Über Städten machen Wolken die Nacht nicht dunkler, sondern heller. Diesen paradox erscheinenden Effekt bei der sogenannten Lichtverschmutzung haben deutsche Forscher nun erstmals genau vermessen. Demnach ist der Nachthimmel über Großstädten bei Bewölkung etwa zehnmal so hell wie in einer sternenklaren Nacht. Diese Wirkung entsteht durch die Reflexion der Stadtlichter an und in den Wolken, erläutern die Wissenschaftler. Ohne die Lichtquellen des Menschen verdunkelt eine Wolkendecke dagegen den Nachthimmel, indem sie das Sternen- und Mondlicht abschirmt. Die Lichtverschmutzung gilt als Störfaktor für Mensch und Natur, betonen die Forscher. Bei Untersuchungen zu ihrer Auswirkung sollte der Effekt der Bewölkung stärker als bisher berücksichtigt werden, schreibt das Team um Christopher Kyba von der FU Berlin.
Künstliches Licht bringt zwar enorme Vorteile und macht den Menschen unabhängig vom Tagesverlauf, doch auch hier gilt den Forschern zufolge: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wenn der Mensch die Nacht zum Tag mache, bleibe das nicht ohne Folgen, denn viele Regelprozesse der Natur orientieren sich am Rhythmus von Tag und Nacht. Studien weisen bereits darauf hin, dass nächtliches Licht negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen haben kann und auch die Natur durcheinanderbringt. Diesem Thema widmet sich auch das Projekt “Verlust der Nacht”, an dem die Wissenschaftler der Studie beteiligt sind. Das Ziel ist, die ökologischen, gesundheitlichen sowie kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen, aber auch die Ursachen für die zunehmende Helligkeit der Nacht zu untersuchen.
Die aktuelle Studie basiert auf dem Vergleich der Helligkeit eines klaren und eines bewölkten Nachthimmel mit einem sogenannten “Sky Quality Meter”, das die Helligkeit in einem bestimmten Himmelsabschnitt misst. Die Software für die Auswertung der Daten entwickelten die Forscher selbst. Damit sammelten sie im Frühling und im Sommer letzten Jahres fünf Monate lang im Raum Berlin die Daten für ihre Analysen zum Effekt der Bewölkung – einmal in einem eher ländlichen Gebiet 32 Kilometer vom Berliner Zentrum entfernt und einmal in der Stadt selbst, in einer Entfernung von etwa 10 Kilometer vom Zentrum. Das Ergebnis: “Wir haben gefunden, dass ein bewölkter Himmel schon in dem ländlichen Gebiet dreimal so hell war wie ein klarer, und in der Stadt selbst sogar zehnmal so hell”, sagt Kyba. Die Lichter der Stadt bilden demnach eine Art Kuppel, die sich auch noch in kilometerweit entfernte ländliche Bereiche erstreckt.
Ihre Software wollen die Forscher nun auch anderen Wissenschaftlern und Laien weltweit zur Verfügung stellen. So könnte eine globale Datenbank über die Helligkeit des Nachthimmels entstehen, hoffen sie. Das langfristige Ziel seien dabei Lösungsansätze für moderne Beleuchtungskonzepte und nachhaltige Techniken. Wer Interesse an der Teilnahme an diesen Messungen hat, kann sich unter sqm@wew.fu-berlin.de bei den Wissenschaftlern melden.
Christopher Kyba (Freie Universität Berlin) et al: PLoS One, doi:10.1371/journal.pone.0017307.g001 dapd/wissenschaft.de –
Martin Vieweg