Die Frage, wie viele Exemplare es von einer Art gibt, hat gleich in mehrfacher Hinsicht große Bedeutung. Denn sie gibt Aufschluss über die Populationsdynamik und Evolution der Spezies, die Struktur von Ökosystemen und Lebensgemeinschaften und nicht zuletzt den Bedrohungsstatus einer Art. “Die Häufigkeitsverteilung von Arten ist für viele seit langem bestehende ökologische Fragen fundamental”, erklären Corey Callaghan von der University of New South Wales in Sydney und seine Kollegen. “Dennoch ist das Verteilungsmuster auf globaler Ebene meist kaum quantifiziert. Die Häufigkeit von nur ein paar Arten ist gut bekannt, die meisten anderen aber sind wenig erforscht.” Das liegt unter anderem daran, dass das Zählen vor Ort extrem aufwändig ist und dass es viele kaum besiedelte und schwer zugängliche Gebiete weltweit gibt.
Sechs Vögel auf jeden Menschen
Callaghan und sein Team haben nun jedoch mehrere Methoden kombiniert, um die bisher umfassendste Bestandsaufnahme der globalen Vogelwelt zu erstellen. Ihre Zählung basiert auf Daten aus der globalen Datenbank eBird – einem Citizen-Science -Project, bei dem mehr als 600.000 Vogelbeobachter aus aller Welt fast eine Milliarde Vogelsichtungen eingetragen haben. Für 724 Vogelarten glichen die Forscher diese Daten mit den Ergebnissen von wissenschaftlichen Studien ab, um so zu ermitteln, in welchem Maße die leichte Sichtbarkeit einer Vogelart die Zählwerte verfälscht und wie sich daraus die tatsächliche Dichte ermitteln lässt. “Dafür berücksichtigten wir Merkmale wie die Körpergröße, die Farbe, den Bedrohungsstatus oder die Schwarmgröße, die die Detektabilität einer Art beeinflussen”, erklären die Wissenschaftler.
Anhand dieser Daten entwickelten sie einen Algorithmus, der auf Basis der eBird-Daten und der bekannten Unsicherheitsfaktoren die Vogelzahlen für 9700 Spezies hochrechnet. Das entspricht 92 Prozent der bekannten Vogelarten. Die restlichen acht Prozent seien jedoch so selten, dass sie insgesamt wenig ins Gewicht fallen, so das Forscherteam. Die Auswertung ergab: “Wir haben ermittelt, dass es momentan wahrscheinlich rund 50 Milliarden Vögel auf der Welt gibt – rund sechs Exemplare für jeden Menschen auf dem Planeten”, berichten Callaghan und sein Team. Auch wenn die Zählung in einigen Bereichen mit größerer Unsicherheit behaftet sei, repräsentiere sie die besten verfügbaren Daten für viele Spezies.
Häufigkeiten ungleichmäßig verteilt
Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Anzahlen sehr ungleichmäßig auf die 9700 Arten verteilt sind: “Es gibt auf globaler Ebene sehr wenige häufige Arten und viele seltene Spezies”, so die Forscher. So schaffen nur vier Vogelarten den Sprung in den “Milliardärs-Club”: Der Hausperling mit 1,6 Milliarden Exemplaren, der Star mit 1,3 Milliarden, die in Nordamerika beheimatete Ringschnabelmöwe (Larus delawarensis) mit 1,2 Milliarden und die Rauchschwalbe mit 1,1 Milliarden Exemplaren. “Es war überraschend, dass so wenige Arten die Vogelzahlen so dominieren”, sagt Callaghan. Das wecke die Frage, was an diesen Spezies evolutionär so besonders sei, dass sie so hyper-erfolgreich wurden. Umgekehrt sind 1180 Vogelarten mit jeweils weniger als 5000 Exemplaren vertreten. “Das sind rund 200 seltene Spezies mehr als erwartet”, so die Wissenschaftler. Zu ihnen gehören unter anderem die seltene Bernsteinseeschwalbe (Thalasseus bernsteini), die nur auf einigen Inseln vor Taiwan vorkommt und die Trommelralle (Habroptila wallacii), ein nicht flugfähiger Vogel aus Indonesien.





