„Heute kennt man von allem den Preis, von nichts den Wert.” Als Oscar Wilde 1892 diesen Satz in „Lady Windermeres Fächer” prägte, ahnte er nicht, dass er damit eine gesellschaftliche Entwicklung beschrieb, die erst an ihrem Anfang stand. Die Ökonomisierung des Lebens ist seitdem in alle Daseinsbereiche des Menschen eingedrungen: in seine Arbeitswelt, sein Selbstverständnis, seine intimsten Beziehungen. Wörter wie Kassenpatient, Partnerbörse oder Humankapital sprechen für sich. Wir sind so infiziert vom Kosten-Nutzen-Denken, dass uns dessen Fragwürdigkeit gar nicht mehr bewusst ist.
Dabei ist es nur eine Art unter anderen, die Welt zu betrachten: die der Geschäftemacher. Für sie ist Wertschöpfung maßgeblicher als Wertschätzung. Sie denken in Kategorien von Angebot und Nachfrage, sie machen Preise, wollen handeln, Gewinn erzielen. Die Rendite ist ihr Götze. Bis zu einem gewissen Grad mag das produktiv und wohlstandsbildend sein. Gefährlich wird es, wenn diese eindimensionale Weltsicht mit ihrem Hang, alles in handelbare Ware zu verwandeln, zur Leitidee einer Gesellschaft wird und beansprucht, andere wertbestimmende Anschauungen ersetzen zu können, seien sie ethischer, ästhetischer, kognitiver oder emotionaler Art. Leider ist dieser unheilvolle Prozess in den reichen Ländern schon weit fortgeschritten. Und er scheint nicht am Ende zu sein. Statt den Markt zu bändigen, wie es die Spekulationsexzesse der letzten Jahre nahelegen, soll er jetzt auch noch auf bisher unverfügte Natur ausgeweitet werden.
Dass die Natur eines besseren Schutzes bedarf, darüber herrscht Einigkeit. Aus welchen Gründen, ist schon weniger konsensfähig: Weil sie Gottes Schöpfung ist? Weil sie so schön ist? Weil sie lebt und leidet wie wir? Oder aus purem Eigeninteresse – weil wir sie brauchen, um unsere Kunst- und Luxuswelt auf Dauer aufrechterhalten zu können? Und auch das Wie ist fraglich. Am besten ließe sie sich schützen, so der Zeitgeist, indem man die Ökonomisierung noch weiter treibe. Auch Arten, Lebensgemeinschaften, Ökosysteme und ihre Leistungen müssten ein Preisschild bekommen.
Dann könne man sie in die Bilanzen einstellen und die wahren Kosten einer Nutzung ermitteln. Ernsthafte Schutzbemühungen würden nur fruchten, wenn man deren Ertrag in Euro und Cent angeben könne. Es ist kaum verwunderlich, dass Ökonomen wie Pavan Sukhdev, Chef der Abteilung Global Markets der Deutschen Bank, eine solche Strategie verfolgen. Er hat im Auftrag der EU eine „ Studie zur Erfassung des ökonomischen Wertes von Nutzen und Leistungen der Ökosysteme” erstellt. Neu ist das Einschwenken von Umweltverbänden auf diese Argumentationslinie, etwa vom Bund Naturschutz, der im Steigerwald einen Buchen-Nationalpark eingerichtet haben will und sich dabei lautstark als Wirtschaftsförderer hervortut. Nichtökonomische Gründe, Natur zu schützen, geraten durch solche Anbiederung an den Zeitgeist zusehends in Gefahr, desavouiert zu werden. Als müsste man sich schämen, mit Ehrfurcht vor dem Leben, mit Einzigartigkeit und Vielfalt, mit Schönheit und Eigenwert zu argumentieren. Es gab Zeiten, da durfte man öffentlich nicht über Sex reden. Heute hingegen scheint ethisches Infragestellen unserer Weltbemächtigungsstrategien tabu zu sein.
Die einfachste Begründung für einen möglichst umfassenden Schutz der Natur, eine moralische, will niemand hören, weil er dann seinen Lebensstil infrage stellen müsste: „Für jedes Lebewesen hat sein Leben die gleiche Bedeutung wie meines für mich!” Das müsste eigentlich jeder Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, nachvollziehen können. Der Satz stammt von dem Musiker und Ex-Beatle Paul McCartney, der aus genau diesem Grund Vegetarier ist.
