Der globale Textilabfall hat sich seit dem Jahr 2000 auf 92 Millionen Tonnen pro Jahr verdoppelt. Das liegt vor allem am steigenden Konsum und einer immer ausgeprägteren Wegwerfmentalität. „Früher wurde Kleidung bis zur völligen Unbrauchbarkeit getragen oder biologisch abgebaut“, erklärt Samira Iran von der TU Berlin. „Heute sind synthetische Fasern und chemische Beschichtungen weit verbreitet, was das Volumen an nicht biologisch abbaubaren Textilien steigen lässt.“ Städte recyclen außerdem nur 0,5 Prozent aller weggeworfenen Kleidungsstücke, der Rest der Altkleider geht nach Afrika und Asien, wo er auf Mülldeponien landet oder verbrannt wird. Man spricht auch von „Abfallkolonialismus“.
So gut wie kein Kleidungsstück bekommt ein neues Leben geschenkt
Die sozialen und ökologischen Probleme, die wir ärmeren Ländern mit unseren Textilabfällen zumuten, beginnen bereits in den Städten, in denen sie produziert werden. Um herauszufinden, wie diese mit den Altkleidern umgehen, haben Forschende um Katia Vladimirova von der Universität Genf nun die Wege von Textilabfällen in neun Städten auf drei Kontinenten verfolgt – darunter Berlin, Toronto und Melbourne. Dazu werteten sie politische Vorgaben und Regelungen sowie wissenschaftliche Quellen und Interviews mit zentralen Akteuren aus. „Mithilfe der gesammelten Informationen analysierten wir die nationale und städtische Situation, erstellten ein Bild der lokalen Textilwirtschaft und identifizierten wichtige Akteure, insbesondere Wohltätigkeitsorganisationen“, erklärt Iran. „Anschließend untersuchten wir die kommunalen Strategien zur Textilabfallbewirtschaftung.“
Das Ergebnis: In allen neun Städten sind die Recyclingquoten niedrig, wie das Team herausgefunden hat. In Genf in der Schweiz liegt die Quote beispielsweise bei fünf Prozent, in Luxemburg bei drei bis vier Prozent. Im norwegischen Oslo finden sogar nur 0,03 Prozent der Altkleiderstücke ihren Weg ins Recycling. In den meisten Städten übernehmen außerdem Wohltätigkeitsorganisationen und private Wiederverkäufer die Sammlung und Sortierung der Altkleider. „Eine Ausnahme bildet Amsterdam, wo die Stadtverwaltung die Textilströme direkt über ein spezialisiertes Unternehmen verwaltet“, sagt Iran.
Manche Städte wie Berlin, Oslo und Amsterdam verfügen auch über Gebrauchtwarenläden oder sogenannte Repair-Cafés, in denen Menschen sich gegenseitig beim Reparieren von Kleidung, Elektrogeräten und anderen Alltagsgegenständen helfen können. So bekommen die Kleidungsstücke ein zweites oder verlängertes Leben. In Toronto und Amsterdam fördern die Städte das Recycling der Altkleider außerdem durch Vorschriften und Finanzhilfen.
Drei Schritte zum Glück?
Trotzdem landen immer noch große Mengen Alttextilien im Müll. Der Europäischen Union ist dieses Problem bewusst. Um gegenzusteuern, hat sie beschlossen, dass ab dem 1. Januar 2025 keine Textilien mehr in der Restmülltonne landen dürfen. Auch kaputte Kleidung soll ab dann in den Altkleidercontainer. Bisher war das häufig nicht erlaubt. Damit Städte mit diesen Altkleidern künftig nachhaltiger umgehen, schlägt das Forschungsteam ein dreiteiliges Konzept vor. Allem voran steht, den generellen Konsum von Mode zu reduzieren. Dazu empfehlen Vladimirova und ihre Kollegen, Modewerbung im öffentlichen Raum zu beschränken, Slow-Fashion-Initiativen zu fördern und Freizeitshopping durch attraktivere öffentliche Plätze und Parks entgegenzuwirken. Zweitens empfehlen sie den Stadtverwaltungen, Secondhand-Läden und Repair-Cafés stärker zu unterstützen und Bildungsprogramme zum Erlernen von Näh- und Reparaturtechniken anzubieten.





