Nach der Zerstörung der Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 durch Sprengladungen sprudelte etwa eine Woche lang das in den Pipelines enthaltene Erdgas an die Oberfläche. Bisherige Schätzungen, wie viel Methan dabei freigesetzt wurde, beruhten entweder auf Berechnungen auf Basis des Volumens der zerstörten Pipelines oder auf Messungen aus der Luft, von Schiffen oder mit Hilfe von Satelliten. Die Ergebnisse wiesen allerdings eine große Spannbreite auf. Je nach verwendeter Methode lieferten die Schätzungen Werte zwischen 75.000 und 509.000 Tonnen Methan. Unklar war zudem, welcher Anteil des freigesetzten Gases sich zunächst im Wasser gelöst hat und welche Auswirkungen dies potenziell hatte.
Größte jemals verzeichnete Menge Methan aus einem Einzelereignis
Ein Team um Stephen Harris vom International Methane Emissions Observatory des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP IMEO) in Paris hat nun ein Modell für die Emissionsraten nach Pipelinebrüchen erstellt und damit berechnet, wie viel Methan wahrscheinlich aus den Nord-Stream-Pipelines ausgetreten ist. „Unseren Berechnungen zufolge wurden 465.000 Tonnen Methan in die Atmosphäre emittiert“, berechnet das Team. Dieser Wert passt zu Emissionsschätzungen, die auf Messungen aus der Luft und von Satelliten basieren.
„Unseres Wissens nach handelt es sich dabei um die größte gemeldete Menge an Methan, die jemals bei einem vorübergehenden, von Menschen verursachten Einzelereignis freigesetzt wurde“, erklären Harris und sein Team. Bei dem zuvor größten vergleichbaren Ereignis, dem Leck des Gasspeichers Aliso Canyon in Kalifornien im Jahr 2015, wurden etwa 100.000 Tonnen Methan freigesetzt, weniger als ein Viertel der Emissionen aus den Nord-Stream-Lecks.
Kleiner Anteil an den Gesamtemissionen
An den Gesamtemissionen des Treibhausgases Methan hatte die Nord-Stream-Sprengung dennoch nur einen geringen Anteil: „Das freigesetzte Methan entspricht nur 0,1 Prozent der anthropogenen Methanemissionen für das Jahr 2022“, ordnen Harris und seine Kollegen ein. Allein die globale Öl- und Gasindustrie setzt die gleiche Menge an Methan standardmäßig innerhalb von zwei Tagen frei, die Landwirtschaft sogar in kaum mehr als einem Tag. „Die Auswirkungen der Leckagen auf das globale atmosphärische Methanbudget rücken die zahlreichen anderen anthropogenen Methanquellen in den Blickpunkt, die weltweit reduziert werden müssen“, so das Forschungsteam.
Doch auch abgesehen von den Auswirkungen auf den Treibhauseffekt könnte das in großen Mengen aus den Pipelines entwichene Methan die Umwelt beeinflusst haben. „Um die Reaktion des Ökosystems zu verstehen, sind Schätzungen der Methanausbreitung und -konzentration wichtig“, erklärt ein zweites Forschungsteam um Martin Mohrmann von der Voice of the Ocean Foundation in Schweden. „Ein großer Teil des Methans entkam schnell in die Atmosphäre, während eine unbekannte Menge im Wasser gelöst wurde.“






