Durch den voranschreitenden Klimawandel und menschliche Einflüsse taut der arktische Permafrost immer schneller auf. Prognosen deuten darauf hin, dass der bislang dauerhaft gefrorene Boden des hohen Nordens schon bis 2050 fast komplett verschwunden sein könnte. Da beim Tauen des Permafrosts Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen, könnte der Klimawandel dadurch noch weiter angeheizt werde. Doch auch für die rund drei Millionen Menschen, die derzeit in arktischen Permafrostgebieten leben, würde ein Auftauen ernste Konsequenzen mit sich bringen.
Risikoanalyse im hohen Norden
Welche Konsequenzen genau den Menschen in der Arktis blühen könnten, haben nun Forschende um Susanna Gartler von der Universität Wien ermittelt. Konkret führte das Team eine Risikoanalyse in vier arktischen Regionen durch: in Longyearbyen auf der norwegischen Insel Spitzbergen, in Avannaata in Grönland, im Gebiet rund um die Beaufortsee und das Mackenzie River Delta in Kanada sowie im Bezirk Bulunskiy in der russischen Republik Jakutien. Insgesamt ermittelte das Team dabei fünf zentrale Auswirkungen, die ein Tauen des Permafrosts für die lokale Bevölkerung hätte. Dazu gehören vor allem bevorstehende Schäden an der Infrastruktur, besonders entlang von Flüssen, in Deltas und in bergigen Regionen.
Eine Arktis-Bewohnerin berichtete dem Team dazu: „Ich habe ein Camp am Fluss. Diesen Sommer brach ein großes Stück Land neben meiner Hütte ab und stürzte in den Fluss. Das ist beängstigend.“ Manche Erosionen verlaufen den Forschenden zufolge langsam, doch in Deltaregionen können über Nacht auch große Teile Land abbrechen, wenn das stabilisierende Eis im Untergrund schmilzt. Das könnte in Zukunft auch dafür sorgen, dass immer häufiger wichtige Verkehrs- und Versorgungswege unterbrochen werden. Auch Jagen und Fischfang wären dann nur noch eingeschränkt möglich, weil Jagd- und Fischhütten schwerer zu erreichen wären und auf dem Weg dorthin Treibsand und Erdrutsche umgangen werden müssten, wie die Analyse ergeben hat.
Gesundheit in Gefahr
Auch gesundheitlich kommen auf die Bewohner der Arktis wahrscheinlich zahlreiche Probleme zu. Wie Gartler und ihre Kollegen prognostizieren, werden durch die tauenden Böden zunehmend Schadstoffe aus alten Öl- und Gasgruben austreten – historischen Überresten der Industrie, die im Boden zurückgelassen wurden, weil man dachte, er bliebe dauerhaft gefroren. Und auch die Wasserqualität könnte leiden. In Longyearbyen auf Spitzbergen bedroht das Auftauen des Permafrosts etwa den Damm der Haupt-Trinkwasserquelle der Stadt. Er steht auf gefrorenem Boden.
Aufgrund all der Herausforderungen, die den Menschen in der Arktis künftig bevorstehen, fordern die Forschenden, deren Perspektive bei Diskussionen stärker miteinzubeziehen. „Unsere Forschung kann politischen Entscheidungsträgern, Rechteinhabern und Interessengruppen bei der Entscheidungsfindung für eine sicherere Zukunft der Arktis helfen“, schreiben Gartler und ihr Team.





