Welche Methoden Psychiater und Psychotherapeuten einsetzen, um die Überlebenden der jüngsten Terroranschläge zu behandeln und wodurch posttraumatische Belastungsstörungen charakterisiert sind, beschreibt Ulrich Schnyder, leitender Arzt am Universitätsspital in Zürich, in der Neuen Zürcher Zeitung. Er fasst außerdem zusammen, wie posttraumatische Belastungsstörungen das Leben von Betroffenen beeinflussen, und zeigt Behandlungsmöglichkeiten der modernen Psychiatrie und den aktuellen Stand der Forschung auf.
Für posttraumatische Belastungsstörungen, die eintreten können, wenn das Leben oder die körperliche Integrität eines Menschen bedroht waren, erläutert er drei Hauptsymptome:
das ungewollte Wiedererleben in Tagträumen oder Albträumen
das Vermeidungssymptom, gekennzeichnet durch Zurückgezogenheit und den Versuch, jegliche Erinnerung an das traumatische Ereignis zu vermeiden
die vegetative Übererregbarkeit, die sich bei den Betroffenen in Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit und Konzentrationsschwäche äußert
In einer Studie, die am Universitätsspital durchgeführt wurde, zeigte sich außerdem, dass das subjektive Erleben den Verlauf der Störungen entscheidend beeinflusst. Bei der Untersuchung von Unfallopfern wurde deutlich, dass diese subjektive Erfahrung neben der eigenen Erinnerung auch durch fremde Einflüsse, Bilder und Schilderungen mitbestimmt wird.
Je nach Schweregrad der Belastungsstörung reagieren die Betroffenen mit einer Erhöhung des Blutdrucks, der Herzfrequenz und des Hautwiderstandes. Bei manchen Patienten können Störungen des Sprachzentrums beobachtet werden, die vorübergehend zu einem Verlust des Sprachvermögens führen.
Hilfe sollen die Kranken durch so genannte Debriefings erhalten, das sind Gruppengespräche bereits 24 bis 72 Stunden nach dem traumatisierenden Erlebnis, in denen Informationen über das Geschehene zusammengetragen werden. Ziel der Debriefings ist es, die Betroffenen über die psychischen und physischen Folgen des Traumas aufzuklären und Strategien zur Bewältigung vorzustellen. Obwohl solche Debriefings inzwischen weltweit eingesetzt und von den Betroffenen als hilfreich erlebt werden, konnte bislang keine präventive Wirkung bewiesen werden.
Seit Anfang der 90er Jahre soll Patienten auch mit einer so genannten “prolonged exposure” geholfen werden. Hierbei werden die Erinnerungen an das traumatische Erlebnis immer wieder zum Beispiel mittels Tonbandaufnahmen in Erinnerung gerufen. Diese wiederholte Konfrontation soll dazu führen, dass traumatisierte Patienten sich an das Erlebte gewöhnen und körperliche Fehlregulationen dadurch systematisch abgeschwächt werden.
Am besten, so Schnyder, könne den Betroffen mit der Erarbeitung individueller Therapiekonzepte gegebenfalls unter Einbeziehung von Angehörigen geholfen werden. Psycho-, pharmako-, sozio- und physiotherapeutische Interventionen sollten sich dabei ergänzen. Auch Juristen müssten mitunter an der Behandlung von Betroffenen beteiligt werden, um zivil- oder strafrechtliche Probleme zu lösen. Die psychotherapeutische Betreuung mit dem Ziel, die Folgen des traumatisierenden Ereignisses für die Patienten kontrollierbar zu machen, stünde aber fast immer im Vordergrund.
Marion Herzog





