Text: Peter Laufmann
Ein Baum allein macht noch keinen Wald, auch nicht Hunderte von Bäumen. Nein, damit ein Wald zu dem bunten Hort der Vielfalt wird, braucht es tausenderlei mehr Arten. Und viele davon sind nicht so agil wie eine Maus oder ein Käfer. Neben Pilzen, Moosen, Farnen, Gräsern bereichern alle möglichen Arten von Blumen, von krautigen Pflanzen das Gesamtbild eines Waldes. Sie charakterisieren einen Wald im selben Maße wie Bäume das tun.
Rund 1.000 verschiedene Blumen gedeihen in den Waldökosystemen zwischen Nordsee und Alpen. Selbstverständlich geben Bäume den Ton an. Sie formen das Klima, halten Feuchtigkeit und lassen Licht zu den niederen Verwandten. Alle anderen Organismen müssen damit leben. Blumen haben im Wald ein paar Tricks entwickelt, um das Beste aus diesen Bedingungen herauszuholen.
Gerade für die bunten Blumen ist es das Licht oder vielmehr der Mangel an Licht, der über ihr Wachstum entscheidet. Das ist jedem klar, der zwischen den Bäumen spaziert. So erreichen in einem dichten Fichten- oder Buchenwald nur zwischen zwei und fünf Prozent der Lichtmenge, die oberhalb der Krone ankommt, den Boden. Doch das Licht, seine Energie ist es, die die Blumen erst wachsen lässt.
Die Blumen sind gezwungen, sich diesem Mangel anzupassen. Über Jahrmillionen haben sie Strategien entwickelt, um im Schatten zu überleben. Die einfachste ist es, genügsam und mit wenig Licht zufrieden zu sein. Der Waldsauerklee etwa schafft es, im Halbdunkel zu gedeihen. Seine Blätter falten sich im Sonnenlicht zusammen, um die Verdunstung einzuschränken. Oder der Fichtenspargel. Diese bleiche Pflanze verzichtet gleich ganz auf Chlorophyll und damit die grünen Energieumwandler. Stattdessen zapft der Fichtenspargel Mykorrhizapilze an und lebt von deren Assimilaten.
Andere Arten dämmern vor sich hin, um immer genau dann aktiv zu werden, wenn es im Wald Licht im Überfluss gibt. Das passiert beispielsweise dort, wo im Wald eine Lücke ist; ein Weg, eine Wiese oder auch nur ein gefallener Baumveteran, der von Alter und Sturm niedergestreckt wurde. Wo kein Baum mehr den Himmel versperrt, gibt es mitunter dichte Teppiche von Schmalblättrigen Weidenröschen. Hasenlattich und Wald-Greiskraut fühlen sich wohl.
Es gibt aber noch die Strategie, dass die Pflanzen sich einen Zeitpunkt im Jahreslauf des Waldes aussuchen, in dem der Himmel noch nicht von Blättern verdeckt ist. Das funktioniert natürlich vorzugsweise in einem Laubwald. Im Frühjahr aktivieren diese Blumen ihre Kräfte. Sie blühen im Sauseschritt, bilden Samen und ziehen sich dann wieder in eine Ruhephase zurück. Eine immense Kraftanstrengung, denn dafür müssen sie genug Energie im Jahr davor sammeln, aufbewahren und im richtigen Moment aktivieren.





