Mittwoch früh, acht Uhr. Wir bilden den heutigen Suchtrupp: zwei Studierende der Bereiche Biologie, Ökologie und Forstwissenschaft, die hier ihr Praktikum absolvieren. In der Küche des Praktikantenhauses steht ein Laptop, der uns eine Karte mit vielen verschiedenen Punkten zeigt. Sie markieren, wo und wie sich die Wölfe im Böhmerwald in den letzten Tagen bewegt haben. Unsere Mission: Ihre Hinterlassenschaften finden. Denn die verraten, was wir sonst nicht über die Wölfe erfahren würden: Wie viele Wölfe gibt es aktuell? Sind sie miteinander verwandt? Wie bewegen sie sich und was essen sie? Gibt es Jungtiere, Rudel oder Einzelgänger?
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Text: Hannah Hoffschulz
Mittwoch früh, acht Uhr. Wir bilden den heutigen Suchtrupp: zwei Studierende der Bereiche Biologie, Ökologie und Forstwissenschaft, die hier ihr Praktikum absolvieren. In der Küche des Praktikantenhauses steht ein Laptop, der uns eine Karte mit vielen verschiedenen Punkten zeigt. Sie markieren, wo und wie sich die Wölfe im Böhmerwald in den letzten Tagen bewegt haben. Unsere Mission: Ihre Hinterlassenschaften finden. Denn die verraten, was wir sonst nicht über die Wölfe erfahren würden: Wie viele Wölfe gibt es aktuell? Sind sie miteinander verwandt? Wie bewegen sie sich und was essen sie? Gibt es Jungtiere, Rudel oder Einzelgänger?
„Mit den erhobenen Daten können wir faktenbasierte Informationen zur Diskussion über die Rückkehr der Wölfe beisteuern“, sagt Ursula Schuster, Leiterin des Nationalparks Bayerischer Wald. Seit 2015 gibt es wieder Wölfe im Böhmerwald, dem größten zusammenhängenden Waldschutzgebiet Europas, der auf deutscher Seite den Nationalpark Bayerischer Wald und auf tschechischer Seite den Nationalpark und das Landschaftsschutzgebiet Šumava umfasst. Zuerst kam ein junges Männchen, 2016 dann ein Weibchen, 2017 gab es das erste Mal Nachwuchs.
Die Nationalparkverwaltungen untersuchen das Vorkommen und Verhalten der Wölfe auf einer Gesamtfläche von 1.950 Quadratkilometern. In diesem riesigen Gebiet kleinste Spuren der Tiere finden zu wollen, gleicht der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. „Neben den Mitarbeitenden des Projektteams sind daher auch Doktorandinnen und Doktoranden, Masterstudierende sowie Praktikantinnen und Praktikanten an den Feldarbeiten und Analysen beteiligt“, berichtet Marco Heurich, Leiter des Sachgebietes Nationalparkmonitoring im Bayerischen Wald und Professor für Wildtierökologie und Naturschutzbiologie.
Suchziel: Schlafplätze
Heute ist die Feldarbeit die Aufgabe von uns beiden. Bevor es in den Wald geht, besprechen wir anhand der Karte unsere Route. Um die Tiere nicht zu stören, wollen wir möglichst nur Flächen betreten, in denen sich seit 24 Stunden kein Wolf mehr aufgehalten hat. Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung Šumava haben bis Ende 2025 elf Wölfe mit GPS-Halsbändern ausgestattet, die regelmäßig die genaue Position ihrer Träger senden. Sammeln sich die GPS-Meldungen über mehrere Stunden in einem Umkreis von 100 Metern, bezeichnen die Wissenschaftler das als „Cluster“. Meist entstehen Cluster tagsüber, wenn die Wölfe schlafen. An den Schlafplätzen der letzten Tage sind die Chancen besonders gut, noch Spuren der Wölfe zu finden. Also sind solche Cluster unser Ziel.
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Mit dem Auto fahren wir über holprige Forstwege in Richtung des ersten Clusters. Dann heißt es: Ab ins Unterholz, denn Wölfe schlafen meistens nicht mitten auf dem Weg, sondern ziehen sich in den Wald zurück. Bevor wir losgehen, kontrollieren wir die Ausrüstung. Am wichtigsten ist das GPS-Gerät, das uns zum Cluster lotst. Außerdem kennen unsere Kollegen so im Notfall unsere Position – über die Satellitentelefon-Funktion können wir, wenn nötig, Hilfe anfordern. Dazu kommen Handschuhe, Döschen und Marker, um später die gefundenen Spuren sicherstellen zu können. Auf unserem Weg durchs Fichtendickicht tragen wir hohe Wanderstiefel, lange Hosen und Regenjacken mit Kapuzen. Die schützen uns gegen die spitzen Fichtennadeln. Im Nationalpark wird die Natur sich selbst überlassen. Der Wald ist nicht darauf ausgelegt, von Menschen durchlaufen zu werden. Manchmal versperren uns umgefallene Bäume oder Sümpfe den Weg. Wir folgen den GPS-Koordinaten zum Cluster so gut es geht. Immer wieder klettern und rutschen wir über steile Passagen im Mittelgebirge Böhmerwald, bis wir schließlich unser Ziel erreichen.
