Die Nachricht erschien auf den ersten Blick recht unspektakulär: „Forscher identifizieren Cholesterin als Auslöser der Arteriosklerose”, titelten einige Zeitungen mit Bezug auf eine Studie im Fachblatt „Nature”. Doch was wie ein alter Hut daherkommt – schließlich ist ein hoher Cholesterinspiegel bekanntermaßen schlecht für die Arterien –, ist tatsächlich etwas völlig Neues. Korrekt müsste es nämlich lauten: „Forscher identifizieren Cholesterin-Kristalle als Auslöser der Arteriosklerose”.
„Wir wussten zwar, dass in den entzündeten Ablagerungen in den Blutgefäßen bei Arteriosklerose, den sogenannten Plaques, Cholesterin-Kristalle vorkommen”, berichtet Eicke Latz von der Universität Bonn, einer der Studienleiter. Bisher galten diese Kristalle aber eher als Folge der Plaque-Bildung denn als deren Ursache. Allerdings: „Wir hatten bereits in anderen Fällen beobachtet, dass kleine Kristalle das Immunsystem aktivieren und so Entzündungen auslösen können, beispielsweise bei Gicht”, sagt Latz. Daher sei die Vermutung naheliegend gewesen, es könne auch bei der Arteriosklerose einen solchen Zusammenhang geben – insbesondere, weil in den Plaques immer massenweise Immunzellen nachzuweisen sind. Und tatsächlich: Bei fettreich ernährten Modell-Mäusen beobachteten er und seine Kollegen schon nach zwei Wochen winzige Cholesterin-Kristalle in den Adern. Nahezu gleichzeitig begannen Immunzellen dorthin zu wandern und sich um die Kriställchen zu scharen.
Diese Beobachtung, gestützt von einer Reihe von Labortests, wirft ein ganz neues Licht auf den Beginn der Erkrankung. Latz erläutert: „Der Körper hat ein ausgeklügeltes Speicher- und Transportsystem für Cholesterin.” Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, können sich die scharfkantigen Kriställchen bilden. Sie rufen das Immunsystem auf den Plan, das seine Fresszellen schickt, um sie zu beseitigen. „Und dann beginnt eine Art Teufelskreis”, sagt Latz: Die aufgenommenen Kristalle verletzen die Immunzellen tödlich, was weitere Abwehrtruppen herbeiruft, die dann wiederum versuchen, die Ablagerungen zu beseitigen.
Diese Vorstellung ist nicht nur einleuchtend, sie erklärt auch einige Beobachtungen, die Forschern bislang Rätsel aufgaben. Und das Modell eröffnet neue Möglichkeiten, die Krankheit zu behandeln. „Man könnte etwa versuchen, mithilfe von Wirkstoffen die Kristallbildung zu bremsen oder die Kristalle aufzulösen. Auch eine Blockierung der Immunreaktion wäre denkbar”, sagt Latz. Die beste Behandlungsmethode sei aber nach wie vor, den Cholesterinspiegel niedrig zu halten – „dann entsteht das Problem gar nicht erst.”





