
Die Vision wurde nach einem zustimmenden Parlamentsbeschluss am symbolträchtigen 1. August 1914 Wirklichkeit. Der damals postulierte “Totalschutz”, hinter dem die Utopie einer Natur stand, die ohne Einfluss des Menschen allmählich zu ihrem Urzustand zurückkehren werden, ließ sich nicht dauerhaft halten: So kamen etwa die ausgerotteten Steinböcke nicht einfach von selbst zurück, sondern wurden wieder angesiedelt, während bei den sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rasant vermehrenden Rothirschen selbst innerhalb des Parks zeitweise Hegeabschüsse angeordnet wurden, um Massensterben nach strengen Wintern und Verbissschäden vorzubeugen. Sie sollten sich als unnötig erweisen. Die Hirsche haben ihre Populationsprobleme auch ohne Raubtiere im Park selbst gelöst.
Der Wald lässt auf sich warten
Konsequenterweise ist heute vom Prozessschutz die Rede: Die natürlichen Abläufe sollen sich im Nationalpark ungehindert entfalten. Das bedeutet aber auch, Entwicklungen, die man sich vielleicht nicht wünschen würde, zuzulassen. So haben sich auf den Brachflächen eines verheerenden Brandes von 1951 Gräser behaglich eingerichtet, während kein Baum mehr gewachsen ist, und die Wiederbewaldung der ehemaligen Weideflächen dürfte, wie eine WSL-Hochrechnung zeigt, noch 500 bis 600 Jahre dauern. Der Mensch soll, so will es das Bundesgesetz über den Schweizerischen Nationalpark, dauerhaft nur interessierter Beobachter bleiben, sei es als Forscher, sei es als Gast auf den Wanderwegen.
Der “Atlas des Schweizerischen Nationalparks. Die ersten 100 Jahre” erlaubt einen Blick auf das gesammelte Wissen, das sich dank eines schon vor zwei Jahrzehnten etablierten Geographischen Informationssystems auch vorzüglich kartographisch vermitteln lässt. Von den Wanderbewegungen der Hirsche über die erstaunliche emotionale Verwandtschaft zwischen Motorradfahrern und Wanderern, die gleichermaßen das Naturerlebnis suchen, bis zur Fiederzwenke, einer sich geduldig über viele Jahrzehnte ausbreitenden Grasart, die zur Bedrohung der Artenvielfalt werden könnte, lassen sich aus der riesigen Datenfülle wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Seit zwei Jahrzehnten rückt der wissenschaftliche Fokus vom Beobachten und Beschreiben des natürlichen Geschehens allmählich hin zur Gewinnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Experimenten.

Anita Risch hatte sich während ihrer Feldarbeiten im Nationalpark schon öfters gefragt, welche Rolle neben den Hirschen eigentlich Kleintiere und Insekten als Pflanzenfresser spielen. Waren die vielen Ameisenhaufen und die Murmeltierkolonien, um die sich gleichermaßen ein Rasenteppich ausbreitete, nicht auch ein ernst zu nehmender Faktor im Geschehen rund um die seit einem Jahrhundert andauernde Renaturierung der Alp Stabelchod?







