„Die Menschheitsgeschichte ist an einem Wendepunkt angekommen”, warnte Nafis Sadik, damals Exekutiv-Direktorin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, schon im Jahr 1992: „Das schnellste Bevölkerungswachstum seit Menschengedenken ist mit weit verbreiteter Armut und großen Entbehrungen verbunden. Gleichzeitig erleben wir, dass der Verbrauch von Rohstoffen ins Unermessliche steigt. Zusammengenommen stellen diese beiden Phänomene die ernsteste Bedrohung für die regionale wie für die globale Umwelt dar, seit es Menschen gibt.”
Nicht die schiere Menge der Menschen ist entscheidend
Nafis Sadiks Warnung vor einer „herannahenden ökologischen Katastrophe” ist heute
noch aktueller als vor knapp 20 Jahren: Ende Oktober dieses Jahres wird die Erdbevölkerung nach UN-Berechnungen die Sieben-Milliarden-Grenze überschreiten. Seit 1900, damals waren es noch 1,6 Milliarden, hat sich die Menschheit also mehr als vervierfacht. Verantwortlich dafür sind mehrere eigentlich erfreuliche Faktoren: Seit Ende des 18. Jahrhunderts gingen auf der Nordhalbkugel die Sterberaten von Kindern, Jugendlichen und Müttern zurück. Im 19. und 20. Jahrhundert erfasste der Rückgang auch die Länder des Südens. Fortschritte in der Medizin, bessere hygienische Bedingungen und Innovationen in der Landwirtschaft trugen das Ihre zur längeren Lebenserwartung der Menschen bei. Die erste Milliarde hatte die Menschheit im frühen 19. Jahrhundert erreicht. Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Menschen laut UN-Berechnungen auf voraussichtlich 9,3 Milliarden wachsen. Werden noch die heute lebenden Generationen den totalen Kollaps des Planeten erleben?
Nicht die schiere Menge der Menschen ist entscheidend – es sind Armut und das mit der Weltbevölkerung wachsende Tempo der Umweltzerstörung, die den Planeten ins Trudeln geraten lassen. Weitaus gravierender als der Ressourcenverbrauch der wachsenden Bevölkerungen in der Dritten Welt ist der verschwenderische Lebensstil in den Industrieländern – und zunehmend auch in Ländern wie China, Indien und Brasilien. Chandran Nair, Gründer des „Global Institute for Tomorrow” in Hong Kong, zeigt in einem gerade erschienenen Buch („Der große Verbrauch”) an einem Beispiel, was das bedeutet: Amerikaner essen jedes Jahr neun Milliarden Vögel. In Asien mit seiner 13 Mal höheren Bevölkerungszahl werden jährlich 16 Milliarden Vögel verspeist. Äße im Jahr 2050 jeder Asiate so viel Geflügel wie ein Amerikaner, wären das 120 Milliarden Hühner, Enten, Truthähne pro Jahr.
Aber kann man den aufstrebenden Gesellschaften den Lebensstandard verwehren, den wir in den westlichen Industrieländern selbst in Anspruch nehmen? Für den Essener Sozialpsychologen Harald Welzer ist dieses oft gebrauchte Argument „nichts anderes als eine psychologisch leicht durchschaubare Legitimation unseres idiotischen Lebensstils: Wenn alle das nachmachen, muss es richtig sein, auch wenn die Zukunft dabei draufgeht.” Bis zum Jahr 2100 wird die Menschheit laut UN noch weiter wachsen: auf 10,1 Milliarden Menschen – vorausgesetzt, die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau sinkt von heute 2,5 auf das sogenannte Ersatzniveau: zwei Kinder pro Mutter, also der „Ersatz” eines Paares in der nächsten Generation. Stiege sie hingegen auf den Wert 3, wüchse die Weltbevölkerung bis 2100 auf 15,8 Milliarden Menschen. Egal, welches der Szenarien wahr wird: Ein Großteil dieser zukünftigen Kinder kommt in Entwicklungsländern zu Welt – ohne Aussicht auf ein menschenwürdiges Leben.





