Die Vielfalt der Populationen innerhalb einer Art ist genauso wichtig für die Stabilität eines Ökosystems wie die Artenvielfalt selbst. Das belegen US-Ökologen in einer Studie, für die sie Daten aus den letzten 50 Jahren über die Populationsentwicklung des Rotlachses in der Bristol Bay in Alaska ausgewertet haben. Ihr Fazit: Ein Ökosystem erweist sich als umso stabiler gegenüber Umweltveränderungen, wenn die darin lebenden Arten aus besonders vielen Einzelpopulationen bestehen. Dieses Phänomen bezeichnen sie in Anlehnung an die Finanzmärkte als “Portfolio-Effekt”, da ein breit gestreutes Anlageportfolio langfristig die Stabilität der Renditen begünstigt.
Biodiversität und Artenvielfalt stabilisieren die Funktionen einzelner Ökosysteme und wirken sich damit auch positiv auf die menschliche Lebensqualität aus. Diese These der Ökologie ist nicht neu und genießt breiten Konsens. Der enormen Bedeutung der Populationsvielfalt innerhalb einzelner Arten hingegen wurde bislang weit weniger Aufmerksamkeit zuteil. “Die Vielfalt innerhalb der Populationen einer Art wird von Behörden und Naturschützern oft übersehen?, erklärt Populationsökologe David Schindler von der University of Washington in Seattle. Dabei sei die Gefahr, dass eine einzelne Population zugrunde geht, etwa tausendmal höher als das Aussterben der ganzen Art.
Um die Bedeutung der Vielfalt von Populationen innerhalb einer Art bewerten zu können, haben die Forscher statistische Daten über das Vorkommen des Rotlachses (Oncorhynchus nerka) in der Bristol Bay aus fünf Jahrzehnten ausgewertet. Die Daten wurden durch die Fischerei- und Jagdbehörde von Alaska erhoben: Von Türmen aus wurden die Lachse gezählt, die jedes Jahr in die Flüsse zurückkehren, die in die Bristol Bay münden. Aus diesen Zahlen und der Untersuchung von jährlich etwa 50.000 gefangenen Lachsen konnte die Altersstruktur der Rückkehrer ermittelt werden.
Besonderes Kennzeichen der Rotlachsbestände vor Ort sind nach der Studie die stark vermischten Populationen innerhalb der Art. Wenn die Lachse heranwachsen, verlassen sie ihre Heimat in Richtung Pazifik. Auf ihren unterschiedlichen Wegen sind sie auch verschiedenen klimatischen Bedingungen ausgesetzt und passen sich an. Jedes Jahr zur Laichzeit kehren sie genau in das Gewässer zurück, in dem sie geboren wurden. So erfolgt regelmäßig eine Durchmischung der Populationen ? die einen laichen erfolgreicher in kalten und nassen Jahren, andere wenn es heiß und trocken ist. Die Stabilität der Gesamtpopulation ? bestandsangepasste Befischung vorausgesetzt ? bleibt somit gewährleistet und ist Klimaschwankungen und anderen Umweltveränderungen gegenüber gut gewappnet.
Weil die Gesamtpopulation der jedes Jahr in die Bristol Bay zurückkehrenden Lachse aus mehreren hundert Einzelpopulationen besteht, sind die jährlichen Schwankungen 2,2-mal geringer als dies der Fall wäre, wenn es sich nur um eine einzige homogene Population handelte. Heftigere Schwankungen könnten dann auch zu zehnmal größeren Fangausfällen in der Fischerei führen ? oder gar zum kompletten Ausfall der Lachssaison alle zwei bis drei Jahre. “Mutter Natur leistet ganze Arbeit dabei, sich durch die Vielfalt der Einzelpopulationen gegenüber Umweltveränderungen zu wappnen”, sagt Schindler.”Die neuen Erkenntnisse könnten einen Wendepunkt im Biodiversitätsmanagement bedeuten.” Überfischung einzelner Populationen führt somit zum schnelleren Rückgang der gesamten Art.
Seit dem Eintreffen europäischer Siedler an der US-Pazifikküste wurden bereits 29 Prozent der etwa 1.400 dort vorkommenden großen Lachspopulationen ausgerottet. Menschliche Bemühungen, die Diversität der Lachspopulationen zu erhalten und damit die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems zu unterstützen, könnten hingegen langfristig auch die Fischereierträge stabilisieren. Weiterhin könnten die Erkenntnisse auch auf andere Arten angewendet werden und dem Risiko eines durch Klimaschwankungen und menschlichen Einfluss beschleunigten Artensterbens entgegenwirken ? damit das breite Portfolio der Naturschätze auch für zukünftige Generationen erhalten bleibt.
Daniel Schindler (University of Washington, Seattle) et al.: Nature, doi: 10.1038/nature09060 ddp/wissenschaft.de ? Gunnar Henze





