In der tunesischen Oasenstadt Gafsa baute ein Unternehmen jahrelang Salat für den Export nach Europa an. Dafür pumpte es ständig Wasser aus nicht erneuerbaren Wasserquellen. Der Grundwasserspiegel sank ab und ist heute zu tief für die Brunnen vieler lokaler Landwirte. Das neue Lieferkettengesetz soll so etwas nun verhindern – zu spät für die Bauern hier.
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Text: Vanessa Barisch
Etwa 30 Kilometer von der südtunesischen Stadt Gafsa entfernt wartet der Landwirt Rachid an seinen Kleintransporter gelehnt. Er und viele weitere Landwirtinnen und Landwirte sind besorgt und verärgert: Das Unternehmen Primed hat seit 2009 in der trockenen Gegend Salat für den europäischen Markt angebaut und rund um die Uhr Wasser aus dem sich nicht mehr erneuernden Aquifersystem gepumpt. Dadurch trug der Konzern entscheidend zum rapiden Absinken des Grundwasserspiegels bei. Im November wurde dem inzwischen insolventen Primed der Strom abgestellt, doch der Zugriff auf Wasser ist für die Menschen der Region damit nicht wiederhergestellt.
Gewaltige Wasserspeicher
Bis zum Hauptgebäude von Primed, einem unscheinbaren weißen Kastengebäude, ist es nur eine kurze Fahrt. Es liegt an der Bundesstraße zwischen Gafsa und der tunesischen Hauptstadt Tunis, damit die Salatpflanzen auf direktem Weg zum Hafen von Tunis gebracht werden konnten und schnellstmöglich frisch auf den Tellern in Europa landeten – in Deutschland unter anderem von Bonduelle und McDonald’s auf den Markt gebracht.
Direkt hinter dem Hauptgebäude biegt Rachid in eine Seitenstraße ein, navigiert zwischen einigen Schlaglöchern hindurch, während das Netz aus Oliven-, Mandel- und Pistazienplantagen vorbeizieht. Mittendrin immer wieder weitläufige leere Flächen, die dem Konzern gehören und auf denen jahrelang Salat angepflanzt wurde. „Primed ist ein Riese unter Zwergen“, erklärt Rachid, der sich jahrelang gemeinsam mit anderen Betroffenen gegen den Salatanbau eingesetzt hatte. 240 Hektar bewirtschaftete Primed in der fruchtbaren Ebene nördlich der tunesischen Stadt Gafsa, die restlichen Landwirtschaften umfassen meist nicht mehr als fünf Hektar.
„Das ist das größte Speicherbecken“, Rachid zeigt aus dem Fenster auf einen Erdwall, in den von oben eine Plastikplane eingespannt ist. Alljährlich im September begann das Unternehmen, aus illegal gebauten Brunnen Wasser in die insgesamt vier Speicherbecken zu pumpen. Dadurch wurde die kontinuierliche Wasserversorgung des Salats sichergestellt. 30.000.000 Liter Wasser fasst allein das größte der drei Becken, zum Vergleich: Ein herkömmliches Schwimmbecken enthält gerade mal 625.000 Liter Wasser.
In der roten Zone
Gafsa liegt in einer sogenannten roten Zone, einer Gegend, die über extrem wenig Wasser im Vergleich zum Bedarf verfügt. Im Schnitt treten weniger als 29 Regentage pro Jahr mit nur rund 170 Millimetern Regen auf. Blickt man auf Tunesien insgesamt, stehen pro Person im Jahr durchschnittlich etwa 420 Kubikmeter an erneuerbaren Frischwasserressourcen zur Verfügung. Bei unter 500 Kubikmetern spricht die UNESCO von absoluter Wasserknappheit.
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Im Kontrast zu den knappen Ressourcen steht ein Überverbrauch von 130 Prozent auf ganz Tunesien gerechnet – die Lage in Gafsa lässt noch drastischere Zahlen vermuten. So sank der Grundwasserspiegel dort zuletzt immer weiter ab. Für Landwirtinnen und Landwirte wurde es zunehmend schwierig, an Wasser zu kommen, weil ihre Brunnen nicht tief genug sind oder an einigen Stellen einfach kein Wasser mehr vorhanden ist.
