Wie findet eine Eule eine braune Maus auf einem brauen Untergrund? Das visuelle System der Eule produziert laut Andreas Nieder, Wissenschaftler am Department of Brain and Cognitive Sciences, Cambridge, USA, imaginäre Konturen.
In Versuchen mit trainierten Tieren ging es darum herauszufinden, inwieweit Schleiereulen (Tyto alba) fähig sind, illusorische Konturen wahrzunehmen. Mit dieser visuellen Fähigkeit sollte eine neuronale Wechselbeziehung aufgezeigt werden. Die Untersuchungen zeigten, dass Eulen vorgetäuschte Konturen erkennen und diese als “wirkliche” Umrisse interpretieren. Nieder fand heraus, dass die Eule illusorische, subjektive Umrisse erkennt und dass diese Wahrnehmung von Neuronen im visuellem Vorderhirn signalisiert wird. Nieder stellte seine Studie über die Fähigkeit des visuellen Systems, Illusionen ohne physikalische Grundlagen zu bilden, letzte Woche auf dem internationalen Neuroethologie-Kongress in Bonn vor.
Der Wissenschaftler trainierte für seine Experimente zwei Eulen. Diese sollten auf einem Computermonitor das Erscheinen eines Dreiecks oder eines Quadrates vor einem Hintergrund aus parallelen Linien erkennen und dies über das Picken auf verschiedene Taste signalisieren. Sobald die Eulen die geometrischen Figuren zuverlässig unterscheiden konnten, wurden die Umrahmungen der Symbole gelöscht. Es waren also keine Konturen mehr erkennbar. Stattdessen wurden die Konturen der Figuren indirekt dargestellt. An den Stellen, an denen zuvor die Umrisse der Symbole zu erkennen war, wurden Lücken in die Hintergrundlinien eingefügt oder es fand eine Verschiebung der Gitterlinien an den Kanten der ursprünglichen Form statt (s. Abbildung).
Beide Eulen erkannten die Formen der “indirekt” dargestellten Figuren genauso gut, wie die zuvor durch den Kontrast dargestellten Figuren. Weiter fand Nieder, dass eine beträchtliche Zahl von Neuronen in die Produktion der imaginären Wahrnehmung involviert ist. Er glaubt, dass Gehirnmechanismen, die illusorische Konturen erzeugen, wahrscheinlich für eine Art “Anti-Tarnungs-Trick” sorgen. Der befähigt die Eulen dazu, Objekte, wie etwa Beutetiere, vom Untergrund zu trennen, auch wenn keine kontrastreichen Ränder zu sehen sind. Die Eule sieht dann also nicht die Maus direkt, sondern “erkennt” durch eine Auslassung in der Struktur, wie zum Beispiel durch umgeknickte Grashalme, die indirekten Konturen der Maus und interpretiert diese als echte Umrisse.
Nicole Waschke





