“Um Kernenergie nutzen zu können, bedarf es einer umfangreichen institutionellen und materiellen Sicherheitsinfrastruktur”, erklärt Veronika Ustohalova vom Öko-Institut. “Zwischen- oder innerstaatliche Konflikte können diese Infrastruktur absichtlich oder unabsichtlich zerstören, was im schlimmsten Fall zu einer atomaren Katastrophe führen kann.” Wie gefährdet sind kerntechnische Anlagen in solchen Krisengebieten? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Diesen Fragen ist nun das Öko-Institut in einer von der Stiftung Zukunftserbe geförderten Studie nachgegangen.
Gefahr nicht nur durch direkte Angriffe
Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass das Sicherheitsrisiko bei Atomanlagen in Krisengebieten deutlich höher ist als allgemein angenommen. Denn nicht nur gezielte Angriffe oder Sabotage, sondern auch die Folgen von instabilen Verhältnissen in Politik und Wirtschaft – verbunden mit der Schwächung oder gar Auflösung der staatlichen Strukturen – können die Sicherheit von Kernreaktoren in Krisengebieten stark gefährden.
“Ein krisengeschütteltes Land hat so viele Probleme zu bewältigen, dass relevante Sicherheitsmaßnahmen und vorausschauende Handlungsabläufe im Umgang mit Kernenergie nicht immer gewährleistet sein können”, sagt Ustohalova. Unter Chaos und Konflikten leiden beispielsweise notwendige Kontrollabläufe durch zuständige Behörden und die wissenschaftliche Betreuung der kerntechnischen Infrastruktur. Auch die Ausbildung und Bezahlung von Fachpersonal kann in Krisensituationen erheblich gestört sein.
Eine weitere Gefahrenquelle ist die Unterbrechung der Lieferkette von Verschleiß- und Ersatzteilen. Das sei insbesondere ein Problem, wenn sich der Hersteller und die Zulieferer im Ausland befinden, womöglich in einem Land, das zur Konfliktpartei geworden ist, erklären die Forscher. Die Lagerung des hochradioaktiven Atommülls und die Verwendung radioaktiver Materialien stellen ein weiteres, großes Gefahrenpotential dar und bieten eine Angriffsfläche für militante oder terroristische Gruppen.
Kontrollverlust in der Ukraine?
Das Gefahrenpotenzial zeige sich am Beispiel der Ukraine, warnen die Experten des Öko-Instituts. “Die Ukraine hat sich innerhalb weniger Jahre aus einer relativ stabilen Lage in ein abhängiges Krisengebiet innerhalb von Europa gewandelt”, beschreibt Ustohalova die Situation. “Dabei ist die ukrainische Energieversorgung aufgrund ihrer zentralen Bedeutung bereits mehrmals Ziel militärischer Angriffe gewesen.”
So wurden in einem Sabotageakt im November 2015 mehrere Strommasten auf der Halbinsel Krim gesprengt und damit 1,9 Millionen Bewohner teilweise oder vollständig von der Stromversorgung abgeschnitten. Der Betrieb des Kernreaktors Saporoschschje – einem der größten Atomkraftwerke Europas – wurde durch diesen Sabotageakt so stark beeinträchtigt, dass die staatliche Betreiberfirma Ukrenergo die Situation als hochgefährlich einstufte.