Stattdessen werden komplexe Zahlenspiele bemüht, im sicherlich gut gemeinten Glauben, Naturschutz damit gesellschaftsfähig zu machen. Sich als „Umweltinstitute” bezeichnende Einrichtungen geben vor, genau zu wissen, wie man die Wohlfahrtsleistungen der Natur in Geld umrechnet. So wurde der Wert einer natürlichen Aue an der Elbe, auf 90 Jahre gerechnet, mit 1184 Millionen Euro beziffert, weil sie vor Fluten schützt, Schäden an Bauwerken verhindert und Abwässer klären hilft. Bienen würden je Jahr und Volk einen Marktwert an Früchten in Höhe von 918 Euro erarbeiten, heißt es. Korallen spielten, indem sie Küsten schützen und Touristen locken, 8,52 Euro pro Quadratmeter Riff und Jahr ein. Die Reinigung von Wasser und Luft durch einen Quadratmeter Regenwald sei 0,45 Euro wert. Und laut einer Studie von Weltbank und FAO (Food and Agriculture Organization der UN) vernichtet die Fischerei-Industrie jährlich 50 Milliarden Dollar möglicher Wertschöpfung, indem sie zu viele Fische aus dem Meer holt.
Abgesehen davon, dass solche Berechnungen äußerst spekulativ sind, beziehen sie sich nur auf einzelne Strukturen oder Funktionen von hochkomplex vernetzten Ökosystemen, noch dazu beschränkt auf bekannte und dem Menschen nützliche. Das mag den Verfassern solcher Studien bewusst sein. Sind die Zahlen aber erst einmal freigelassen, dann wird es nicht lange dauern, bis Politik und Ökonomie danach greifen und sie mit dem tatsächlichen Wert einer Art oder eines Lebensraumes verwechseln.
Das jedoch wäre ein doppelter Irrtum. Denn dieser Wert ist nicht nur ökonomisch weit höher, als es einzelne, auf den Menschen bezogene „Leistungen” der Natur suggerieren. Er umfasst darüber hinaus bedeutsame nichtmaterielle Güter: ihre Lebendigkeit, ihre staunenswerte Evolution, ihre kosmische Einzigartigkeit.
Wie sehr sich der Blick bereits verengt hat, erkennt man an dem abschätzigen Jargon, der mittlerweile selbst in der Ökoszene benutzt wird. Wissenschaftler haben auf dem Umweltgipfel in Nagoya vorgerechnet, „welche Rendite die Natur abwirft”, der Urwald könne „zur Geldquelle werden”, Wildtiere zur „lohnenden Ressource”, Tier- und Pflanzenbestände seien ein „Kapitalstock, der gute Gewinne abwerfen könne” und so weiter. Ein solches Vokabular, gewohnheitsmäßig gebraucht, hat zersetzende moralische Wirkung. Es entfremdet noch mehr von der Natur, lässt sie noch stärker als großen Behälter erscheinen, dessen Inhalt der Mensch sich beliebig zu Diensten machen darf.
Mit dieser Entwicklung ist mehr verloren als gewonnen. Es wird nie berechenbar sein, was ein Quadratmeter Urwald tatsächlich kostet, wie viel Euro ein Rotkehlchen wert ist. All diese „Wie viel Geld kostet die Welt?”- Studien sind eine Selbstbeschäftigungsroutine höherer Beamter und gut bezahlter Wirtschaftsinstitute, die davon ablenkt – vielleicht ablenken soll –, was wirklich zu tun ist.
Dabei ist das längst bekannt. An Ideen, naturverträglicher zu leben, mangelt es beileibe nicht. Was fehlt, ist der Vollzug. Und oft ist es gerade die Ökonomie, die ihn blockiert – mächtige Unternehmen wie die Atomlobby bei der Energieversorgung oder Funktionäre der Landwirtschaft bei der flächendeckenden Umstellung auf Ökolandbau.
