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Wie Europas größte Fledermaus Vögel im Flug jagt und frisst
Erde & Umwelt

Wie Europas größte Fledermaus Vögel im Flug jagt und frisst

Wenn im Frühjahr und Herbst Milliarden Singvögel zwischen ihren Brut- und Wintergebieten über Europa ziehen, suchen sie häufig Schutz im Dunkel der Nacht. Doch diese Sicherheit trügt: Mindestens drei Fledermausarten haben die nächtlichen Wanderer als nahrhafte Beute für sich entdeckt. Eine neue Studie zeigt nun erstmals, wie Europas größte Fledermaus die Vögel nachts im Flug jagt und sogar noch in der Luft verspeist.
Autor
Anna Manz
09. Oktober 2025
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Zweimal im Jahr ziehen hierzulande Milliarden Singvögel von ihren Brut- zu ihren Überwinterungsgebieten und andersherum. Um auf dieser langen, gefährlichen Reise Raubvögeln zu entgehen, fliegen einige Vögel bevorzugt nachts. Doch selbst im vermeintlichen Schutz der Dunkelheit sind die Reisenden nicht sicher. Wie Kotreste belegen, haben mindestens drei große europäische Fledermausarten die nächtlichen Vogelschwärme als Nahrungsquelle für sich entdeckt. Wie genau sie bei der Jagd vorgehen, war bislang allerdings ein großes Rätsel.

Verfolgungsjagden im Nachthimmel

Da die Fledermäuse nachts jagen, ist es unmöglich, die Jagd zu filmen. Und auch abenteuerlichere Methoden wie Überwachungskameras an Schlafplätzen, Militärradar, Ultraschallrekorder an Heißluftballons und GPS-Tracker lieferten in den vergangenen Jahrzehnten keine nennenswerten Einblicke. Erst jetzt ist es Forschenden um Laura Stidsholt von der Universität Aarhus gelungen, „live“ bei einer nächtlichen Singvogeljagd der Fledermäuse dabei zu sein – und zwar mit der Hilfe ultraleichter Biologger, die sie wie winzige Rucksäcke an dem Rücken von 14 Riesenabendseglern (Nyctalus lasiopterus) angebracht hatten. Mit einer Flügelspannweite von fast einem halben Meter sind diese Flugkünstler die größten Fledermäuse Europas.

Riesenabendsegler mit Biologger
Eine Fledermaus mit Biologger auf dem Rücken © Elena Tena

Indem die Biologger Höhe, Bewegung und Echoortung ihrer Träger aufzeichneten, konnten Stidsholt und ihr Team das Jagdverhalten der Riesenabendseglerselbst in völliger Dunkelheit verfolgen. Insgesamt enthüllten die Messungen zwei nächtliche Angriffe auf Singvögel: einen abgebrochenen und einen erfolgreichen. In beiden Fällen stiegen die Fledermäuse zunächst über 400 Meter hoch, bevor sie ihre Beute schließlich per Echoortung entdeckten und dann wie ein Kampfflugzeug senkrecht und bis zu 176 Sekunden lang auf sie herabstürzten. Dabei schlugen die Raubtiere deutlich schneller und kräftiger mit den Flügeln als beim Aufstieg und setzten insgesamt über 40 Echoortungssignale in kurzen Abständen ab – ein Hinweis auf eine intensive, zielgerichtete Verfolgung.

Schnipp schnapp, Flügel ab

Eine Fledermaus brach ihren Sturzflug bereits nach 30 Sekunden ab – wahrscheinlich weil ihre wendige Beute ihr entwischte. „Wir wissen, dass Singvögel tagsüber wilde Ausweichmanöver wie Loopings und Spiralen ausführen, um Raubtieren wie Falken zu entkommen – und sie scheinen nachts die gleiche Taktik gegen Fledermäuse anzuwenden“, erklärt Stidsholt. Die andere Fledermaus hingegen war erfolgreich und erbeutete ein Rotkehlchen, wie sich anhand der von dem Vogel ausgestoßenen Notrufe nachträglich ermitteln ließ. Sobald die Fledermaus das Rotkehlchen mit ihrem Biss getötet hatte, folgten 23 Minuten Kaugeräusche. Der Riesenabendseglern hatte seine Beute also nicht nur im Flug gefangen, sondern verspeiste sie auch in der Luft – und dass ohne dabei an Höhe zu verlieren.

„Es ist faszinierend, dass Fledermäuse Singvögel nicht nur fangen, sondern auch im Flug töten und fressen können. Ein solcher Vogel wiegt etwa halb so viel wie die Fledermaus selbst – das wäre so, als würde ich beim Joggen ein 35 Kilo schweres Tier fangen und fressen“, verdeutlich Stidsholt. Um bei diesem schweren Mahl nicht das Gleichgewicht zu verlieren, wenden die Riesenabendsegler einen besonderen Trick an. Wie DNA-Analysen von Singvogel-Flügeln zeigen, die unter den Jagdgebieten gefunden wurden, beginnen die Fledermäuse ihr Mahl offenbar, indem sie ihren Opfern die Flügel abbeißen. Das verringert sowohl Gewicht als auch Luftwiderstand. „Es weckt zwar Mitgefühl für die Beute, aber es ist Teil der Natur“, sagt Co-Autorin Elena Tena vom spanischen Forschungsrat CSIC in Sevilla.

Die neuen Aufnahmen lösen nicht nur ein langjähriges wissenschaftliches Rätsel, sondern könnten auch für den Artenschutz relevant sein. Denn der Riesenabendsegler ist eine der seltensten Fledermausarten Europas. Er lebt in alten Wäldern, wo er in Baumhöhlen Unterschlupf findet – doch solche Lebensräume werden immer seltener. Das neue Wissen über seine Jagdweise und sein Verhalten könnte nun helfen, gezielte Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

Quelle: Laura Stidsholt (Universität Aarhus, Aarhus, Dänemark) et al., Science, doi: 10.1126/science.adr2475

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