„Ich erinnere mich, dass ich 2018 noch mit einem normalen Brunnen bei etwa 45 Metern Wasser hochholen konnte“, schildert Rachid. „Heute sind es 68 Meter.“ Rachid biegt in einen holprigen Feldweg ein. Nachdem die Karosserie ein paar schmerzhafte Geräusche vom Schleifen an Steinbrocken und Erdklumpen von sich gegeben hat, kommt der Kleintransporter vor einer kleinen Baracke zum Stehen, neben der eine Solaranlage platziert ist. Mit Sonnenenergie pumpt Rachid für sich und seine Nachbarn, deren Brunnen nicht mehr tief genug sind, das Wasser für die Bewässerung nach oben. Eine Erlaubnis für Brunnen, die tiefer als 50 Meter reichen, zu bekommen, ist kaum mehr möglich. Primed hatte solche Brunnen, obwohl dem Konzern die Genehmigung fehlte. „Die Behörden haben davor seit Jahren die Augen verschlossen“, ärgert sich Rachid.
Wie lange das Grundwasser in der Ebene von Gafsa noch reicht, ist unklar. Zur Erfassung des Aquifersystems wäre eine kontinuierliche Messung des Grundwasserspiegels an unterschiedlichen Stellen mit Sonden oder Satelliten- und Fernerkundungstechnologien nötig. Doch weder das Personal noch die Technik dafür will oder kann sich das kurz vor dem Bankrott stehende Tunesien leisten. Gafsa ist nicht an die Regenwasserspeicherseen im Norden des Landes angeschlossen, die die Hauptstadt Tunis und die Küstenregion versorgen. Das macht den Erhalt des Aquifers für die Menschen in der Region absolut dringlich.
Oliven, Pistazien und Mandeln
Der Kleintransporter ruckelt vorbei an Olivenbäumen mit breiten knorrigen Stämmen und dunkelgrüner Belaubung. Ein weißer Suzuki kommt aus entgegengesetzter Richtung. Rachid hält an, um seinen Nachbarn Housin zu begrüßen. „Labes?“, fragt Rachid – zu Deutsch: „Alles gut?“ – „Alles gut, Gott sei Dank!“, antwortet jener. Gemeinsam fahren die Landwirte weiter zu Housins Pistazienplantage direkt neben einem von Primeds Salatfeldern. Housin ist weniger gesprächig als Rachid und etwas mürrisch. Auch ihm geht das Wasser aus, wie die schnurgerade gepflanzten Reihen Pistazienbäumen zeigen, einige haben nur noch verdorrte Blätter, die leicht in der Brise wiegen.
Die meisten Landwirtinnen und Landwirte bauen in der Region Oliven, Pistazien und Mandeln an. Zwar ist der Wasserverbrauch dieser Produkte aufs Kilo gerechnet höher als der von Salat; ein Kilo Mandeln verbraucht etwa 8.000 Liter Wasser, während ein Kilo Salat um die 280 Liter braucht. Dennoch war Primeds Wasserverbrauch pro Hektar deutlich höher als der der lokalen Landwirtschaft: Die Reifezeit ist mit rund sechs Monaten deutlich länger als die von Salat, der bereits nach zwei Monaten, unter Umständen durch Düngemittel beschleunigt, geerntet wird. Auch werden ungleich mehr Salatpflanzen als Mandelbäume auf einem Hektar angebaut. Zudem produzieren Landwirte wie Rachid und Housin vorwiegend für den tunesischen Markt, der in den letzten Jahren wiederholt Lebensmittelknappheiten erlebt hat. Während Europa sicher nicht auf Salat aus dieser Region angewiesen ist.
