Rund 700 Milliarden Tonnen Kohlenstoff stecken insgesamt in allen lebenden Organismen der Erde. Das hat eine deutsch-amerikanische Forschergruppe berechnet. Dieser neue Wert ist etwa um ein Drittel geringer, als frühere Schätzungen ergeben haben. Bislang wurde die Biomasse der Organismen im Meeresboden weit überschätzt, erklären die Forscher um Jens Kallmeyer von der Universität Potsdam.
Bisher ging man davon aus, dass in den einzelligen Mikroorganismen, die sich im Meeresboden von Sedimenten ernähren, 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff stecken. Das entsprach 30 Prozent der bisher geschätzten lebenden Biomasse der Erde. Diese Werte beruhten aber auf falschen Bemessungsgrundlagen, sagen nun die Forscher. Ihren neuen Untersuchungen von Sediment-Bohrkernen zufolge ist die Besiedelungsdichte des Meeresbodens vielerorts weit geringer ist als bisher gedacht. Demzufolge betrage die Biomasse der Organismen in den marinen Sedimenten unterm Strich nur etwa vier Milliarden Tonnen Kohlenstoff, sagen Kallmeyer und seine Kollegen.
Die ?Wüsten der Meere? wurden bisher falsch einberechnet
Die früheren Schätzungen beruhten auf Untersuchungen von Bohrkernen, die hauptsächlich von küstennahen und sehr nährstoffreichen Gebieten stammten. ?Etwa die Hälfte der Weltmeere ist aber extrem nährstoffarm, daher wurde schon seit einiger Zeit vermutet, dass die Biomasse im Meeresboden stark überschätzt wird. Allerdings gab es bisher keine Daten zur Bestätigung dieses Verdachts?, erklärt Kallmeyer. Deshalb untersuchten die Forscher für die aktuelle Studie Proben aus Sedimentbohrkernen, die fernab von Küsten gesammelt wurden. Die sechs Jahre andauernden Forschungsarbeiten offenbarten nun, dass in diesen Meeresgebieten, die aufgrund ihrer Nährstoffarmut auch ?Wüsten der Meere? genannt werden, bis zu hunderttausendmal weniger Organismen existieren als in vergleichbaren Bohrkernen in Küstennähe. Mit diesen neuen Daten berechneten die Wissenschaftler die Biomasse der marinen Sedimente neu und kamen auf die drastisch niedrigeren Werte.
Die neuen Zahlen sind allerdings erneut nur eine grobe Schätzung, geben die Forscher zu, denn über die Verteilung der Lebewesen auf unserem Planeten gibt es weiterhin viele Unklarheiten. ?Unsere Ergebnisse zeigen, dass es erforderlich ist, auch andere Zahlen, wie beispielsweise für die Menge an Kohlenstoff in tiefen Sedimenten an Land neu zu berechnen?, sagt Jens Kallmeyer. Gerade die Erforschung der sogenannten Tiefen Biosphäre, also des Lebens, das in mehreren Kilometern Tiefe in der Erdkruste existiert, steckt noch in den Kinderschuhen, betonen die Forscher.
Alan Gadian (University of Leeds) et al.: PNAS, DOI: 10.1073/pnas.1203849109 © wissenschaft.de ? Martin Vieweg





