Die Pharma-Industrie braucht dringend neue Medikamente. Trotzdem legen Investoren kaum noch Geld in jungen Forschungsfirmen an. Immer mehr müssen dicht machen.
„Jetzt ist der Zeitpunkt, eine Firma zu gründen. Es wird nie wieder so einfach und so günstig sein”, sagte 1999 Stefan Herr, Berater für junge Biotech-Firmen, in bild der wissenschaft. Geld war damals reichlich vorhanden, und risikofreudige Investoren wollten es unbedingt in Zukunftstechnologien wie der Biotech-Branche anlegen. Heute sieht die Situation völlig anders aus. Nach der geplatzten Dotcom-Blase Anfang des Jahrhunderts und der laufenden Bankenkrise ist das Wort Risiko anscheinend bei vielen Investmentmanagern verpönt: Was fehlt, ist Geld, und dieser Mangel wird seit Jahren immer größer.
„Der Markt ist zu”, ist das einhellige Fazit der Finanzanalysten. Der „Deutsche Biotechnologie-Report 2010″ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young stellte fest, dass in Deutschland das verfügbare Risikokapital für Biotech-Unternehmen jedes Jahr weiter abnimmt. 2009 hatte es den tiefsten Stand seit 1999 erreicht. Ähnlich sah es in den anderen europäischen Ländern aus. Ein großes Problem vor allem der Pharma-Sparte im Biotech-Bereich: Forschung und Entwicklung eines neuen Medikaments kosten viel Geld – in der Regel mehrere Hundert Millionen Euro. Durchschnittlich „verbrennt” ein deutsches Biotech-Unternehmen, das sich auf Medikamenten-Entwicklung spezialisiert hat, pro Jahr 5,6 Millionen Euro – und das oft ohne eigene Einnahmen. Die 1999 gegründete Greenovation Biotech GmbH (siehe Betrag „Sein Antikörper ist der Hit” ab S. 26) brauchte sieben Jahre, bis sie 2006 mit ihrer Biopharmazeutika-Produktion in Mooszellen eigene Umsätze erwirtschaftete. So fließt das investierte Geld nur langsam zurück. In der MedikamentenEntwicklung geht es noch härter zu. 10 bis 15 Jahre dauert es oft – von den ersten Ex-perimenten über die klinischen Tests bis zur Marktreife. Das ist für viele Investoren zu lange.
DIE FLOPS UND IHRE FOLGEN
Selbst wenn eine Firma ein erfolgversprechendes Produkt entwickelt hat, kann auch in den letzten Phasen noch alles schief gehen. „Medikamenten-Entwicklung ist ein gefährliches Geschäft”, sagt Siegfried Bialojan, Leiter des Industriesektors Life Science bei Ernst & Young. Mehrere spektakuläre Pleiten haben die Anleger in den letzten Jahren erschreckt. Viele anfangs erfolgversprechende Wirkstoffe fielen dann doch durch die klinischen Tests, andere Tests konnten die Zulassungsbehörden nicht überzeugen:
• 2007 versagte die US-Pharma-Zulassungsbehörde FDA dem Münchner Unternehmen GPC Biotech überraschend die Zulassung für ihr Anti-Krebsmittel Satraplatin. GPC überlebte nur durch eine Finanzspritze des SAP-Gründers Dietmar Hopp.
• 2008 legte die FDA die Zulassung des Wirkstoffs Icatibant gegen erbliche Ödeme der Berliner Jerini AG auf Eis. Der Aktienkurs brach ein.
• 2009 traf es einen Großen. Merck bekam im Juli das Aus von der Europäischen Zulassungsbehörde für ihren Antikörper Cetuximab als Mittel gegen Lungenkrebs.
Solche Ereignisse treffen die Firmen mehrfach: Zunächst können sie ihr Produkt nicht verkaufen. Das führt zum Rückzug der Investoren, und damit fehlt das Geld für neue Studien. Ein Teufelskreis, der kleinen Firmen das Genick brechen kann.
Die deutschen Biotech-Unternehmen forschen seit etwa Mitte der 1990er-Jahre. Damals hatten viele Start-Ups nur Laborergebnisse und viel Enthusiasmus. Aber wer überlebt hat, verfügt entweder über eine gute Plattform-Technologie oder über eine gut gefüllte Pipeline mit Wirkstoffen in klinischen Tests. Beides ist bei den Pharmafirmen heiß begehrt, denn den Großen fällt trotz riesiger Forschungsabteilungen oft nicht viel Neues ein. „Die haben keine Kraft für etwas Neues, denn dort muss man jeden Cent rechtfertigen, den man für eine verrückte Idee ausgibt”, meint Simon Moroney, Vorstandsvorsitzender der Münchner Antikörper-Firma Morphosys. Die Folge: Die Großen haben zu wenig erfolgversprechende Medikamente in der Entwicklungs-Pipeline.
Dieser riskante Trend hat zum Umdenken in der Branche geführt. „Während Pharmaunternehmen vor zehn Jahren kleine Forschungs- und Entwicklungs-Firmen gar nicht wahrgenommen haben, sind diese jetzt heiß begehrt”, sagt Holger N. Reithinger von der Investmentfirma Global Life Sciences Venture in München. „Big Pharma”, die Riege der großen Pharma-Firmen, ist regelrecht auf Shopping-Tour. Die spektakulärste Übernahme schaffte ausgerechnet die wegen ihrer Zulassungsprobleme angeschlagene Jerini AG. Sie wanderte für 328 Millionen Euro an den britischen Arzneimittelhersteller Shire. Jerini wurde allerdings anschließend als Forschungsfirma aufgelöst.
Finanzpolster für die Freiheit
Bei den meisten Übernahmen wollen die neuen Besitzer aber das Gegenteil: Die kleinen Biotech-Firmen sollen als eigenständige Einheiten erhalten bleiben. Schließlich braucht man den frischen Wind der jungen Firmen ja noch für weitere Innovationen. „Und das funktioniert nur, wenn diese Einheiten weiter so flexibel arbeiten können wie vorher”, sagt Bialojan. Die Kleinen brauchen andererseits die Großen. Nur Big Pharma hat das finanzielle Polster, das Know-how und die Infrastruktur für die sehr aufwendigen klinischen Studien. Kleine Firmen, die den gesamten Forschungs- und Entwicklungsablauf alleine stemmen wollten, sind daran gescheitert. Oder sie wurden aufgekauft, wenn sie Glück hatten.
Auch wenn immer mehr Risikokapital- Investoren Angst vor jungen Biotech-Firmen bekommen, gibt es gute Gründe, in neue Unternehmen zu investieren, denn irgendwann sind die guten Ideen von gestern aufgebraucht und neue Ansätze gefragt. Allerdings haben sich die Zielsetzungen für die Investoren stark verändert. 1999 war der Börsengang eines Unternehmens das Traumziel. Heute denken die „Investment Capitalists” von Anfang an über Allianzen mit großen Firmen oder Übernahmen nach. Holger Reithinger erklärt: „Wir finanzieren heute ein junges Biotech-Unternehmen, wenn wir glauben, dass Big Pharma in fünf oder sechs Jahren auf der Suche nach genau einem solchen Produkt sein wird.” ■
Bei der Recherche kehrte Thomas Willke zu seinen wissenschaftlichen Wurzeln zurück: In seiner Diplomarbeit ging es um Antikörper.
von Thomas Willke