Schlechter Lohn, schlechte Arbeitsbedingungen
Keine zwei Kilometer vom Hauptgebäude von Primed entfernt liegt der Hof der Familie Neili. In einfachen unverputzten Häusern mit unverglasten Fenstern wohnen verschiedene Familienmitglieder, fast alle hatten Jobs bei Primed. „Ich habe fast drei Jahre bei Primed gearbeitet“, berichtet Sulaf Neili, die umgerechnet mit weniger als drei Euro pro Tag bezahlt wurde. Das entspricht zwar dem tunesischen Mindestlohn, allerdings reichen die auf den Monat gerechneten 140 Euro auch in tunesischen Dinar nicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Dazu kamen miserable Arbeitsbedingungen: „Bei Regen und Eiseskälte genauso wie in der stechenden Mittagssonne habe ich die Salatpflanzen ohne Handschuhe oder wetterfeste Kleidung eingesetzt. Manchmal mussten wir bis in die Nacht arbeiten, weil die Lieferung fertig gemacht werden musste. Die Überstunden haben sie nicht bezahlt.“ Wie Sulaf waren jedoch viele in der Region trotzdem
froh, irgendwie das Familieneinkommen aufbessern zu können. Auch ihr Cousin Ibrahim war bis zuletzt bei Primed angestellt. „Im letzten halben Jahr hat der Boss nicht mal mehr die Sozialabgaben abgeführt, sodass ich nicht zum Arzt gehen konnte.“ Er war für das Ausbringen der Pestizide im Einsatz, und das meist ohne Schutzkleidung. „Viele Menschen hier hatten einfach keine Alternative“, sagt Rachid, als er wieder im Auto sitzt.
In Umfragen des Arab Barometer in den Jahren 2021 und 2022 gaben 53 Prozent der tunesischen Bevölkerung an, am Ende des Monats nicht satt zu werden. Grund dafür ist der Durchschnittslohn, der umgerechnet etwa bei 280 Euro liegt, während die Lebenshaltungskosten mit rund 470 Euro deutlich höher sind. Das Geschäftsmodell von Primed hat diese Entwicklung gefördert. Es war darauf ausgelegt, dass nur wenige von dem Unternehmen profitierten, genauer gesagt wohl nur der Inhaber Adel Tlili, ein Geschäftsmann aus der Küstenregion Tunesiens.
Schädliche Herbizide
Die Fahrt geht weiter, irgendwann versperrt eine Ziegenherde den Weg, die der Hirte gemächlich zur Seite delegiert. An einer Kreuzung zeigt Rachid auf einen Müllhügel aus schwarzen Plastikschläuchen und weißen Stoffen – Überbleibsel des müllintensiven Salatanbaus. Dazwischen liegen ein paar alte Plastikbehälter des Herbizids Stomp Aqua und einige leere Säcke von CristalJisa 13–40–13. Das Etikett von Stomp Aqua fordert in Symbolsprache eindeutig, beim Umgang damit Schutzkleidung und Gesichtsmasken zu tragen. Dass dies nicht umgesetzt wurde, hatte Ibrahim, der wohl jahrelang ungeschützt diesen Chemikalien ausgesetzt war, eben berichtet. Auch CristalJisa 13–40–13 ist durch den hohen Phosphorgehalt des Produkts gesundheitsschädlich und kann zudem die Qualität des Grundwassers beeinträchtigen.
Der Kampf der Bürgerbewegung
Das nächste Etappenziel ist das Dorf Alim, das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der Gegend. Neben der Moschee liegt ein kleiner Lebensmittelladen, der mit dem Nötigsten ausgestattet ist. Auf der anderen Straßenseite ist ein Geschäft, das Düngemittel verkauft, und daneben ein Café. Auf der Terrasse sitzen Landwirte in der Abendsonne auf grünen Plastikstühlen und schlürfen ihren Kaffee. Unter ihnen auch Jamel und Yassine. Sie betreiben die Facebook-Seite „Gafsa Nord“ und haben dort seit 2014 die Probleme und den Protest der Ansässigen dokumentiert. „Wir wissen alle, dass Primeds Umgang mit dem Wasser nicht legal war“, sagt Jamel. Bis in die landesweiten Medien hatte
es der Skandal um Primed geschafft, und das Landwirtschaftsministerium hatte eine Untersuchung eingeleitet, die trotz eindeutiger Beweislage der illegalen Nutzung von tief liegenden Wasservorkommen letztendlich im Sand verlief.
Jamel vermutet, das hier Korruption im Spiel war. Wie Rachid, gehören Yassine und Jamel seit Langem der Bürgerbewegung an, die gegen Primed mobilisiert hat. Noch Anfang September organisierten sie einen Protest mit Sitzstreiks und einer Blockade der Bundesstraße. Yassine zeigt Fotos von brennenden Reifen und einer Menschenmenge mit Transparenten vor dem Hauptgebäude von Primed.