Jetzt heißt es suchen. Dafür versuchen wir, uns in den Wolf hineinzuversetzen: Wo würde er es sich zum Schlafen gemütlich machen? Im dichten Unterholz ist es gar nicht so einfach, eine geeignete Liegefläche zu finden. Die Erfahrung zeigt, dass in Dickungen, Jungbeständen, strukturreichen Wäldern oder Flächen mit dichtem Unterwuchs beliebte Betten zu finden sind. Also knien wir uns hin und halten Ausschau nach der kleinsten, aber häufigsten Spur: Überall, wo ein Wolf gelegen hat, hinterlässt er Haare. Diese lassen sich später im Labor analysieren. „Die Daten erlauben Rückschlüsse auf die Zahl adulter, subadulter und junger Tiere“, sagt Leiter Marco Heurich. Solche Informationen über Rudelgrößen und Rudelzusammensetzungen lassen sich aus den Besenderungen einzelner Tiere nicht gewinnen. Doch die DNA aus den Haaren verrät den Forschenden nicht nur, wie viele Tiere sich in dem Cluster aufgehalten haben, sondern auch in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie stehen.
Bei unserem aktuellen Haarfund lautet die wichtigste Frage allerdings zunächst: Von welchem Tier stammen die Haare? Denn im Böhmerwald sind nicht nur Wölfe unterwegs, sondern auch Wildschweine, Rehe und Füchse. Doch die genauere Betrachtung der Haarstruktur verrät uns: Hier hat tatsächlich ein Wolf geschlafen. Das Haar ist charakteristisch gewellt, am Ansatz grau, zur Spitze hin verfärbt es sich weiß. Damit die DNA später im Labor untersucht werden kann, dürfen wir sie nicht mit unserer menschlichen DNA kontaminieren. Wir ziehen also Handschuhe an, um die Haare einzusammeln und in einer Dose zu verstauen. Danach versehen wir die Dose mit dem Datum und den genauen Koordinaten des Fundortes.
Neben Haaren hinterlassen die Wölfe auch noch andere Spuren. Kot zum Beispiel, auch Losung genannt, und die ist ebenfalls recht aufschlussreich. „Mit der Losung können wir herausfinden, von welchem Wolf eine Probe stammt, und mithilfe weiterer Analysen bestimmen, was das Tier gefressen hat“, erklärt Heurich. Doch stößt man im Wald auf Losung, ergibt sich ein ähnliches Problem wie bei den Haaren: Woher soll man wissen, welches Tier sie abgelassen hat? Aber auch hier gibt es ein Zeichen: Wölfe sind Jäger. Ihr Kot lässt sich an den unverdauten Haaren und Knochenresten ihrer Beute erkennen. Trotzdem braucht es Übung, Wolfslosung von dem Kot anderer Raubtiere wie beispielsweise Luchsen zu unterscheiden.
Losung kann man mit Glück überall finden. Sie befindet sich nicht nur innerhalb der Cluster, in denen die Wölfe tagsüber schlafen. Die Tiere setzen Kot auch ab, wenn sie nachts jagen und lange Strecken zurücklegen. „Immer wieder werden Losungen auch von anderen Mitarbeitenden der Nationalparkverwaltungen, wie Rangern oder Forstwirten gefunden. Die wissen ebenfalls, wie Wolfsspuren gesichert werden können.“, sagt Heurich.
Durch die Untersuchung des Kots konnten die Wissenschaftler bereits herausfinden, dass sich die Wölfe im Böhmerwald hauptsächlich von Rotwild und Rehen ernähren. Die wilden Huftiere machen 93 Prozent der Nahrung aus. An zweiter Stelle stehen kleinere Säugetiere wie Biber, Hasen oder Füchse. Nutztiere fressen die Wölfe deutlich weniger – 1,8 Prozent der Nahrung stammt von Vieh, überwiegend von Schafen.
Einfluss der Wölfe
Manchmal findet man innerhalb eines Clusters sogar die übrig gebliebenen Kadaver einer Wolfsmahlzeit: Spuren, die unmissverständlich zeigen, dass mit den Wölfen wichtige Beutegreifer in den Böhmerwald zurückgekehrt sind. Die Reste zeigen den Forschern genau, welche Individuen ihnen zum Opfer fallen. „Von den Kadavern entnehmen wir einen Backenzahn, der im Labor aufgeschnitten und poliert wird. Unter dem Mikroskop können wir anschließend das Alter des Tieres bestimmen. Ähnlich wie bei den Jahresringen eines Baumes entstehen im Zahn durch die regelmäßige Ablagerung von Zahnzement erkennbare „Jahresringe“, anhand derer sich das Alter ablesen lässt“, erklärt Heurich. Die Daten zeigen, dass die Wölfe besonders bei der Jagd auf junge und ältere Tiere viel Erfolg haben.