Fragen wie „Was kostet es, die Biodiversität der Erde zu retten?” oder „Wie viel ist uns die Erde wert?” sind viel zu groß, um beantwortet zu werden. Es gibt aber durchaus Möglichkeiten, die Artenvielfalt monetär zu fördern. Solche hatte Ernst Ulrich von Weizsäcker im Auge, als er forderte, dass der Preis die ökologische Wahrheit sagen müsse. Sein Ansatz war produktorientiert und setzte nicht voraus, dass wir die ökonomischen Argumente zum Schutz der Natur gegenüber allen anderen in den Vordergrund stellen. Er begnügte sich mit der Forderung, dass im Preis eines Produktes die versteckten ökologischen und sozialen Kosten sichtbar sein sollen. Diese pragmatisch-politische Steuerung ist weltanschaulich weit neutraler als jene Studien, die angeblich genau wissen, wie viel diese oder jene Lebensgemeinschaft sowie deren „Leistungen” in Zahlen wert sind. Sie entwürdigt Natur in unseren Köpfen nicht zu einem bloßen Sammelsurium von Bilanzgrößen. Sie belässt Wildnis und Naturprozesse bei sich und setzt erst da ein, wo es um eine angemessene Preisbildung bei menschengemachten Gütern geht.
Die Ökonomie sollte sich bei der Preisbildung auf die Steuerung von Handel und Wirtschaft beschränken, statt die Illusion zu nähren, sie könne mit ihren Mitteln die Natur bewerten. Zu tun gibt es mehr als genug: Recycling, Regionalisierung, Integration der sozioökologischen Nebenkosten in die Preise. Wenn Letzteres geschehen wäre, dann wäre der Betrag, den der Deutsche heute im Durchschnitt für seine Ernährung ausgibt, seit 1950 nicht von 50 Prozent des Lohns auf gerade einmal 12 Prozent gesunken. Der Preis eines Artikels wäre beispielsweise abhängig von der Entfernung zwischen Herstellungs- und Verbrauchsort. Alles, was wir konsumieren, wäre teurer. Aber wäre das so schlimm, wenn dadurch die Umwelt geschont würde, wir und unsere Kinder sie dauerhaft nutzen könnten und die Qualität stimmte?
Wir würden uns auf diejenigen Güter beschränken, die lebensnotwendig sind und uns gelegentlich den einen oder anderen Luxus leisten. Wahrscheinlich gäbe es mehr Vegetarier, da pflanzliche Nahrung billiger wäre als tierische. Wir würden Äpfel heimischer Streuobstwiesen essen statt Früchte aus Brasilien, italienischen statt kalifornischen Wein trinken, und Frauen besäßen nur so viele Schuhe und Kleider, wie sie auch anziehen. Kinder würden sich beim Spielzeug im Haushalt bedienen, was sie sowieso lieber tun, statt unter Bergen von Plastikimitaten die Orientierung zu verlieren.
Also bitte, ihr Ökonomen und übereifrigen Umweltinstitute: Kümmert euch genau darum! Und lasst die Finger von dem Versuch, das, was so viel größer ist als die Marktwirtschaft, in eure Bilanzen zu zwingen. Ihr richtet damit mehr Schaden an, als es nützt – weltanschaulichen Schaden, moralischen Schaden, emotionalen Schaden. „Wälder sind nicht nur Kohlenstoffspeicher und verhindern Bodenerosion, sie sind auch Lebensraum für jagdbare Tierarten wie Hirsche” – selbst im Newsletter „ natura2000″, einer Veröffentlichung des europäischen Umweltkommissars, zeigen sich die traurigen Spuren einer bloßen Funktionalisierung der Natur. Haben wir vergessen, dass Wälder die Orte unserer Herkunft und unserer Sehnsucht sind? Wie wunderbar Vogelgesang und das bunte Laub des Herbstes unsere Seelen erhebt? Und wie viel Freude uns der Flug von Schmetterlingen an einem Sommertag bereiten kann? Stattdessen wird vom „soziökonomischen Nutzen der Biodiversität” gefachsimpelt.
Wenn wir die Poesie vollständig aus der Natur vertrieben haben, werden wir selbst ganz und gar Vertriebene sein. Sinn findet man nicht ohne Sinneserfahrungen, und Sinneserfahrungen gibt es nicht ohne Natur. Natur ist mehr als ein Dienstleister, der dazu da ist, die eskalierenden Ansprüche einer Art zu befriedigen. Sie ist ein seit Jahrmillionen ablaufender Prozess der Selbstschöpfung, sie ist überbordende Lebendigkeit, sie ist Schönheit und Sinn. Sie ist von unfassbarem Wert. Und sie kostet nichts. ■