Am kleinen runden Tische des Cafés reicht Yassine sein Handy in die Runde, mit dem er die Website von Primed aufgerufen hat. Dort sind immer noch absurde Bilder von leuchtend grünen Salatpflanzen in einer sonst trockenen Gegend umgeben von Wüstenbergen zu sehen. „Dank seiner geopolitischen Nähe zu Europa, seines gemäßigten Klimas (…) stellt Tunesien für Europa eine alternative Bezugsquelle für Gemüseprodukte in der Wintersaison dar, ohne mit der lokalen Produktion verschiedener europäischer Länder während der Sommersaison zu konkurrieren“, preist die Website das Businesskonzept von Primed an. Stolz zählt die Website auch die Abnehmer der Salate auf, darunter McDonald’s Europa und das französische Unternehmen Bonduelle, das den deutschen und französischen Markt mit Salat versorgt.
Anfang Oktober wunderten sich die Leute in Gafsa, dass Primed die Arbeit noch nicht wieder aufgenommen hatte. „Normalerweise wird dann schon wieder ausgesät“, sagt Rachid. Es gab bereits länger Gerüchte, der Inhaber Adel Tlili sei pleite und habe sogar schon erste Maschinen und Flächen verkauft. Doch die Wasserbecken waren ab September wieder befüllt worden – vielleicht auch für das Tochterunternehmen, FruitMed, das laut Website Mandeln für den Export produzieren sollte. Doch im November war die Insolvenz offensichtlich. Das Befüllen der Becken wurde gestoppt.
Die Landwirtinnen und Landwirte haben unterdessen zusammengelegt und einen Anwalt engagiert. „Tlili lässt uns jetzt hier halb verdurstet sitzen“, fasst Jamel die frustrierende Lage zusammen und drückt seine Zigarette im inzwischen ziemlich vollen Aschenbecher aus. Auch wenn Primed jetzt weg ist – das Wasser ist es auch.
Besser geschützte Lieferketten?
Mittlerweile gibt es in Europa unterschiedliche nationale Gesetze und sogar eine europäische Gesetzgebung zur Sorgfaltspflicht von Unternehmen entlang ihrer Lieferketten, um Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden zu verhindern. Somit könnte nicht nur ein Unternehmen wie Primed selbst für die Wasserverschwendung, die illegale Nutzung der Wasserressourcen oder die Verletzungen des Arbeitsrechts verantwortlich sein, sondern beispielsweise auch europäische Unternehmen, die bei Primed einkaufen.
Am 1. Januar 2023 trat das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz in Kraft und galt zunächst für Unternehmen mit mindestens 3.000 Angestellten in Deutschland, seit 2024 ist die Schwelle auf 1.000 gesunken. Da Bonduelle in Deutschland nur 500 Mitarbeitende beschäftigt, ist es nicht vom Lieferkettengesetz betroffen. McDonald’s hingegen beschäftigt 65.000 Menschen in Deutschland und ist deshalb zur Sorgfalt entlang seiner Lieferkette verpflichtet. Vorschriftsgemäß hat McDonald’s eine Website eingerichtet, an die Beschwerden gegen Verstöße an der Lieferkette gemeldet werden können.
Es ist dunkel geworden in Alim und etwas steif vom langen Sitzen verabschieden sich Jamel und Yassine per Handschlag. Auf dem Rückweg zum Busbahnhof in Gafsa meint Rachid: „Wichtig wäre mir, dass die, die wirklich geschädigt sind durch Primed und kein Wasser mehr haben, eine Entschädigung bekommen.“
Das wird mit dem aktuellen deutschen Lieferkettengesetz jedoch nicht passieren. Bei dem Beschwerdemechanismus geht es nur darum, Verstöße entlang der Lieferkette aufzuspüren und zu beheben, nicht aber, bereits entstandene Schäden zu kompensieren. Das wird erst mit der Umwandlung des europäischen Lieferkettengesetzes in nationales Recht bis zum Jahr 2026 möglich werden.
Doch das ist nur ein kleiner Trost für Rachid, Housin, Jamel, Yassine und viele weitere Betroffene in Gafsa, die mit den Folgen von Primeds Wasserraub leben müssen. //
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