Zusätzlich zu den Kadavern sind auch die lebenden Beutetiere der Wölfe Teil des Monitorings, denn die Forschenden möchten herausfinden, wie sie auf die Rückkehr der Wölfe reagieren. Dazu wurden auch Rothirsche mit GPS-Sendern ausgestattet.
Die Tiere haben einen Einfluss auf die Waldentwicklung: Als Vegetarier fressen sie große Mengen an Blättern und bevorzugen insbesondere junge Sprosse. Das wäre für ein gesundes Ökosystem nicht kritisch, doch ohne natürliche Feinde können sich die Hirsche stark vermehren und die natürliche Verjüngung des Waldes beeinflussen. Die Frage ist, ob die Wölfe hier regulierend wirken.
„Bei Rothirschen wurden bereits Veränderungen im Verhalten beobachtet: Sie bewegen sich über den Tagesverlauf weniger, nutzen kleinere Streifgebiete und halten sich am Tag häufiger auf offenen Flächen und in der Nacht näher an Ortschaften auf. Ob diese Veränderungen allein auf die zunehmende Anwesenheit von Wölfen zurückzuführen sind, lässt sich derzeit jedoch noch nicht abschließend sagen, da auch andere Faktoren – etwa die Witterungsbedingungen und menschliche Störungen – eine Rolle spielen können“, erläutert Heurich. Auch von den Hirschen suchen Teams des Nationalparks Spuren im Wald. „Aus gesammelter Losung gewinnen wir weitere Informationen, beispielsweise über die Nahrungszusammensetzung und die Stressbelastung der Tiere“, so Marco Heurich.
Unsere gefundenen Spuren beschränken sich an diesem Tag auf die Wolfshaare. Nach der Beweissicherung geht es zurück in die Unterkunft. Mehr als zwei, maximal drei Cluster sind pro Tag nicht zu schaffen. Doch die Spurensuche ist noch nicht vorbei. Nach einer Dusche und mit einer Tasse heißem Tee in der Hand untersuchen wir das Verhalten der Wölfe vom Laptop aus weiter. Denn im Wald hängen Fotofallen, die alles dokumentieren, was dort vor sich geht. Die Wildkameras reagieren auf Bewegung und lösen dann ein Foto aus. Eine künstliche Intelligenz übernimmt die Vorsortierung der Bilder und bestimmt die darauf abgebildeten Tierarten.
Die Fotos liefern einen weiteren Hinweis darauf, wie viele Wölfe sich in einem Gebiet aufhalten. Die GPS-Daten, die uns morgens das Cluster verraten haben, zeigen uns jetzt: Wann und wie nutzen Wölfe ihr Territorium und wie viele Territorien gibt es derzeit? Wie nah sind diese an Siedlungen? Gibt es Einzelgänger auf Wanderschaft? So konnten Marco Heurich und sein Team zum Beispiel herausfinden, dass es im Untersuchungszeitraum 2024/2025 elf bestätigte Wolfsterritorien im Gebiet des Böhmerwaldes gab. Sechs Jahre zuvor waren es noch zwei Territorien. Die Kombination der gefundenen Spuren zeichnet ein umfassendes Bild: Im Zeitraum 2024/2025 gab es im Böhmerwald mindestens 33 Wölfe. 13 davon waren Jungtiere. In fünf der acht Reviere leben Rudel, in einem ein Pärchen und ein weiteres Revier gehört einem Einzelgänger. Beim letzten Revier ist die Zusammensetzung nicht bekannt. In drei Revieren gab es Nachwuchs.
Die Suche nach Spuren ist mühsam, doch sie lohnt sich. Nicht nur, um am Ende Zahlen und Prozentsätze präsentieren zu können, man entwickelt auch ein anderes Gefühl für das uns sonst verborgene Leben im Wald. Heurich resümiert: „Man sieht, wo die Wölfe ihre Beutetiere erlegen, wie sie dabei vorgehen, wie sie die Beute nutzen, aber auch, wo sie sich anschließend zum Ruhen und Schlafen hinlegen und wie sie sich im Gelände bewegen. Dann wird aus den Punkten auf dem Bildschirm plötzlich eine richtige Geschichte – und man bekommt einen unmittelbaren Einblick in das Leben der Wölfe, den reine Daten allein nicht vermitteln können.“ //
kann sich nicht vorstellen, unter einem Wurzelteller zu schlafen. Das eigene Bett findet sie deutlich gemütlicher.
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