA gelernt. Seit 2001 leitet sie am GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München die Arbeitsgruppe „Epidemiologie von Luftschadstoffen”.





