Deutschland möchte künftig ausschließlich auf regenerative Energien setzen und sowohl nuklearen als auch fossilen Brennstoffen den Rücken kehren. Der Ausstieg aus der Kernenergie ist bereits vor zwei Jahren vollzogen worden, der Kohleausstieg soll bis Ende 2038 abgewickelt sein. Beide Maßnahmen sind Teil des größeren Vorhabens, bis 2045 die Netto-Null zu erreichen und damit treibhausgasneutral zu sein. Doch gerade die Rolle des Kohleausstiegs war in diesem Zusammenhang von Anfang an umstritten. Das Argument der Kritiker: Zwar werden damit offensichtlich Emissionen eingespart, doch dieses Minus könnte an anderer Stelle wieder zunichte gemacht werden.
Erfolg von Alleingängen ist fraglich
„Wir müssen genau hinschauen, ob das, was national an Emissionen eingespart wird, nicht einfach woanders wieder freigesetzt wird“, erklärt Grischa Perino von der Universität Hamburg, der die Wirksamkeit des deutschen Kohleausstiegs gerade mit seinem Team untersucht hat. Zum Beispiel besteht die Problematik, dass Strom in Europa grundsätzlich in einem vernetzten Markt gehandelt wird. Schaltet Deutschland seine Kohlekraftwerke ab, verringert sich somit zwar hierzulande die „schmutzige“ Stromproduktion, doch andere Länder könnten dann mit ihren eigenen Kohlekraftwerken einspringen und die entstandene Lücke füllen.
Im schlimmsten Fall sind die anderen fossilen Kraftwerke dabei weniger effizient oder nutzen noch klimaschädlichere Brennstoffe. Dann könnten die europäischen Emissionen in Summe sogar steigen. Für das Jahr 2020 beziffern Perino und sein Team diese sogenannte Verlustrate auf rund 55 Prozent. Das heißt: Jede Tonne CO2, die Deutschland zu diesem Zeitpunkt eingespart hatte, hätte theoretisch zu mehr als der Hälfte durch zusätzliche Emissionen in anderen Ländern wieder zunichtegemacht werden können.
Emissionshandel und Wasserbett-Effekt
Eine weitere Tücke birgt der EU-Emissionshandel (ETS), wie Perino und seine Kollegen berichten. Im ETS ist die Gesamtmenge an Emissionsrechten geregelt, die den Ausstoß von CO2 begrenzen. Diese Rechte können Unternehmen erwerben und handeln. Dabei funktioniert der EU-Emissionshandel wie ein Deckel auf den gesamten Emissionen von Sektoren wie Energie und Industrie. Das heißt auch: Wird in einem Land wie Deutschland die Nachfrage nach Emissionsrechten durch den Kohleausstieg reduziert, sinkt der Preis dieser Rechte. Das wiederum kann dazu führen, dass Unternehmen in anderen Sektoren oder Ländern mehr ausstoßen, da die Verschmutzung für sie billiger geworden ist. „Wie bei einem Wasserbett, bei dem man eine Stelle herunterdrückt und sich dadurch eine andere Stelle anhebt“, erklärt Perino.
Doch im Falle des geplanten Kohleausstiegs könnte dieser „Wasserbett-Effekt“ eine deutlich geringere Hürde darstellen als von Kritikern befürchtet, wie die Forschenden ermittelt haben. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Kohleausstieg abgestuft erfolgt: Alte, besonders klimaschädliche Kraftwerke werden zuerst abgeschaltet, dafür erhalten neue, effizientere Kraftwerke eine längere Gnadenfrist. „Dies führt dann zu einem primär negativen Wasserbetteffekt“, so Perino und sein Team. Sie haben in ihrer Studie auch eine Formel aufgestellt, die die Berechnung der Klimaschutzwirkung erleichtern soll. „Wir hoffen, dass unsere Analyse Entscheidenden dabei helfen kann, wirksame Portfolios an Klimaschutzmaßnahmen zusammenzustellen“, schreiben die Forschenden.





