Der Mensch besitzt fünf Sinne: sehen, riechen, schmecken, hören und fühlen. Einige Tiere verfügen darüber hinaus über weitere Sinne. Dazu zählt auch der Elektrosinn, mit dem die Tiere elektrische Felder und Ladungen wahrnehmen können, die sich gegenseitig anziehen oder abstoßen. Diese Fähigkeit haben beispielsweise Raupen, Spinnen sowie bestäubende Insekten und Vögel, um Raubtiere oder Futterquellen zu erkennen. Auch Kolibris erkennen negativ geladene Blüten, während sie selbst positiv geladen sind. Wenn die Vögel über der Blüte schweben und mit ihren Flügeln schlagen, entsteht dadurch ein Ladungsaustausch und ein elektrisches Feld. Dieses erleichtert den Vögeln die Pollenaufnahme.
Einige tropische Milbenarten wiederum haben ihren Elektrosinn offenbar an genau diese Vögel angepasst. Vermutungen zufolge nutzen die Milben elektrische Signale, um auf den Schnabel von Kolibris zu gelangen, während diese von dem Nektar der Blüte trinken, und per Anhalter von Blume zu Blume mitzufliegen. Berührt der Schnabel eine neue Blüte, krabbeln die Milben blitzschnell aus den Nasenlöchern der Kolibris und verlassen ihr Transportmittel, indem sie auf die Pflanze zu rennen. So erweitern die nektar- und pollenfressenden Milben ihren Lebensraum und gelangen zu neuen Nahrungsquellen, obwohl die Spinnentiere selbst nicht fliegen oder springen können.

Elektrostatische Anziehung zwischen Milbe und Kolibri
Wie der Elektrosinn der Milben genau funktioniert, hat nun ein Team um Carlos García-Robledo von der University of Connecticut näher untersucht. Dafür beobachteten die Biologen das Verhalten der Milben auf den Blumen und im Labor, während sie ihnen Elektroden mit unterschiedlichen elektrischen Kräften präsentierten. Zudem entfernten sie probeweise Teile der Beine der Spinnentiere und betrachteten sie unter dem Rasterelektronenmikroskop, um den Ursprung des Elektrosinns auszumachen. Die Milben gehörten zu 19 Arten der Gattungen Proctolaelaps Berlese und Lasioseius. Sie stammten von zwei Pflanzenarten aus Costa Rica (Costus malortieanus und Musa velutina), die regelmäßig von 14 verschiedenen Kolibriarten besucht werden.
Die Tests ergaben, dass die Milben nicht alle elektrischen Felder erkennen, sondern nur sogenannte modulierte Felder. Deren Amplitude (circa 250 bis 550 Volt) und Frequenz (120 Hertz) ähneln den elektrischen Feldern, die beim Flügelschlag der Kolibris entstehen. Die Milben bevorzugen zudem positiv geladene Felder. „Diese Ergebnisse bestätigen, dass Milben kleine, für Kolibris typische Ladungsfelder in feuchten Umgebungen erkennen können“, so das Team. Weitere Versuche zeigten, dass die Milben durch ihren Elektrosinn nicht nur das elektrische Feld auf dem Schnabel von Kolibris erkennen, sondern durch die elektrostatische Anziehung auch auf diesen „aufspringen“ und dann mit den Vögeln zur nächsten Blüte fliegen.





